Eine Mitarbeiterin hält im Zentrallabor des LADR-Laborverbundes Dr. Kramer und Kollegen einen Abstrich eines molekularbiologischen Tests auf das SARS-CoV-2-Virus. | dpa
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Corona-Neuinfektionen Wie groß ist das Dunkelfeld?

Stand: 10.12.2020 12:22 Uhr

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen hat einen Höchststand erreicht, obwohl die Zahl der Testungen sinkt. Das RKI geht aber nicht von einer wachsenden Dunkelziffer aus, schätzt den Faktor dafür auf vier bis sechs.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin, Redaktion ARD-faktenfinder

Die Zahl der Testungen in Deutschland ist in der Woche vom 30. November bis 6. Dezember weiter gesunken. Seit Mitte November gelten neue Testkriterien, seitdem sinkt die Zahl kontinuierlich: Anfang November hatte das Robert Koch-Institut noch mehr als 1,6 Millionen registriert; nach Umsetzung der neuen Testkriterien ging die Zahl auf 1,4 Millionen zurück - und nun auf unter 1,3 Millionen.

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Wegen der vielen Testungen hatte es zwischenzeitlich einen immer weiter wachsenden Rückstau von Proben in Laboren gegeben. Dieser Rückstau ist nun deutlich kleiner geworden, die Zahl sank von mehr als 60.000 auf zuletzt rund 12.000 Proben.

Während es also weniger Testungen gibt, wächst der Anteil der positiven Ergebnisse. Während im Sommer die Rate bei unter einem Prozent lag, weil es kaum ein Infektionsgeschehen gegeben hatte, steigt der Wert seit Wochen kontinuierlich. Anfang November lag die Rate bei 7,85 Prozent - und stieg den jüngsten Angaben zufolge Anfang Dezember erstmals auf mehr als zehn Prozent.

Wie viele unentdeckte Fälle gibt es?

Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es mehrere Kriterien, die anzeigen, ob ein Land einen realistischen Blick auf das Infektionsgeschehen hat. Neben der Zahl der Tests spielt dabei auch die Positivrate eine große Rolle. Je niedriger die Positivrate ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass viele Infektionen übersehen werden. Oder andersherum: Je höher die Positivrate, desto mehr unentdeckte Fälle gibt es mutmaßlich. Die WHO rät deshalb, eine Positivrate von weniger als fünf Prozent anzustreben.

RKI-Präsident Lothar Wieler erklärte das auf Nachfrage des ARD-faktenfinder, dass die WHO ihre Empfehlungen allerdings mit weltweiter Gültigkeit geben müsse. Daher gebe es große Unterschiede zum deutschen "Testregime", das Wieler als "sehr umfassend" bezeichnete. Dies treffe so aber auf die meisten Staaten nicht zu. Die steigenden Positivraten sieht Wieler daher nicht für ein Indiz für eine wachsende Dunkelziffer.

RKI-Chef Lothar Wieler | AFP

RKI-Direktor Wieler geht von einem Faktor von vier bis sechs aus. Bild: AFP

Mehr als 80.000 Infektionen täglich?

Wieler erklärte weiter, die Dunkelziffer, die sich aus Analysen zur sogenannten Untererfassung ergeben, lägen bei einem Faktor von vier bis sechs. Das hieße, bei etwa 20.000 positiven PCR-Tests wären in der Gesamtbevölkerung real 80.000 bis 120.000 Menschen neu infiziert, die meisten, ohne es zu wissen.

Möglicherweise variiert die Dunkelziffer zudem in verschiedenen Altersgruppen, denn beispielsweise Kinder im Schulalter werden in Relation zu ihrem Bevölkerungsanteil seltener getestet im Vergleich zu anderen Altersgruppen.

Positiv getestet wurden laut RKI bislang etwa 1,5 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung. Auf Basis dieser Zahl und den Schätzungen zur Dunkelziffer, geht Wieler davon aus, dass bislang weniger als zehn Prozent der Deutschen bereits mit dem Coronavirus infiziert waren.