Der Virologe Christian Drosten im Labor | Bildquelle: AP

Drosten und die PCR-Tests Was ist an den Vorwürfen dran?

Stand: 05.10.2020 15:33 Uhr

Mehrfach haben Kritiker dem Virologen Drosten vorgeworfen, seine Meinung geändert zu haben. Das war der Fall, wenn es neue Erkenntnisse gab. Bei den PCR-Tests hat er jedoch keine Kehrtwende vollzogen.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-Faktenfinder

Nicht exakt genug oder viel zu empfindlich - aus beiden Gründen soll der Polymerase-Kettenreaktion-Test (PCR) nicht geeignet sein, um Infektionen zuverlässig zu ermitteln, behaupten seine Kritiker. Für eine zu hohe Empfindlichkeit führen sie nun ausgerechnet den Virologen Christian Drosten von der Charité an, den Entwickler des SARS-Cov2-Infektionstests.

Dieser soll eine Kehrtwendung um 180 Grad vollzogen haben. Der angebliche Beweis: Ein Interview des Virologen mit der "Wirtschaftswoche" aus dem Jahr 2014, in dem Drosten die Testmethode für eine Übertreibung der Ausmaße der Mers-Epidemie verantwortlich gemacht habe:

Ja, aber die Methode ist so empfindlich, dass sie ein einzelnes Erbmolekül dieses Virus nachweisen kann. Wenn ein solcher Erreger zum Beispiel bei einer Krankenschwester mal eben einen Tag lang über die Nasenschleimhaut huscht, ohne dass sie erkrankt oder sonst irgend etwas davon bemerkt, dann ist sie plötzlich ein Mers-Fall. Wo zuvor Todkranke gemeldet wurden, sind nun plötzlich milde Fälle und Menschen, die eigentlich kerngesund sind, in der Meldestatistik enthalten. Auch so ließe sich die Explosion der Fallzahlen in Saudi-Arabien erklären. Dazu kommt, dass die Medien vor Ort die Sache unglaublich hoch gekocht haben.

Das klingt in der Tat danach, als ob der PCR-Test auch in Fällen anschlägt, in dem der Proband nicht wirklich infiziert ist. Somit wären ausgerechnet hohe Empfindlichkeit und Spezifizität problematisch - die ihrerseits von Kritikern bezweifelt werden.

Werte müssen interpretiert werden

Um den Hintergrund zu verstehen, muss man verstehen, wie der PCR-Test funktioniert: Hierfür werden in der Probe enthaltene Erbgutspuren in mehreren Zyklen immer wieder verdoppelt. Ist eine einzelne Spur vorhanden, so sind es nach dem zweiten Zyklus bereits zwei, nach drei Zyklen vier, nach zehn 1024 und nach 20 Zyklen 1.048.576 und so weiter.

So kann es passieren, dass der PCR-Test auf einzelne Virenbruchstücke anschlägt, obwohl in der Probe keine aktiven Viren mehr vorhanden sind. Das Phänomen ist den Wissenschaftlern bekannt: Sie setzen daher einen Schwellenwert (cycle Threshold, cT), wie viele Zyklen notwendig sind, bis eine wirklich relevante Anzahl von Virusspuren festgestellt werden kann. Je mehr Zyklen benötigt werden, umso geringer war die Konzentration in der Ursprungsprobe - und damit auch die Wahrscheinlichkeit einer Infektion.

Der Virologe Drosten hat im NDR-Podcast selbst auf dieses Problem aufmerksam gemacht - und empfiehlt, einen Referenzwert für eine Infektion festzusetzen: "Ich finde es jetzt nicht falsch, wenn gerade auch in USA gesagt wird, lass uns einfach mal einen cT-Wert festlegen, ich würde da auch mitgehen."

Allerdings warnt er davor, diesen als absolutes Kriterium anzuerkennen, solange es keine einheitlichen Standards gibt: "Ein cT-Wert von 30 in dem einen Labor ist nicht dasselbe in Form von Viruslast wie ein cT-Wert von 30 in einem anderen Labor." Hierbei spielen Faktoren wie die Probengröße und Behandlung sowie die Ausstattung und die Qualität des Labors eine Rolle. Hier wäre eine Standardisierung notwendig, meint Drosten, und schlägt hierfür eine ermittelte Anzahl von einer Million Kopien pro Abstrich-Tupfer oder pro Milliliter Flüssigkeit vor.

Oft weitere Tests sinnvoll

Das Robert Koch-Institut empfiehlt ebenfalls in seinen Hinweisen zu den SARS-CoV-2-Tests, weitere Faktoren wie das Probevolumen hinzuzuziehen und im Zweifelsfall weitere Testverfahren wie das Anlegen von Zellkulturen anzuwenden, um die tatsächliche Infektiösität zu ermitteln. Drosten hofft zudem, dass in absehbarer Zeit zuverlässige Antigen-Schnelltests verfügbar sind, mit denen die Infektiösität einer Person schnell und ohne Laborunterstützung vor Ort festgestellt werden kann.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. September 2020 um 06:54 Uhr.

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