London: Sanitäter transportieren einen Patienten aus einem Krankenwagen in das Royal London Hospital. | dpa
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Corona-Variante in Großbritannien Zahl der Kinder in Kliniken weiter gering

Stand: 29.06.2021 14:35 Uhr

Die Äußerung von SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach, wonach viele Kinder in Großbritannien im Krankenhaus seien, hat für neue Diskussionen gesorgt. Doch die Datenbasis dafür fehlt.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat die Ständige Impfkommission (Stiko) aufgefordert, ihre eingeschränkte Empfehlung für Corona-Impfungen von Kindern zu überdenken. Die Stiko argumentiere, dass Covid-19 für Kinder harmlos sei, sagte Lauterbach am Montag der "Rheinischen Post". "Für die Delta-Variante gilt dies meiner Ansicht nach aber nicht", betonte er. In Großbritannien würden bereits viele Kinder mit Covid-19 in Krankenhäusern behandelt.

Die Äußerungen haben die Diskussion über die Impfung von Kindern weiter angeheizt. Kinder- und Jugendärzte stellten sich in der Debatte um Risiken durch die Delta-Variante für Kinder hinter die Beurteilung der Stiko.

Daten zeigen keine stark steigenden Zahlen

Daten zeigen, dass die Zahl der Corona-Infektionen in Großbritannien zwar tatsächlich steigt - die der infizierten Kinder und Jugendlichen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, aber gering bleibt. Dies gilt sowohl für England als auch Schottland und andere Teile des Vereinigten Königreichs.

Im Gespräch mit tagesschau.de erklärte Lauterbach dazu, er habe sich bei seiner Aussage auf einen Minister aus Schottland bezogen, der von mehr Kindern in Krankenhäusern berichtet, dies später aber wieder relativiert habe. Tatsächlich zeigten die Zahlen aus Großbritannien keine deutlichen Steigerungen, sagte Lauterbach. Er verwies allerdings auf Erkenntnisse zu "Long Covid" bei Kindern und Daten aus den USA sowie Indien, die schwerere Verläufe bei Kindern und Jugendlichen anzeigten. Daher bleibe er bei seiner Einschätzung, Impfungen seien wichtig und notwendig, um Kinder und Jugendliche vor der Delta-Variante zu schützen und das Infektionsgeschehen einzudämmen.

Studie: 27.000 Leben gerettet

Zu dieser Einschätzung kommen auch Fachleute aus Großbritannien, die eine neue Studie zur Wirkung der Impfkampagne vorgelegt haben. Demnach wurden schätzungsweise 27.000 Menschenleben durch Impfungen gerettet - allein in England. Die beteiligten Fachleute zeigten sich überrascht von der hohen Zahl und betonten, diese steige sogar exponentiell, je weiter die Impfkampagne fortschreite.

Die Infektionszahlen in Großbritannien steigen seit Wochen wieder an. Das wird vor allem auf die starke Ausbreitung der Delta-Variante zurückgeführt, die inzwischen mehr als 90 Prozent aller Neuinfektionen ausmachen. Gleichzeitig ist das Impfprogramm weit fortgeschritten. In Großbritannien wurden bereits etwa 85 Prozent aller Erwachsenen einmalig geimpft. Knapp 62 Prozent der über 18-Jährigen hat bereits zwei Impfungen erhalten. Die Zahl der Todesfälle bleibt bislang auf niedrigem Niveau, doch auch hier wird ein Anstieg verzeichnet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Juni 2021 um 10:00 Uhr.