Eine Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative "Querdenker" trägt auf dem Cannstatter Wasen ein Schild gegen Impfungen auf ihrem Rücken. | dpa
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Corona-Impfungen Desinformation mit schweren Nebenwirkungen

Stand: 29.12.2021 19:30 Uhr

Zu keinem anderen Thema hat es 2021 so viel Desinformation gegeben wie zu den Impfstoffen gegen Covid-19. Im Laufe des Jahres veränderten sich die irreführenden Behauptungen allerdings.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Es ist Ende 2020, als in Europa die ersten Impfstoffe gegen Covid-19 zugelassen werden; zuerst werden die Ältesten und andere Risikogruppen geimpft. Auch Ärztinnen und Mediziner werden früh geschützt, da sie bei ihren Berufen einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind.

Doch einer will sich angeblich nicht impfen lassen, so wird es zumindest in Telegram-Gruppen und anderen Kanälen verbreitet: ausgerechnet BioNTech-Chef Ugur Sahin. Es handelt sich dabei um eine klassische Fehlinformation, die auf einer komplett verdrehten Interpretation seiner Aussage basiert. Zitate Sahins aus einem ARD-Interview werden aus ihrem Kontext gerissen und ins Gegenteil verkehrt.

Nicht nur hatte Sahin mehrfach betont, dass er sich selbst impfen lassen wolle - das gelte auch für seine Mitarbeitenden. Zudem betonte er ausdrücklich, er wolle sich "natürlich liebend gern auch impfen lassen", doch auch für ihn und die Mitarbeitenden gelten die rechtlichen Grundlagen - nämlich die damals geltende Priorisierung.

Verunsicherung mit allen Mitteln schüren

Das Beispiel zeigt, wie mit allen Mitteln versucht wird, Zweifel an der Sicherheit der Impfstoffe zu verbreiten. Keine Behauptung ist zu absurd. So schreibt beispielsweise Anfang 2020 eine Frau in einer Corona-Leugner-Gruppe im Kontext der Impfungen von einem "satanischen Weltkomplott". Eine andere versichert, sie leugne das Virus nicht, vermute aber, dass "dieser ganze Zirkus nur zum Vorwand benutzt wird, um die NWO einzuläuten". NWO ist die Abkürzung von New World Order - also Neue Weltordnung. Dahinter verbirgt sich eine Verschwörungslegende, wonach eine geheime Weltregierung im Verborgenen eine neue Herrschaft etabliere.

Die Grenzen zwischen verunsicherten Menschen und fanatischen Verschwörungsanhängern sind in vielen Facebook- und Telegram-Gruppen nicht zu erkennen - und Aktivisten feuern die Ängste an, mit immer neuen Videos und Blog-Beiträgen, sie sammeln Spenden ein, verkaufen Bücher und generieren Aufmerksamkeit für sich.

Unter dem Schlagwort #IchLassemichnichtimpfen erklären im Januar 2021 Hunderte Menschen auf Facebook, warum sie eine Impfung ablehnen. Manche aus Sorge vor befürchteten Langzeitfolgen; andere, weil sie meinen, allein gesunde Ernährung und Sport reiche als Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung. Wieder andere wollen nicht glauben, dass es in kurzer Zeit überhaupt möglich sei, einen Impfstoff zu entwickeln.

Es sind die gängigen Missverständnisse, Fehlinformationen und Ängste, die in den folgenden Monaten immer wieder auftauchen.

Angst vor Genveränderungen

Besonders groß ist die Angst, der Impfstoff könnte das Erbgut verändern. Dies ist allerdings ein weiteres Missverständnis: Die sogenannte mRNA gelangt in die Zelle und wird dort "abgelesen". Danach wird sie abgebaut.

Dennoch wird immer wieder Stimmung gemacht gegen diese Impfstoffe, da sie angeblich die Gene veränderten, unfruchtbar machten oder eine Gefahr für Schwangere seien. Solche Behauptungen sind nicht nur falsch, sondern gefährlich, denn insbesondere Schwanger sein an sich wird als ein relevanter Risikofaktor für schwere COVID-19-Verläufe eingestuft.

Dauerfeuer der Desinformation

Quasi täglich tauchen im Jahr 2021 neue falsche oder unbelegte Behauptungen über angebliche Risiken und Nebenwirkungen auf. Seien es durch Corona-Impfstoffe produzierte Spike-Proteine, die angeblich Krebs oder auch Herzinfarkte auslösen sollen, oder irreführende Statistiken, die angeblich beweisen, dass die Sterberaten von Geimpften über denen der Ungeimpften liegen.

Die Behauptung, durch Impfungen seien viele Menschen verstorben, ist in den vergangenen Monaten besonders oft aufgetaucht - unter anderem von AfD-Politikern wurden entsprechende irreführende Zahlen verbreitet.

Auf der Seite des russischen Staatssenders RTDE war sogar von einem angeblichen "Impfmassaker" die Rede. Der Staatssender hat sich im vergangenen Jahr zu einer der wichtigsten Quellen für Corona-Leugner und "Querdenker" in Deutschland entwickelt. Einen schweren Schlag muss RTDE allerdings im September hinnehmen: Das Unternehmen YouTube löscht die Videos des Staatssenders nach wiederholten Verstößen gegen die Richtlinien.

Massensterben prophezeit

Ebenfalls im September sollte dann angeblich ein Massensterben unter Geimpften ausbrechen, sagten Untergangspropheten bevor. Von Millionen Todesopfern war die Rede - nicht das einzige Schauermärchen, das von der Realität widerlegt wurde.

Wirkungsmächtige Ängste

Die Geschichten von Mikrochips, die per Spritze implantiert würden, oder einem geplanten Genozid durch die Impfungen sind wohl für die allermeisten Menschen leicht als abstruse Legenden zu erkennen. Als weit wirkungsmächtiger erwiesen sich irreführende oder verzerrte Berichte, die diffuse Ängste schüren sollten.

Neben der Sorge vor angeblichen Langzeitfolgen waren es einmal mehr alarmistische Berichte über Risiken für Kinder, die viele Menschen offenkundig verunsicherten. Dies war im Vorjahr bereits im Kontext mit den Masken zu beobachten gewesen, als Corona-Leugner Geschichten erfanden, wonach Kinder unter Alltagsmasken erstickt seien.

Solche glatten Falschmeldungen werden 2021 abgelöst durch Horrorgeschichten über schwerste Nebenwirkungen bei Kindern durch die Covid-19-Impfungen.

Erst Nebenwirkungen, dann gar keine Wirkung

Standen Anfang des Jahres noch angebliche Todesfälle und Nebenwirkungen der Impfungen im Fokus der Desinformation, verlagert sich der inhaltliche Schwerpunkt, neue Narrative werden gesponnen. Milliarden Impfungen weltweit haben nämlich gezeigt, dass die Impfstoffe sicher sind. Daher stellen Impfgegner im Laufe des Jahres zunehmend die Wirksamkeit der Stoffe infrage.

Insbesondere die Verbreitung der neuen Varianten und die zunächst verschlafene Booster-Kampagne spielte ihnen dabei in die Hände, da Impfdurchbrüche und ein reduzierter Schutz vor Infektionen viele Menschen zusätzlich verunsicherten.

Schwere Nebenwirkungen

Tatsächlich zeigen 2021 nicht die Impfungen, sondern Fake News und Desinformation schwerste Nebenwirkungen: Impfgegner sterben an Covid-19, weil sie den Falschbehauptungen Glauben schenkten. Impfskepsis wird von Rechtsradikalen gezielt verbunden mit politischem Fanatismus sowie kruden Thesen über eine Diktatur.

Impfgegner sehen sich als "Juden von heute" und verharmlosen die Nazi-Verbrechen. Auf Demonstrationen werden Journalisten und Reporterinnen immer wieder attackiert, Polizeiketten überrannt, Kinder als Schutzschilde instrumentalisiert.

Der Treibstoff und Kitt dieser Bewegung wird digital geliefert - über Telegram-Kanäle, Facebook-Gruppen und Blogs.

Das Jahr 2021 hat einmal mehr gezeigt: Desinformation kann tödlich sein - und insbesondere in Krisenzeiten eine demokratische Gesellschaft teilweise zersetzen. Den Urhebern der Desinformation gefällt das.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Dezember 2021 um 18:00 Uhr.