Soldaten patrouillieren in einer Straße in Rom | Bildquelle: AFP

Maßnahmen gegen Corona Alles nur Panikmache?

Stand: 19.03.2020 12:59 Uhr

Durch Beiträge im Netz und in einigen großen Medien hat der Arzt Wolfgang Wodarg für große Aufmerksamkeit gesorgt. Er kritisiert die Maßnahmen gegen das Coronavirus als völlig übertrieben, lässt dabei aber wichtige Details weg.

Von Jochen Taßler und Jana Heck, ARD-Magazin Monitor

Er scheint die Stimme zu sein, auf die viele gewartet haben: Endlich jemand, der entgegen einem großen wissenschaftlichen und politischen Konsens sagt, dass die Aufregung um Corona übertrieben sei. Und dann ist es auch noch einer vom Fach: der Internist, ehemalige Amtsarzt und Ex-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg.

In mehreren Videos - mal als Solo-Auftritt, mal in Interviews - behauptet Wodarg, die Situation sei im Grunde nicht außergewöhnlich für eine Grippewelle. Dabei stellt er verschiedene Behauptungen auf, die in Teilen zutreffend, oft aber verkürzt sind.  

Screenshot
galerie

Der ehemalige Amtsarzt Wodarg hat mit seinen Behauptungen für großes Aufsehen gesorgt.

Coronavirus nicht gefährlicher als Grippe?

Wodarg argumentiert, Coronaviren habe es auch früher schon gegeben. Sie würden regelmäßig mutieren. Vor diesem Hintergrund sei es auch nicht überraschend, dass nun eine neue Variante auftrete. Die sei deshalb aber nicht zwingend gefährlicher als andere. Das ist im Grunde richtig. Wie gefährlich das neue Virus, SARS-CoV-2, tatsächlich ist, lässt sich noch nicht abschließend bewerten. Dafür fehlt es noch an Daten. Allerdings deuten die ersten Erfahrungen mit dem neuen Virus darauf hin, dass Infektionen häufiger schwer oder sogar tödlich verlaufen als beispielsweise bei Grippeviren.  

Vor allem aber lässt die Argumentation einen Punkt außer acht: SARS-CoV-2 ist so neu, dass praktisch niemand immun dagegen ist. Es gibt bisher wenige genesene Patienten, keine Behandlung und keinen Impfstoff. Das Risiko einer schnellen, gleichzeitigen Ansteckung besonders vieler Menschen ist deshalb höher als bei bekannten Erregern. Weil das neue Coronavirus bei vielen Patienten die Lunge angreift, müssten dann viele Menschen gleichzeitig auf die Intensivstation und dort an Beatmungsgeräte angeschlossen werden. Die Kapazitäten dafür sind aber selbst in Deutschland, das im internationalen Vergleich sehr viele Intensivbetten hat, begrenzt.

In den Regionen, wo SARS-CoV-2 besonders stark aufgetreten ist (China, Italien), hat sich bereits gezeigt, dass das Gesundheitssystem schnell an seine Grenzen stößt. Und dass dann auch Sterblichkeitsraten besonders hoch sind. Für China etwa schätzt eine Studie, dass die besonders betroffene Provinz Hubei eine Sterblichkeitsrate von fünf Prozent hat, in China insgesamt liegt sie bei 0,8 Prozent

Vor allem deshalb versuchen Regierungen weltweit alles, um einen schnellen Anstieg der Infektionen zu verhindern. "Wenn wir nicht jetzt etwas tun, und zwar drastisch und einschneidend, dann wird das so weitergehen - und dann haben wir im Juni, Juli ein Problem", sagt etwa der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast

Coronaviren immer Teil von Erkältungswellen?  

Wodarg argumentiert, dass Coronaviren immer einen gewissen Prozentsatz von Atemwegserkrankungen auslösen (zwischen sieben und 15 Prozent). Gehe man davon aus, dass in Deutschland bei vorherigen Grippewellen 20.000 bis 30.000 Menschen an einer Atemwegsinfektion gestorben seien, läge der Anteil durch Coronaviren dementsprechend wohl bei 2000 bis 3000 pro Jahr. Davon sei man bei Covid-19 noch weit entfernt. 

Auch hier mag die Rechnung grundsätzlich stimmen. Genau überprüfen lässt es sich allerdings nicht, weil in der Vergangenheit nicht systematisch auf Coronaviren getestet wurde. Die Argumentation geht allerdings davon aus, dass die bisherigen Coronaviren und SARS-CoV-2 weitgehend gleich sind und ähnlich wirken. Und sie unterschlägt, dass wir uns gerade offenbar erst am Beginn einer Infektionswelle befinden. Würden die Infektionszahlen ungebremst ansteigen, dürften die Opferzahlen schnell deutlich höher liegen. 

Sterblichkeitsrate deutlich überschätzt?

Wodarg argumentiert, dass im Moment gerade in den besonders betroffenen Gebieten vor allem schwer erkrankte Patienten getestet würden. Viele von ihnen seien alt und/oder hätten Vorerkrankungen. Deshalb könne man über die tatsächliche Gefahr von COVID-19 noch wenig sagen. 

Das ist grundsätzlich richtig. Die bisherigen Erkenntnisse über die Sterblichkeit schwanken stark nach Region. Das liegt an unterschiedlichen Datengrundlagen und unterschiedlichen Berechnungen. Außerdem kennt derzeit niemand die tatsächliche Zahl aller Erkrankten, da nicht jeder mit Symptomen auch getestet wird. Erkrankte ohne Symptome fallen meist gar nicht auf. 

Im Vergleich zu früheren Corona-Epidemien wie SARS oder MERS scheint die Sterblichkeitsrate des neuen Coronavirus aktuell niedriger zu liegen. Orientiert man sich an den bekannten infizierten Fällen, liegt sie weltweit bei etwa vier Prozent (Stand 18.03.). Aufgrund der vermutlich großen Dunkelziffer an Infizierten dürfte die tatsächliche Zahl allerdings deutlich kleiner sein. Der Virologe Drosten nimmt beispielsweise eine Letalität zwischen 0,3 und 0,7 an. Auch das wäre allerdings höher als bei üblichen Grippeerregern. Hier geht man von einer Letalität von etwa 0,1 Prozent aus. 

Das heißt aber nicht, dass man die Gefahr des neuen Coronavirus unterschätzen sollte. Es stimmt, dass die saisonale Grippe jedes Jahr mehr Menschen tötet, als bisher am Coronavirus gestorben sind. Aber es ist gefährlich, daraus zu schließen, dass SARS-CoV-2 harmloser sei. Gerade, weil bislang noch so wenig darüber bekannt ist. Vor allem muss berücksichtigt werden, dass das neue Coronavirus noch gar kein Jahr lang bekannt ist. Vergleicht man darum die durchschnittlichen, jährlichen Zahlen der Toten durch Grippe mit denjenigen, die im bisherigen Zeitraum an Covid-19 verstorben sind, macht man einen Fehler. 

Betrachtet man die sogenannte "excess mortality" in Europa, also die erhöhten Sterbefälle im Vergleich zur Gesamtmortalität über denselben Zeitraum, gibt es noch keinen auffälligen Anstieg. Jedoch ist weder die Epidemie noch die saisonale Grippewelle bereits vorbei. Wie die "excess mortality" dann aussehen wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum voraussagen.

Und: Im Gegensatz zur saisonalen Grippe gibt es gegen das neue Coronavirus noch keine Grundimmunität. Darum kann sich SARS-CoV-2 schnell ausbreiten. Das wiederum kann dazu führen, dass es selbst dann viele Todesfälle gibt, wenn die Sterblichkeitsrate vergleichsweise klein ist.

Verfolgen Virologen finanzielle Interessen?

Lauscht man dem Video von Wodarg, so klingt es, als habe sich die Gemeinschaft der Virologen verbündet, um unter der Bevölkerung Angst und Schrecken vor dem neuen Coronavirus zu schüren. Er spricht davon, dass "Virologen etwas Interessantes gemacht haben und mit diesem Interessanten" hätten sie auch die chinesische Regierung "sehr, sehr stark beeindruckt". Was das Interessante genau war, darüber lässt er den Zuschauer im Unklaren. 

Das Ergebnis jedenfalls sei ein "riesen Bohei" gewesen. Damit meint Wodarg die Reaktion der Chinesen in Form von Gesichtserkennung und Fiebermessungen an den Flughäfen. Als Folge "musste" die internationale Politik Stellung beziehen, sagt Wodarg und betont das Wort "musste", so als hätte die gesamte internationale Politik unter unwidersetzbarem Zwang gestanden. Danach hätten die Virologen ein "Netz von Informationen, von Meinungen" gesponnen und die Politik darin verfangen. Als Folge hätten es nun Kritiker mit einer anderen Meinung sehr schwer. 

Doch warum sollten die Virologen so etwas tun? Aus finanziellen Interessen, ist Wodarg überzeugt: "Wissenschaftler wollen mitschwimmen, weil sie Geld brauchen für ihre Institute. Sie wollen wichtig werden."

Virologe Drosten widerspricht vehement. "Wir verdienen keinen Cent", sagt er und erläutert anschließend, welche Gelder bei dem Testverfahren genau wohin fließen. Das Ganze sei Teil eines EU-Forschungsprojektes und im Rahmen dessen erhielten er und sein Institut Unterstützung für genau eine Personalstelle. Die packe die Pakete, die weltweit für RNA-Material verschickt würden. Der Empfänger auf der anderen Seite wiederum müsse eine Aufwandsentschädigung für die Transportkosten zahlen. Allerdings nicht an Drostens Institut, sondern an das EU-Projekt. "Egal wer mir hier irgendwas vorwerfen will - das ist alles vollkommen falsch. Das lege ich gerne auch alles offen, das kann jeder überprüfen, der es will", betont Drosten.

Test-Ergebnisse unpräzise?

Wodarg behauptet, die Tests, mit denen derzeit überprüft werden soll, ob jemand das neuartige Coronavirus in sich trägt, seien nicht sorgfältig genug entwickelt worden. In diesem Punkt wird er in seinem Video erstaunlich konkret. Er beschreibt Wuhan als "das größte Sicherheitslabor für Viren in ganz China", wo sehr viele Spezialisten sich "den ganzen Tag nur um diese Dinge" kümmern würden. Die Mediziner hätten dann bei "wenigen Patienten" die RNA der Viren untersucht und eine "angeblich" neue Sorte gefunden. 

Daraufhin seien die Wissenschaftler in der Berliner Charité unter Leitung des Virologen Drosten aktiv geworden, um einen Test zu entwickeln, mit dem das neue Coronavirus beim Menschen nachgewiesen werden kann. Das Problem, laut Wodarg: Der Test sei zu schnell zugelassen und vorher nicht ausreichend geprüft worden, was er konkret misst. Die sich breit machende Panik und der Mangel an anderen, validierten Tests hätten dazu geführt, dass der Test von Drosten trotzdem überall genutzt werde. Im Ergebnis klingt es, als hätten wir nun einen Test, dessen Ergebnissen niemand vertrauen könne. 

Drosten beschreibt im NDR-Podcast, wie sie in der Berliner Charité begonnen hatten, den Test zu entwickeln als es das neue Virus noch nicht im Land gab. Basis sei darum das nah verwandte SARS-Coronavirus gewesen, außerdem diverse Coronaviren, die bisland nur bei Fledermäusen vorkommen. Als die RNA-Sequenz von SARS-CoV-2, also dem neuen Coronavirus, bekannt wurde, hätten sie ihre Tests damit abgeglichen. Die zwei Tests, die am besten dazu gepasst hätten, wurden dann gemeinsam mit der Universität Hongkong, der Universität Rotterdam und der National Public Health Organization weiter geprüft.

Drosten widerspricht darum der laut Wodarg fehlenden Validierung, sagt, es sei sogar eine "sehr große Validierungsstudie durchgeführt worden". Sie hätten den Test an viele Proben von Patienten angelegt, die nachweislich andere Coronaviren in sich getragen hätten. Das Ergebnis: Nicht ein einziges Mal habe der Test eine falsch positive Reaktion gezeigt.

Rein theoretisch, gesteht Drosten aber ein, würde der Test beim alten SARS-Virus und bei einigen Fledermauscoronaviren positiv ausschlagen. Diese Viren kommen bei Menschen aber nicht, beziehungsweise nicht mehr, vor. Darum könne man hinsichtlich der Testergebnisse auf SARS-CoV-2 sicher sagen: "Dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen."

Weitere Einschätzungen und Expertenmeinungen zu den Aussagen von Wodarg finden Sie beim BR, MDR und SWR.

Über dieses Thema berichtete ARD-Extra am 18. März 2020 um 20:15 Uhr.

Darstellung: