Reisende nach Izmir auf dem Flughafen Berlin-Tegel im Juni 2020 | AP
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Covid-19-Infektionen im Ausland Welche Rolle spielen Besuche bei Verwandten?

Stand: 25.05.2021 20:20 Uhr

Gesundheitsminister Spahn hat Verwandtschaftsbesuche in der Türkei oder auf dem Balkan als Infektionsgefahr ausgemacht. Für einen Teil seiner Aussagen gibt es Indizien, Beweise jedoch nicht.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder
Wir haben aus dem vergangenen Sommer gelernt. Damals haben die Auslandsreisen, häufig Verwandtschaftsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan, phasenweise rund 50 Prozent der Neuinfektionen bei uns ausgelöst. Das müssen wir in diesem Jahr verhindern.

Die Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" hat Empörung ausgelöst. Der Ressortchef bezog sich dabei unter anderem auf Erkenntnisse des Robert Koch-Instituts (RKI), was sein Ministerium auf Anfrage des ARD-Faktenfinders bestätigte.

Wulf Rohwedder

In einer Sonderauswertung des RKI wurde zudem festgestellt, dass nach der Wiedereröffnung der Grenzen am 15. Juni 2020 der Anteil der "reiseassoziierten COVID-19-Fälle" wieder anstieg und Ende August seinen Höchstwert von 48 Prozent erreichte. Nachdem im letzten Bundesland die Ferien beendet waren, sank der Anteil auf 8,6 Prozent.

Hoher Anteil an Auslandsinfektionen im Sommer

Bei dieser vom RKI als "Sommerferienwelle" bezeichneten Anstieg hatten das Kosovo, Kroatien und die Türkei einen besonders hohen Anteil an den sogenannten Expositionsländern, in denen die Infektionen stattfanden.

Unter den am häufigsten als mögliche Quelle einer Infektion genannten Nationen befinden sich dementsprechend laut der Studie "Länder, aus denen Saison- und Vertragsarbeiter nach Deutschland kommen (z.B. Rumänien und Bulgarien), Heimatländer von Einwanderern (z.B. Türkei und Kosovo) und beliebte Urlaubsländer (z.B. Spanien und Frankreich)".

Allerdings war die absolute Zahl in dem Zeitraum relativ gering: Von der Öffnung der Grenzen am 15. Juni bis zu Ende der Sommerferien im letzten Bundesland am 12. September wurden insgesamt etwa 72.000 Infektionen festgestellt - nur gut vier Prozent der der 1,72 Millionen in dem Jahr registrierten Fälle.

Vergleichsweise wenige Ansteckungen in anderen Reisezielen

Laut der Studie ist es auffällig, dass sich die in der Ferienzeit festgestellten hohen Covid-19-Fallzahlen in Spanien und Frankreich nicht in gleichem Maße in den nach Deutschland eingetragenen Fällen widerspiegelt.

Die Autoren vermuten, dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass es auf Reisen in diese Ländern weniger intensive Kontakte mit der dortigen Bevölkerung und damit ein geringeres Ansteckungsrisiko gegeben habe als bei Personen, die zu Familienbesuchen beispielsweise auf den Balkan reisten.

Theorien, aber bisher noch keine Belege

Empirische Belege für ihre Thesen geben die Autoren nicht an. Die Staatsangehörigkeit der Infizierten oder ihr Reisegrund werden nicht erfasst, sodass eine wissenschaftliche Überprüfung schwierig ist.

Die Forscher räumen zudem ein, dass die Zahlen für Spanien oder Frankreich auf eine Untererfassung hinweisen könnten, da die beiden Länder erst relativ spät als Risikogebiet eingestuft wurden und es bereits eine hohen Reisetätigkeit dorthin gab. 2020 gehörten laut einer repräsentativen Umfrage die Türkei, Kroatien und andere osteuropäische Länder zudem zu den beliebtesten Reisezielen.

Nicht Spahns erste Mahnung dieser Art

Es war nicht das erste Mal, dass Spahn vor Infektionsgefahren durch Heimkehrer von Familienheimfahrten warnte. So mahnte er im Dezember, dass durch die Rückkehrer von Heimats- und Familienbesuchen zu Weihnachten eine Infektionswelle "losgetreten werden könnte". Ähnlich hatte sich mehrfach auch der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz geäußert.

Eine Anfrage des ARD-Faktenfinders beim Bundesgesundheitsministerium, ob es dort jenseits der Vermutungen wissenschaftliche Belege vorhanden sind, wurde insofern beantwortet, dass erneut auf den Anteil der Exposition im Ausland bei den gemeldeten Fällen verwiesen wurde. Die Frage nach Belegen dafür, dass - wie von Spahn dargestellt - Verwandtschaftsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan eine entscheidende Rolle beim Infektionsgeschehen spielten, wurde nicht beantwortet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Mai 2021 um 16:00 Uhr.