Ein einzelner Besucher läuft durch den Olympiapark in München. | Bildquelle: dpa

Coronavirus Abstand halten - das Virus bremsen

Stand: 14.03.2020 16:36 Uhr

Keine Schule, keine Veranstaltungen, Abstand halten: Es sind drastische Maßnahmen - und alles hat nur ein Ziel: Das Tempo der Corona-Ausbreitung zu verlangsamen.

Von Christian Baars, NDR

In den sozialen Netzwerken verbreiten gerade viele Nutzer Verhaltenstipps unter dem Hashtag #flattenthecurve - "die Kurve abflachen". Es geht darum, die Ausbreitung des Coronavirus auszubremsen. Doch warum ist dies so wichtig? Ziel ist vor allem, das Gesundheitssystem zu entlasten.

Die epidemiologische Kurve

Das Problem: Wenn ein neuer Erreger wie aktuell das Virus SARS-CoV-2 auftaucht, kann er sich zunächst rasant verbreiten. Denn zu Beginn einer Epidemie können fast alle Menschen infiziert werden. So gut wie niemand ist davor geschützt. Irgendwann nimmt jedoch die Zahl der Neuinfektionen wieder ab - wenn viele Menschen einmal erkrankt sind und Antikörper gegen den Erreger entwickelt haben. Deshalb sprechen Wissenschaftler von einer "epidemiologischen Kurve".

Wie schnell sich ein Erreger verbreitet, ist allerdings sehr unterschiedlich - und hängt vor allem davon ab, wie ansteckend er ist. Wenn ein Erkrankter viele andere infiziert, steigt die Kurve zu Beginn extrem steil an. Bei dem neuen Coronavirus haben Wissenschaftler auf Basis der Daten aus China berechnet, dass dort am Anfang ein Erkrankter durchschnittlich mehr als zwei weitere Menschen angesteckt hat. Ähnliches zeigt sich nun in Europa. Dort hat sich in den vergangenen zwei Wochen in vielen Ländern die Zahl der Infizierten etwa alle drei bis vier Tage verdoppelt. Dies nennt man ein exponentielles Wachstum und führt schnell zu gigantischen Zahlen.

Coronavirus breitet sich sehr schnell aus

Ein theoretisches Rechenbeispiel: Geht man von einer Verdoppelungszeit von vier Tagen aus, steigt die Zahl von 1000 Infizierten nach einem Monat bereits auf etwa 250.000. Nach zwei Monaten wären es mehr als 32 Millionen. Epidemiologen, die die Ausbreitung eines Virus untersuchen, verwenden für ihre Modelle natürlich deutlich komplexere Berechnungen und versuchen unter anderem zu berücksichtigen, welche Gegenmaßnahmen getroffen werden und wie viele Menschen zum jeweiligen Zeitpunkt bereits infiziert worden sind - und damit nicht mehr das Virus bekommen können. Dementsprechend verlangsamt sich dann das Wachstum.

Eindämmung von Corona im Modell
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Ohne Gegenmaßnahme würde die Zahl der Infizierten rasant steigen und es käme zu einer Überlastung der Krankenhäuser.

Klar ist aber: Solange keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, gibt es in den ersten Wochen des Ausbruchs einen extrem rasanten Anstieg der Fallzahlen. Und dies würde jedes Gesundheitssystem der Welt überlasten. Der Gesundheitsökonom Reinhard Busse von der TU Berlin hat in einem Presse-Briefing des Science Media Center (SMC) vorgerechnet, dass jeden Tag in Deutschland theoretisch etwa 2000 schwer an Covid-19 erkrankte Menschen auf Intensivstationen versorgt werden könnten. Nach derzeitigem Wissensstand müssen etwa fünf bis zehn Prozent aller Infizierten intensivmedizinisch behandelt werden.

Überlastung der Kliniken droht

Sollte sich das Coronavirus ähnlich schnell weiter ausbreiten wie in den vergangenen zwei Wochen, würde in Deutschland spätestens im April die Zahl der Infizierten täglich um mehrere Zehntausend steigen. Selbst unter der Annahme, dass die Versorgung dann optimal verlaufen würde - mit ausreichend Personal, könnten dann nicht mehr alle schwer Erkrankten auf Intensivstationen behandelt werden.

Deshalb ist es so wichtig, die Zahl der täglichen Neuinfektionen zu senken, die epidemiologische Kurve also abzuflachen. Und da auf absehbare Zeit - innerhalb dieses Jahres - kein Impfstoff zur Verfügung stehen wird, rufen derzeit Wissenschaftler und Politiker, dazu auf, soziale Kontakte möglichst zu vermeiden. Nur so kann aktuell verhindert werden, dass sich das Virus rasant weiter ausbreitet.

Abstand wirkt

Das Positive ist: Maßnahmen zur sozialen Distanzierung haben tatsächlich einen nachgewiesenen Effekt. Das sieht man aktuell in China, wo die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurückgegangen ist. Aber Wissenschaftler haben auch schon den Ausbruch der Spanischen Grippe im Jahr 1918 untersucht und verglichen, wie sich das damalige Virus in verschiedenen Städten in den USA ausgebreitet hatte und welche Gegenmaßnahmen getroffen wurden. In Philadelphia etwa spielten die Verantwortlichen die Gefahr herunter, verhängten zunächst keine Maßnahmen. Schon nach wenigen Tagen waren dort die Kliniken überfüllt, viele Menschen starben. In St. Louis dagegen wurden sofort Schulen, Büchereien und Kirchen geschlossen. Dort verlief der Ausbruch wesentlich langsamer.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. März 2020 um 19:00 Uhr.

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