Menschen warten in Berlin vor dem Eingang eines Testzentrums. | dpa
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Corona-Pandemie Sieben-Tage-Inzidenz nicht mehr sinnvoll?

Stand: 24.06.2021 06:04 Uhr

Die Bundesnotbremse läuft zwar aus, könnte aber jederzeit reaktiviert werden, sagt Kanzlerin Merkel. Die Maßnahmen sind an die Sieben-Tage-Inzidenz gekoppelt. Doch dieser Wert ist zunehmend umstritten.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Angesichts des geringen Infektionsgeschehens in Deutschland läuft die sogenannte Bundesnotbremse Ende Juni aus. Sie könne aber jederzeit reaktiviert werden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärte Anfang Juni, notfalls könne die Bundesnotbremse auf dem normalen Gesetzesweg innerhalb von einer oder zwei Wochen wieder eingeführt werden.

Die Notbremse ist an die Sieben-Tage-Inzidenz gekoppelt. Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf Anfrage von tagesschau.de mit, dieser Wert "stellt nach wie vor den am besten geeigneten Mechanismus dar, dass zu treffende Maßnahmen rechtzeitig, zielgenau, rechtssicher und verhältnismäßig wirken können. Übergeordnet ist zu berücksichtigen, dass zwischen der Sieben-Tage-Inzidenz und anderen für die Beurteilung des Pandemiegeschehens relevanten Faktoren eine Korrelation besteht, so dass der Inzidenzwert auch diese Faktoren mit abbildet".

Doch diese Korrelation stellen Fachleute zunehmend infrage, weil sich beispielsweise die Zahl der Covid-19-Todesopfer seit dem Frühjahr weniger dramatisch entwickelt hat als die Kurve der Neuinfektionen. In den ersten beiden Wellen war das noch anders, wie die Kurven zeigen.

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Corona-Neuinfektionen und Todesfälle

"Richtiggehend untauglich"

Auf diese Entwicklung wies Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, bereits im April hin: Die Sieben-Tage-Inzidenz sei "schon immer problematisch", aber inzwischen werde der Wert "richtiggehend untauglich". Er "entkoppelt sich immer mehr von der eigentlichen gesundheitlichen Lage".

Ursachen seien mehr Testungen, außerdem fehlten noch immer Daten, welche Bevölkerungsgruppen besonders betroffen seien. Zudem würden durch Impfungen "schwere Erkrankungen seltener, selbst dann wenn die Zahl der Infektionen nicht ganz so schnell sinkt".

Andreas Stang, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) des Universitätsklinikums Essen, sagte im Gespräch mit tagesschau.de, die Sieben-Tage-Inzidenz habe sich von der Zahl der Todesopfer entkoppelt. Das sei wohl ein Erfolg der Impfungen. "Damit wird der Wert aber zunehmend ungenau", so Stang. Er verweist auf eine von ihm entwickelte Forecast-Methode zur Prognose des Pandemie-Geschehens, die auf der Zahl der beatmeten Intensivpatienten basiere und stabiler sei.

Auch Krause schlug vor, die Anzahl der intensivmedizinischen Neuaufnahmen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner auf die Herkunftsorte der Patienten bezogen als Parameter zu nutzen. "Dieser Wert zeigt viel stabiler die epidemische Lage an, als die bisherige Sieben-Tage-Inzidenz", so Krause.

Streeck warnt vor Nachlässigkeit

Trotz der positiven Entwicklung: Der Virologe Hendrik Streeck warnte vor Nachlässigkeit im Kampf gegen die Pandemie und forderte neue Strategien. "Wir sind aus meiner Sicht immer noch zu reaktiv und nicht aktiv genug", sagte Streeck der "Fuldaer Zeitung". "Wir versäumen es, aus der Pandemie maximal zu lernen und uns auf Herbst und Winter vorzubereiten." Der Experte warb dafür, dass in einem interdisziplinären Pandemierat "schon jetzt vorwärts gedacht" werde.

Dass die Fallzahlen derzeit zurückgehen, ist aus Streecks Sicht kein Erfolg der Corona-Politik. "Die Bundesnotbremse mit den Ausgangssperren hat wahrscheinlich wenig dazu beigetragen, dass die Zahlen jetzt sinken", sagte der Virologe. Vielmehr hätten die zunehmenden Impfungen und andere Faktoren dazu beigetragen. Dabei dürfe die "Saisonalität der Coronaviren" nicht unterschätzt werden.

Saisonalität spielt offenbar wichtige Rolle

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte Streeck mit Blick auf den Einfluss der Sommermonate auf das Coronavirus bestätigt. "Für den Einfluss der Saisonalität auf das Infektionsgeschehen räume ich ein: Hendrik Streeck hatte voll recht", sagte er der "Bild"-Zeitung. Streeck hatte im Januar im Bezug auf die Lage in Deutschland gesagt: "Wie wir das im vergangenen Frühjahr gesehen haben - gehen im März, spätestens April die Infektionszahlen nach unten. Das ist das typische Verhalten von Coronaviren, die sich über die Sommermonate hinweg nur noch auf einem niedrigen Level verbreiten."

Tatsächlich sinken die Zahlen seit Ende April massiv und kontinuierlich - obwohl viele Einschränkungen aufgehoben wurden. Unklar ist aber noch, wie sich die Delta-Variante auf den weiteren Verlauf im Sommer auswirken könnte.

Doch wie geht es weiter, wenn der Herbst kommt und die Zahlen wieder stark steigen sollten? Wie gefährlich ist die Pandemie dann noch? Und wie soll die pandemische Lage erfasst werden?

Das RKI schlägt mehrere Parameter vor, um die Lage zu bewerten. So beispielsweise in den täglichen Situationsberichten oder auch bei der Strategie "ControlCOVID - Optionen zur stufenweisen Rücknahme der COVID-19-bedingten Maßnahmen bis Ende des Sommers 2021", in dem beschrieben wird, dass Maßnahmen nicht nur an einen Indikator gekoppelt werden sollten.

Sorge wegen Delta-Variante

Das Bundesgesundheitsministerium reagierte bislang nicht auf eine Anfrage, ob die Sieben-Tage-Inzidenz trotz der zunehmenden Limitationen allein Basis für die Corona-Maßnahmen bleiben soll. Insbesondere die Ausbreitung der Delta-Variante stellt die Politik vor neue Herausforderungen. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte zuletzt erklärt, es sei nicht die Frage, ob, sondern wann Delta das Infektionsgeschehen in Deutschland dominieren werde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juni 2021 um 15:26 Uhr.

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Moderation 24.06.2021 • 12:45 Uhr

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