Die Mitarbeiterin einer Apotheke am Medikamentenschrank | Bildquelle: dpa

Coronavirus und Covid-19 Verwirrung um Ibuprofen

Stand: 24.03.2020 12:34 Uhr

Im Kontext mit Covid-19 hat Frankreichs Gesundheitsminister auf mögliche Risiken durch die Einnahme von Ibuprofen hingewiesen. Experten betonen allerdings, dass es keine gesicherten Erkenntnisse gibt.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Ratschläge und Gerüchte zum Einfluss bestimmter Medikamente auf eine Coronavirus-Infektion sorgen derzeit für Verunsicherung. Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran schrieb auf Twitter, Entzündungshemmer wie etwa Ibuprofen könnten eine Infektion mit dem Coronavirus verschlimmern. Im Falle von Fieber solle man Paracetamol nehmen, riet Véran.

Der nationale Gesundheitsdirektor Jérôme Salomon äußerte sich ähnlich und riet von der Einnahme sogenannter nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) ab. Zu dieser Wirkstoffgruppe zählen neben Ibuprofen auch Acetylsalicylsäure (ASS; Aspirin) und Diclofenac.

"Möglicher Hinweis"

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) kann sich durchaus vorstellen, dass insbesondere ASS, aber auch Ibuprofen, bei der Lungenerkrankung Covid-19 nicht hilfreich sein könnten. "Ibuprofen hemmt die Blutgerinnung, das wäre ein möglicher Hinweis", erläutert der Virologe. Damit steige das Risiko für innere Blutungen.

Dennoch sei ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von NSAR und schweren Verläufen bei Covid-19 nach seinem Wissen bislang nicht gesichert, betont Schmidt-Chanasit. "Wir wissen wenig über die Pathogenese des Virus Sars-CoV-2. Es gibt dazu bisher keine klinischen Daten."

"Langzeitbehandlung nicht abbrechen"

Auch das Schweizer Bundesamt für Gesundheit betonte, es gebe derzeit "keine eindeutigen Hinweise darauf, dass diese Art von Medikamenten den Krankheitsverlauf verschlimmert. In Einzelfällen wurde beobachtet, dass sie zu einem schwereren Krankheitsverlauf führen. Bewiesen ist dies jedoch nicht. Überprüfungen dazu laufen."

Bis zu einem Ergebnis empfehlt das Amt "eine vorsichtige Haltung gegenüber dem Gebrauch von Medikamenten auf der Basis von Ibuprofen: Die Behandlung von Fieber ist allgemein nicht notwendig." Personen, die unabhängig von Covid-19 unter einer Langzeitbehandlung mit Medikamente auf Basis von Ibuprofen stehen, sollten die Behandlung nicht abbrechen und sich bei Symptomen einer akuten Atemwegsinfektion (Husten, Fieber) an ihre Ärztin oder ihren Arzt wenden, empfiehlt das Amt.

Auch die Seite Infomed schreibt in einer Stellungnahme, aktuell gebe es keinen überzeugenden Hinweis auf mögliche negative Auswirkungen - "geschweige denn einen echten Nachweis von Problemen". Das Fachportal verweist dabei auf verschiedene weitere Stellungnahmen von Verbänden und Forschenden dazu, die sogar Hinweise vorliegen hätten, entzündungshemmende Medikamente könnten schützende Wirkung haben. Aber auch diese Hinweise sind wissenschaftlich nicht bestätigt.

Drosten: "Das wüsste man"

Der Virologe Christian Drosten sagt im Podcast bei NDR Info, es gebe keine Daten dazu. Zwar sei das Virus neu, aber andere Coronaviren kenne man schon länger. Und auch bei diesen gebe "es keinen Hinweis darauf, dass Ibuprofen-Einnahme da irgendetwas verschlechtern würde. Ich glaube, das wüsste man inzwischen, wenn das so wäre."

Die Weltgesundheitsorganisation WHO riet dennoch - vorübergehend - bei Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion von der Einnahme von Ibuprofen ohne ärztlichen Rat ab. Die WHO-Experten prüften derzeit die Auswirkungen des entzündungshemmenden Medikaments, sagte WHO-Sprecher Christian Lindmeier am Dienstag in Genf. "In der Zwischenzeit raten wir, eher Paracetamol als Ibuprofen zu nehmen." Dies gelte jedoch nur für die Einnahme ohne ärztlichen Rat, betonte er.

Einen Tag später zog die WHO diese Empfehlung wieder zurück. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass es über die bekannten Nebenwirkungen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hinaus keine Hinweise auf negative Ibuprofen-Konsequenzen bei Covid-19-Patienten gebe. "Auf der Basis der heute vorhandenen Informationen rät die WHO nicht von der Einnahme von Ibuprofen ab", teilte die WHO mit.*

Warnungen via WhatsApp

Insbesondere in sozialen Netzwerken und via WhatsApp hatten sich Warnungen verbreitet, man solle generell und sofort auf Ibuprofen und andere Medikamente verzichten. Dies hätten Forscher der Uniklinik Wien herausgefunden, hieß es. Die Universität dementierte diese Nachricht.

Fachleute raten, dass man nicht auf Basis von unbestätigten Gerüchten Medikamente absetzen, sondern unbedingt Rücksprache mit dem Arzt halten solle.

*Hinweis der Redaktion: Die Empfehlung und den Rückzieher der WHO haben wir ergänzt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. März 2020 um 15:00 Uhr.

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