Ein Mann steht allein vor 4 Panzern, Peking/China, 5.6.1989 | Bildquelle: AP

Volksaufstand in China "Tank Man" - Die Geschichte hinter dem Foto

Stand: 04.06.2019 06:03 Uhr

"Der vermasselt mir das Bild", dachte Jeff Wideners, als sich der Mann mit den Taschen vor die Panzer stellte. Was der Fotograf damals nicht ahnte: Das Foto sollte eines der wichtigsten des 20. Jahrhunderts werden. 

Von Barbara Jung, NDR

Wenn Jeff Widener seine Geschichte erzählt, werden die Erinnerungen lebendig: Das Rattern der Maschinengewehre, das Rasseln der Panzerketten. Der Amerikaner, der heute in Hamburg lebt, war im Juni 1989 als Fotojournalist in Peking und erlebte die Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens hautnah mit. "Es war frühlingshaft, ich habe viele glückliche Menschen gesehen, am Anfang hatte es noch was von Karnevalsstimmung." 

Jeff Widener | Bildquelle: Jeff Widener / AP
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Jeff Widener war damals mittendrin.

Das sollte sich in der Nacht vom 3. Juni auf den 4. Juni schlagartig ändern. Das chinesische Militär rückte vor und schlug die prodemokratischen Proteste brutal und blutig nieder. Widener geriet zwischen die Fronten und bekam einen schweren Stein ins Gesicht: "Wenn ich in dem Moment nicht meine Kamera vor der Nase gehabt hätte, hätte ich das wohl nicht überlebt", erzählt der heute 62-Jährige.

Ins "Peking"-Hotel geschmuggelt

Trotz einer Gehirnerschütterung machte er am 5. Juni weiter. Mittlerweile hatte das Militär den Tiananmen-Platz besetzt. Das wollte er fotografieren. Mit der Kamera unter der Jacke und den Filmen in der Unterhose betrat er das "Peking"-Hotel unweit des Tiananmen-Platzes und sprach einen jungen Amerikaner an: "Ich sagte: 'Hey Joe, wo warst du?' und flüsterte dann: 'Ich bin von AP, kannst Du mich in dein Zimmer lassen?'"

Demonstrantin mit Soldaten | Bildquelle: Jeff Widener / AP
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Um solche Fotos zu bekommen, ließ sich Widener einiges einfallen.

Der amerikanische Student sollte noch eine entscheidende Rolle spielen bei der Entstehung des "Tank Man"-Fotos. Denn er brachte Widener nicht nur in den 6. Stock des Hotels, von wo aus er freie Sicht auf den Tiananmen-Platz hatte. Er half dem Fotografen auch aus der Patsche, als ihm die Filme ausgingen. Er machte sich auf die Suche nach Ersatz und konnte einem Touristen in der Hotellobby einen Film abschwatzen. 

"Der Typ vermasselt mir das Bild"

Während die Panzer vom Tiananmen-Platz in Richtung "Peking"-Hotel rollten, richtete Widener auf dem Balkon des Hotels sein Bild ein. Plötzlich tauchte der Mann mit den Einkaufstüten vor den Panzern auf: "Im ersten Moment dachte ich, der Typ vermasselt mir das Bild. Ich hatte damals schon so viel Schlimmes gesehen, ein unbewaffneter Mann vor Panzern war erstmal nichts Besonderes für mich". Widener hielt drauf und wartete, dass der Mann erschossen würde, aber nichts passierte.

Singende Soldatin | Bildquelle: Jeff Widener / AP
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Am Anfang der Proteste war die Stimmung in Peking noch relativ entspannt.

Bewegtbildaufnahmen der Szene damals zeigen, wie sich der Mann den Panzern immer wieder in den Weg stellt, auf den ersten der Panzer klettert und mit einem Mitglied der Panzercrew spricht, bevor er wieder herunter klettert und sich den Panzern erneut in den Weg stellt. "Das war der Moment, in dem ich auf den Auslöser drückte", erzählt Widener. Dann war der Moment vorbei, mehrere Männer in Zivil zogen den Mann mit den Einkaufstüten weg.

Das Foto ging um die Welt

Widener wollte den Film so schnell wie möglich zum Entwickeln ins Büro bringen. Erneut half der Student: Er schmuggelte den Film zur amerikanischen Botschaft in Peking. Von dort wurde der Film zur Nachrichtenagentur AP übermittelt, von wo aus das Foto schließlich um die Welt ging. 

Am nächsten Morgen traute Widener seinen Augen kaum: Dutzende Zeitungen weltweit hatten sein Foto auf dem Titel. Wie sich später herausstellte, hatten noch drei weitere Pressefotografen die Szene mit dem Mann vor den Panzern fotografiert, aber es war Wideners Foto, das sich als erstes verbreitete. Zu erkennen ist es an den Straßenlampen unten rechts. 1990 wurde es für den Pulitzer-Preis nominiert. Die "Times" erklärte es später zu einem der wichtigsten Fotos aller Zeiten.

Ein brennender Panzer | Bildquelle: Jeff Widener / AP
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Auch die Szenen der Gewalt hielt Widener auf Fotos fest.

Der "Tank Man" bleibt verschollen

Fotograf Jeff Widener bekam in den Jahren danach Post von Menschen überall auf der Welt, weil ihnen der "Tank Man" Mut machte. Auch viele Chinesen sprachen ihn an, wollten Selfies mit ihm machen - und das, obwohl die chinesische Regierung jegliches Erinnern an dieses Ereignis unterdrückt, das chinesische Internet zensiert wird, so auch das "Tank Man"-Foto. 

Der Mann mit den Einkaufstüten selbst gilt seit diesem Tag als vermisst. Widener dachte oft an ihn und fragte sich, was wohl aus ihm geworden ist. Wurde er verschleppt? Getötet? Was wurde aus seiner Familie? "Eines Tages werden wir es erfahren von jemandem, der damals beteiligt war und Material durchsickern lässt. Jeder Versuch, das Ereignis aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen, macht die Geschichte des Tank Man nur noch stärker."

Demonstranten stehen auf einem Panzer | Bildquelle: Jeff Widener / AP
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Wideners Fotos machten anderen Menschen Mut.

Über dieses Thema berichtete NDR//Aktuell am 04. Juni 2019 um 14:00 Uhr.

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