Eine Bioscientia-Mitarbeiterin pipettiert Proben in einem Labor | dpa
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Dominierende Corona-Variante Mutante B.1.1.7 ist häufiger tödlich

Stand: 19.03.2021 16:45 Uhr

Die britische Mutante B.1.1.7 ist der Hauptgrund, weshalb die Neuinfektionen aktuell so stark ansteigen. Zunächst hieß es, sie sei ansteckender, aber nicht gefährlicher. Doch nun zeigt sich: Sie ist auch deutlich häufiger tödlich.

Von Dominik Lauck, Redaktion ARD-faktenfinder

Vor drei Monaten noch war in Deutschland keine einzige Coronavirus-Infektion mit der zuerst in Großbritannien nachgewiesenen Variante B.1.1.7 bekannt. Mittlerweile ist sie auch hierzulande die alles dominierende Form des Virus und verantwortlich dafür, dass die Infektionszahlen seit Tagen ansteigen. In etwa drei von vier Proben wird sie gefunden. Tendenz weiter stark steigend. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab zuletzt einen Anteil von 72 Prozent an.

Dominik Lauck

Vergangene Woche lag der Anteil noch bei 55 Prozent, zu Beginn der RKI-Erhebung vor rund anderthalb Monaten lediglich bei sechs Prozent. Überraschend ist der schnelle Anstieg nicht, denn schon von der ersten Entdeckung an galt die britische Variante als deutlich ansteckender als der zuvor vorherrschende Typ des Virus. Zunächst ging man davon aus, dass ein Infizierter im Schnitt - je nach Untersuchung - 50 bis 70 Prozent mehr Menschen ansteckt, später wurde dieser Wert auf etwa 35 Prozent korrigiert. Das mag auf den ersten Blick nicht sonderlich dramatisch klingen, doch aufgrund des exponentiellen Wachstums droht in kurzer Zeit eine neue Dimension der Ausbreitung.

Variante ist bis zu 67 Prozent häufiger tödlich

Wesentlich bedeutsamer sind jedoch die neuesten Erkenntnisse, was die Gefährlichkeit von B.1.1.7 angeht. Anfangs hieß es, die Mutante sei nicht tödlicher als die bisherigen Coronavirus-Formen. Doch mittlerweile sind in Großbritannien drei Studien erschienen (ein Preprint aus London , eine Studie aus Exeter und eine auf "Nature" veröffentlichte und bereits begutachtete Studie), die ein alarmierendes Bild zeichnen. Demnach ist die britische Variante nicht nur ansteckender, sondern auch deutlich häufiger tödlich. Das Risiko, innerhalb von 28 Tagen nach der Infektion zu versterben, ist - je nach Studie - um 58 bis 67 Prozent erhöht gegenüber einem Patienten, der eine der bisherigen Corona-Varianten hat.

Infografik: Ausbreitung von Coronavirus-Mutante B.1.1.7 in Deutschland |

Innerhalb weniger Wochen hat sich die Mutation B.1.1.7 in Deutschland zur dominierenden Form des Coronavirus entwickelt.

Jeder vierte Alte stirbt nach einer Infektion

"Das sind schon sehr, sehr ähnliche Zielbereiche, in denen man da landet in diesen drei Studien in England. Das ist erstaunlich übereinstimmend", erläuterte der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast "Coronavirus Update". Vor allem bei Älteren sei die Sterberate deutlich angestiegen. Bei den über 85-Jährigen etwa von 16,7 auf 24,3 Prozent - das heißt: Jeder Vierte in dieser Altersgruppe stirbt binnen vier Wochen, nachdem er an der B.1.1.7-Variante des Coronavirus erkrankte. Bei den 70- bis 84-Jährigen erhöhte sich die Sterberate von 4,7 auf 7,2 Prozent.

Neben den drei britischen Studien gibt es noch eine aus Dänemark, wo ebenfalls früh die Mutante entdeckt wurde. Dort wurde nicht die Sterblichkeit nach 28 Tagen untersucht, sondern die Rate von Krankenhausaufnahmen nach einer Corona-Infektion. Die Wissenschaftler seien "zu einem ganz ähnlichen, vergleichbaren" Ergebnis gekommen, so Drosten: Das Risiko, wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, ist demnach bei B.1.1.7 um 64 Prozent höher als bei einer anderen Coronavirus-Infektion.

Studien sind laut Drosten "statistisch hervorragend"

"Let's face it. Das ist die Situation. Ob wir das jetzt gerne glauben mögen oder nicht", warnte Drosten, der die Studie als "statistisch hervorragend" bezeichnet. "Wir haben 60, 70 Prozent erhöhtes Risiko, zu sterben oder ins Krankenhaus zu kommen nach Diagnose." Das Virus sei nicht nur übertragbarer geworden, sondern auch gefährlicher. "Das ist keine gute Botschaft, gerade in diesen Zeiten."

Für die weitere Entwicklung der Pandemie dürfte das schwerwiegende Folgen haben: "Wir werden kurz nach Ostern eine Situation haben wie um Weihnachten herum", sagte Drosten.

Andere "besorgniserregende Varianten" kaum verbreitet

Während sich B.1.1.7 in Deutschland rapide verbreitet hat, spielen die anderen beiden vom RKI als besorgniserregend eingestuften Varianten ("Variants of Concerns" - VOCs) noch keine große Rolle. Die südafrikanische Variante B.1.351 macht aktuell lediglich ein Prozent der Infektionen aus - Tendenz zuletzt sogar rückläufig. Die zuerst in Brasilien nachgewiesene Variante P.1 taucht bislang nur vereinzelt auf. Auch diese beiden Varianten gelten als deutlich ansteckender.

Neue Erkenntnisse gibt es zudem über die Wirksamkeit von Impfstoffen auf die neuen VOC-Mutationen. Die Impfstoffe wirken einer Studie der Universität Oxford zufolge offenbar besser als anfangs befürchtet. So erzielen die Vakzine von BioNTech und AstraZeneca bei der brasilianischen Variante eine ähnliche Wirkung wie bei der britischen. "Die Ergebnisse legen nahe, dass P.1 möglicherweise weniger resistent gegen die durch Impfstoffe ausgelöste Immunantwort ist als B.1.351, und ähnlich wie bei B.1.1.7", sagte Gavin Screaton, Autor der noch nicht von Fachleuten begutachteten Studie, die am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Impfstoffe sind bei Mutationen weniger effizient

Dennoch bleibt es dabei: Die Impfstoffe entfalten nicht die gleiche Wirksamkeit wie bei den bisherigen Coronavirus-Varianten. Denn die bei einer Impfung produzierten Antikörper neutralisieren die Viren aller drei Corona-Varianten generell weniger effizient als die der Ursprungsform von Sars-Cov-2.

Deshalb ist eine Weiterentwicklung der Präparate nach Ansicht der Oxford-Wissenschaftler sinnvoll. Dabei sollten sich die Impfstoff-Hersteller insbesondere darauf konzentrieren, dass die Vakzine wirksamer gegen die südafrikanische Variante B.1.351 werden. Bei dieser entziehen sich die untersuchten Impfstoffe am stärksten der immunisierenden Wirkung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Dezember 2020 um 16:49 Uhr und am 08. Januar 2021 16:36 Uhr.