Ein Soldat steht auf dem Dach einer Kirche. | Bildquelle: AFP

Anschläge in Sri Lanka Zunehmende Verfolgung von Christen?

Stand: 23.04.2019 15:52 Uhr

Nach den Anschlägen in Sri Lanka haben Politiker vor zunehmender Christenverfolgung gewarnt. Im Netz wird behauptet, das Thema werde verschwiegen. Experten sehen ein wachsendes Problem, mahnen aber zur Differenzierung.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Der frühere Fraktionschef der Union im Bundestag, Volker Kauder (CDU), warnt angesichts der Anschläge von Sri Lanka vor "zunehmender Christenverfolgung im gesamten asiatischen Raum". Die Ereignisse seien "leider kein Einzelfall", sagte Kauder der "Bild"-Zeitung.

Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Michael Theurer sagte: "Mehr als 100 Millionen Christen leben in Ländern, in denen ihr Menschenrecht auf Religionsfreiheit nicht geachtet wird." Damit seien Christen in vielen Regionen die größte verfolgte Gemeinschaft. Der Grünen-Europapolitiker Sven Giegold sagte der "Welt", die Religionsfreiheit von Christen sei in vielen Teilen der Welt bedroht. Im Netz wird zudem bereits seit Längerem kritisiert, das Thema "Christenverfolgung" werde verschwiegen.

"Religion des Westens"

Ulrich Pick von der SWR-Redaktion Religion erklärt im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder, Christen seien die größte Religionsgemeinschaft der Welt - und Christen würden auch häufig attackiert. Oft werde das Christentum als Religion des Westens identifiziert und als solche angegriffen - insbesondere im Nahen Osten.

Verletzungen der Religionsfreiheit mit dem Ziel der Durchsetzung eines wahren Glaubens geschähen oft durch nicht-staatliche Organisationen, betont der Wissenschaftler Heiner Bielefeldt im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder. "Terrorgruppen wie Boko Haram in Nigeria, Al Shabab im Osten Afrikas oder der IS" hätten "eine breite Blutspur" hinter sich gezogen. Zu den Opfern des IS zählten zunächst nicht-islamische Minderheiten, die als "Ungläubige" getötet, verschleppt, erpresst und um ihr Eigentum gebracht wurden.

Der IS hatte Bielefeldt zufolge offenbar das Ziel, "den Christen in der Region nicht nur jede Zukunft zu verbauen, sondern auch die Spuren der Vergangenheit restlos zu tilgen". Die Attacken sunnitischer Terrorgruppen richten sich darüber hinaus auf innerislamische Minderheiten wie Schiiten oder Sufis.

Ulrich Pick, SWR Redaktion Religion, über religiöse Konflikte und Religionsfreiheit
tagesschau24 15:00 Uhr, 23.04.2019

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Religion zur Herrschaft

Aber es gebe auch Staaten, die ihren Herrschaftsanspruch wesentlich darauf stützen, sich als Vollstrecker göttlicher Gesetze des islamischen Glaubens zu inszenieren, erklärt Bielefeldt, und zählt Beispiele wie Saudi-Arabien, Katar, Jemen, Iran, Sudan, Afghanistan, Mauretanien oder Brunei auf.

In Saudi-Arabien bleibe Nicht-Muslimen sogar jede öffentliche Religionspraxis verwehrt, sagt der Wissenschaftler der Uni Erlangen. In den Malediven sei die Staatsangehörigkeit an den Islam gebunden. Im multiethnischen und multireligiösen Malaysia werde die Mehrheit der politisch tonangebenden Malaien exklusiv mit dem Islam identifiziert, sagt Bielefeldt. Repressive Maßnahmen richteten sich nicht nur gegen "Ungläubige", sondern auch gegen innerislamische Minderheiten.

Ungeachtet der jahrhundertelangen Präsenz des Islams in Indien, würden Muslime von Hindunationalisten als fremd und womöglich gar als fünfte Kolonne Pakistans angesehen. Die Ausgrenzung trifft auch Christen, vor allem Protestanten, die als Exponenten des Westens stigmatisiert werden.

Instrumentalisierung der Religion

Die Instrumentalisierung der Religion als Bestandteil nationalromantischer Identitätspolitik geschehe auch unter christlichen Vorzeichen, betont der Experte: In Russland habe Putin die Orthodoxe Kirche zu einem Pfeiler des Nationalbewusstseins aufgebaut. Gemeinsamer Nenner sei "ein dezidierter Antiliberalismus, der für Religionsfreiheit nicht viel Raum lässt. Hart trifft es protestantische Freikirchen, die als Exponenten des ungeliebten Westens verdächtigt werden". Gleichzeitig inszeniere sich Russland im Nahen Osten als Schutzmacht der Christen.

Auf der 2014 annektierten Halbinsel Krim hätten vor allem die muslimischen Krimtartaren Repressalien erleiden müssen, weil ihre nationale "Zuverlässigkeit" bezweifelt werde.

Freiheitsrechte hängen zusammen

Bielefeldt war UN-Sonderberichterstatter zur Religionsfreiheit. Er hebt den engen Zusammenhang von Religionsfreiheit und Meinungs-, Versammlungs- oder Vereinigungsfreiheit hervor: "Je autoritärer eine Regierung strukturiert ist, desto größer die Angst, dass Freiheitsrechte zur Einbruchstelle für 'subversive' Aktivitäten werden könnten." Er betont, Religionsfreiheit und Meinungs- oder Versammlungsfreiheit könnten nicht separat betrachtet werden.

Heiner Bielefeldt von der Uni Erlangen | Bildquelle: NN
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Heiner Bielefeldt von der Uni Erlangen sieht eine wachsende Bedrohung für Christen und die Religionsfreiheit insgesamt.

Die Verfolgung von Religionen müsse also nicht immer religiös motiviert sein, erklärt der Forscher, oft sei sie ein Instrument autoritärer Politik. Dass beispielsweise im totalitär regierten Nordkorea nicht der geringste Raum für Religionsfreiheit bestehe, "liegt nicht allein an knallharten Kontrollobsessionen des Regimes, sondern auch an dem quasi-religiösen Personenkult, der in diesem Land herrscht".

Religiös unterfütterte nationalistische Reflexe zeigen sich Bielefeldts Meinung nach auch in Europa, vor allem im Umgang mit Flüchtlingen. Die Regierungen einiger EU-Staaten äußerten sich dahingehend, dass sie allenfalls christliche Flüchtlinge aufnehmen würden. "Vom Geist der Religionsfreiheit ist das weit entfernt", so Bielefeldt.

Zunahme von Unterdrückung

"Christen werden in vielen Staaten drangsaliert, die Religionsfreiheit verletzt", sagt ARD-Religionsexperte Pick. Besonders verweist er auf Indonesien, Nigeria, Nordkorea und auch Indien. Die Aussage, es gebe im "gesamten asiatischen Raum Christenverfolgung" sieht Pick allerdings kritisch, man müsse differenzieren: "Einige Akteure benutzen den Begriff Christenverfolgung inflationär, genauso wie andere vorschnell von Islamophobie sprechen."

Bielefeldt stellt fest, in China werde die Religionspolitik restriktiver, dies betrifft auch viele Christen. In Indien schikanierten Hindunationalisten sowohl Christen als auch Muslime. Viele spricht also für eine stärkere Verfolgung in Asien, die zwar nicht nur, aber auch Christen betrifft.

Aufmerksamkeit zugenommen

Dass das Problem verschwiegen werde, meint Bielefeldt nicht: In den vergangenen Jahren habe die Aufmerksamkeit deutlich zugenommen. Dies zeige sich auch daran, dass die Bundesregierung einen Beauftragten für Religionsfreiheit benannt habe, auf EU-Ebene oder der UN beschäftigen sich verschiedene Institutionen damit.

Wichtig sei es, meint Bielefeldt, Religionsfreiheit nicht gegen andere Freiheitsrechte auszuspielen, sondern die Unteilbarkeit der Menschenrechte zu verteidigen.

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