Sitzblockade im Flughafen Barcelona | Bildquelle: AP

"Tsunami Democràtic" in Katalonien Protestgruppe mit vielen Fragezeichen

Stand: 18.10.2019 15:10 Uhr

"Tsunami Democràtic" - unter diesem Namen ruft in Katalonien eine neue Gruppe zu Protesten auf. Wie schlagfertig sie ist, zeigte jüngst die Besetzung des Flughafens von Barcelona. Spanien rätselt, wer hinter der Gruppe steckt.

Von Marc Dugge und Dominik Braun, ARD-Studio Madrid

Die Unabhängigkeitsproteste in Katalonien flammen erneut auf, der Protest organisiert sich zunehmend digital. Im Kampf um mediale Präsenz spielen soziale Medien eine Schlüsselrolle.

Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung begleitet ihre Proteste medial hochprofessionell. Stets soll ein Eindruck der Geschlossenheit Kataloniens in der Unabhängigkeitsfrage entstehen.

Umfragen sagen allerdings, dass nur etwa die Hälfte der Katalanen für eine Abspaltung von Spanien ist. Die Separatisten untereinander sind bei der Frage, wie es weitergehen soll, gespalten. Seit ein paar Tagen organisiert sich eine neue Protestwelle über den Nachrichtendienst Telegram, über den unter anderem die Bewegung in Hongkong ihre Proteste organisiert.

Tausende Demonstranten versuchen am Montag, den gesamten Flughafen in Barcelona lahmzulegen. | Bildquelle: AFP
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Tausende Demonstranten versuchten am Montag, den gesamten Flughafen in Barcelona lahmzulegen.

Mitgliederzahl innerhalb weniger Tage verdreifacht

Die Chatgruppe "Tsunami Democràtic" wurde im Vorfeld zur Urteilsverkündung gegen die politischen Drahtzieher des verfassungswidrigen Unabhängigkeitsreferendums von 2017 gegründet. Innerhalb einer Woche verdreifachte sich die Mitgliederzahl auf mehr als 300.000.

Die spanische Polizei vermutet offenbar, dass der katalanische Regionalpräsident Quim Torra selbst zu den Organisatoren der Gruppe gehört. Das berichtet die spanische Zeitung "El Paìs". Die Idee für die Gruppe solle bei einem Treffen von Torra mit seinem Vorgänger Carles Puigdemont und anderen führenden Köpfen der Unabhängigkeitsbewegung Anfang September in Genf entstanden sein. Ziel sei es, die Einheit der Bewegung zurückzugewinnen, die in den letzten Monaten immer mehr zu zerfallen drohte. Puigdemont bestreitet, die Organisatoren der Gruppe zu kennen.

Mittlerweile kündigte ein Richter an, Tsunami Democràtic zu schließen.

Gruppe distanziert sich von Gewalt

Von gewaltsamen Auseinandersetzungen distanziert man sich seitens Tsunami Democràtic. Bei den Protesten kommt es allerdings seit Tagen auch zu schweren Ausschreitungen. Auch diese werden teilweise über Telegram-Gruppen der Separatisten organisiert, in denen etwa Informationen zum Errichten von Barrikaden verbreitet werden. So berichtet es die Online-Zeitung "eldiario.es".

Als am Montag die Urteile gegen die zwölf Angeklagten verkündet wurden, zeigte sich, wie schlagkräftig Tsunami Democràtic ist: In kurzer Zeit erreichte der Aufruf zur Besetzung des Flughafens in der Telegram-Chatgruppe weit über 200.000 Menschen. Bei der anschließenden Besetzung des Flughafens El Prat fielen über 100 Flüge aus. Bei der Suche der Separatisten nach internationaler Aufmerksamkeit zeigte sich der Flughafen als geeignetes Ziel.

Screenshot der Telegram-Gruppe Tsunami Democrátic
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"Alle zum Flughafen" steht in Großbuchstaben geschrieben - und in der Nachricht darunter heißt es: "Flugticket zu Hause gelassen? Keine Sorge, wenn sie danach fragen, hier findet ihr Hunderte von Tickets für Flüge heute."

Mithilfe von Billigtickets gelang es den Separatisten, in den Sicherheitsbereich des Flughafens zu kommen.



Ein Stau, der nicht mit dem Protest zusammenhängt

Der Kampf um Aufmerksamkeit und starke Bilder wird auch in den sozialen Medien ausgetragen - und offenbar immer undurchsichtiger. Während der Besetzung des Flughafens in Barcelona twitterte Tsunami Democràtic Bilder eines Staus vor dem Flughafen von Madrid.

Angeblich fand auch hier eine Blockade statt, die Nachricht verbreitete sich schnell. Später erklärte die nationale spanische Verkehrsbehörde DGT, das beobachtete Verkehrsaufkommen sei unter den gegebenen Wetterbedingungen normal.

Ein weiterer Tweet eines Users, der den Separatisten zuzurechnen ist, zeigt unter dem Hashtag #SpainIsAFascistState eine gewalttätige Auseinandersetzung an einem Flughafen. Mehrere Sicherheitsbeamte versuchen vergeblich, einen auf sie einschlagenden Mann zu überwältigen.

Unter der Überschrift: "Die Mossos (katalanische Regionalpolizei) haben Probleme mit einem Touristen, der auf unserer Seite steht", läuft das Video einer Schlägerei, die 2016 am Frankfurter Flughafen gefilmt wurde.

Stimmung angespannter

Bereits im Vorfeld zur Urteilsverkündung war die Stimmung in Katalonien zusehends angespannter. Ein Wegbegleiter des ehemaligen Regionalpräsidenten Puigdemont twitterte ein Bild von zwei bewaffneten Polizisten mit dem Zusatz, Spanien flute Katalonien mit paramilitärischen Einheiten.

Entstanden ist das Bild von Polizisten der Guardia Civil allerdings in Bilbao, veröffentlicht wurde es von der spanischen Nachrichtenagentur EFE am 29. Februar 2019. Spanische Medien hatten diese Tweets schnell als falsch identifiziert, dennoch wurde keiner dieser Inhalte daraufhin gelöscht oder richtiggestellt.

Auch Gegner verbreiten irreführende Tweets

Irreführende Tweets kommen allerdings auch von der Gegenseite - etwa von Anhängern der rechtsextremen Partei Vox. Auf einem der zahlreichen Twitteraccounts der Partei wurde etwa ein Bild unter der Überschrift "Separatisten sind keine Menschen des Friedens, sie sind voll mit totalitärem Hass" zu den aktuellen Ereignissen verbreitet.

Auf dem Bild ist zu sehen, wie ein jüngerer Mann einen älteren Mann attackiert, der eine spanische Fahne um den Hals trägt. Das Bild entstand allerdings bei gewaltsamen Ausschreitungen in Valencia vor über zwei Jahren. Der Tweet wurde weder gelöscht noch richtiggestellt.

In den sozialen Medien machte außerdem am Mittwoch ein Video die Runde, in dem ein Lieferwagen brennend über einen Parkplatz in Girona rollt. Schnell war die Rede von einem Anschlag der Separatisten, ohne dass es dafür besondere Hinweise gab.

Kritik an spanischer Regierung

In den Kommentarspalten überschlugen sich wüste Beleidigungen gegen die vermeintlichen Drahtzieher. Auch an der spanischen Regierung wurde viel Kritik geübt. Sie dürfe die Gewaltausbrüche der Separatisten nicht länger dulden und man müsse Katalonien unter Zwangsverwatlung der Regierung in Madrid stellen.

Der Besitzer des brennenden Lieferwagens stellte später klar, dass es einen Kabelbrand im Motorraum gegeben habe, woraufhin das Fahrzeug in Flammen aufging.

Schwierigkeiten auch bei klassischen Medien

In dieser diffusen Berichtslage, in der von allen Seiten ständig neue Informationen zum Konflikt ins Netz gespült werden, zeigt sich, wie auch klassische Medien Schwierigkeiten haben, mit dieser Geschwindigkeit mitzuhalten.

Auch der spanische öffentlich-rechtliche Fernsehsender rtve veröffentlichte ein Bild unter falscher Überschrift; Bäume, die an der Messe Barcelona in Flammen stehen, angeblich bestätigt aus Polizeikreisen. Der Tweet, der ein Bild aus dem Jahr 2010 beinhaltete, wurde schnell als falsch enttarnt, eine Richtigstellung folgte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Oktober 2019 um 15:00 Uhr.

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