Pressekonferenz mit Arkadi Babtschenko in der Pressekonferenz mit dem ukrainischen Geheimdienstchef Wassili Grizak (links) und dem Generalstaatsanwalt Yuri Lutsenko | Bildquelle: REUTERS

Fall Babtschenko und Glaubwürdigkeit Inszenierung mit hohem Preis

Stand: 31.05.2018 16:27 Uhr

Mit der Inszenierung seines Mordes hat der russische Journalist Babtschenko viel riskiert. Gelingt der Beweis eines Mordkomplotts nicht, wird der Preis sehr hoch sein. Schon jetzt gibt es massive Kritik.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Enorme Erleichterung, aber dann auch Enttäuschung und Ärger darüber, vorgeführt und benutzt worden zu sein: Nach der "Wiederauferstehung" Arkadi Babtschenkos sind viele Menschen fassungslos angesichts des Plots, auf den sich der russische Journalist mit dem ukrainischen Geheimdienst SBU eingelassen hatte.

Was Babtschenko und der SBU-Chef gestern bei einer Pressekonferenz sagten, klingt ohne ausreichende Beweise nicht überzeugend. Dort es hatte es geheißen, die Inszenierung sei notwendig gewesen, um den Mord zu verhindern und die Auftraggeber dingfest zu machen. Der ukrainische Abgeordnete Anton Geraschtschenko schrieb, dass sich die Befehlskette bis zu den russischen Geheimdiensten nachvollziehen lasse. Doch war nur von einem Mittelsmann und einem Täter die Rede. Offen blieb auch, wer die anderen 30 Personen auf der Mordliste sind, von der der SBU-Chef sprach, und ob sie noch in Gefahr sind.

Vertrauen geht verloren

Am 29. Mai stehen Polizisten vor dem Eingang zum Wohnhaus von Babtschenko | Bildquelle: REUTERS
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Polizisten sichern am Dienstag den Eingang von Babtschenkos Wohnhaus. Zuvor sei dort angeblich auf ihn geschossen worden, meldete die Behörde.

Legt der SBU nicht zügig stichhaltige Beweise vor, werden die Vorwürfe gegen die ukrainische Führung lauter werden und sie weiter an Vertrauen verlieren. Auch die Medien, die sich auf die Informationen verlassen hatten, nehmen Schaden. Wie stehen jene Politiker wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier da, die Trauer gezeigt und Aufklärung gefordert hatten?

Die Inszenierung ohne ausreichende Beweise spielt der russischen Führung in die Hände, die wie im Fall des Abschusses von MH17 auch klare Belege als Fälschung und Provokation von sich weist. Die Chefredakteurin von Russia Today, Margarita Simonjan, brachte Babtschenko bereits mit dem Fall Skripal in Großbritannien in Verbindung: Früher seien für geopolitische Provokationen wirklich Menschen getötet worden. Heute genüge es, "irgendeinen Skripal-Babtschenko" für ein paar Tage zu verstecken.

"Nowaja Gazeta": Sechs ermordete Journalisten

Dabei ist die Gefahr, der auch Babtschenko ausgesetzt ist, real. Aufgrund von Drohungen wegen seiner Berichterstattung musste er Russland verlassen. Allein bei der "Nowaja Gaseta" in Moskau, für die Babtschenko unter anderem geschrieben hatte, wurden seit deren Gründung 1993 sechs Journalisten getötet. Vor zwei Jahren wurde der russische Journalist Pawel Scheremet in Kiew mit einer Autobombe getötet. Eine Aufklärung fand bislang nicht statt.

Doch in der Ukraine gibt es auch andere Stimmen: Es sei einfach, vom Schreibtisch im Westen aus die Aktion zu verurteilen. Man müsse die besondere Lage berücksichtigen, die sich aufgrund der Bedrohung durch die russische Führung auch außerhalb seiner Grenzen ergebe und solch ungewöhnliche Maßnahmen rechtfertige.

Frankreich 1982: Mord an Publizist inszeniert

Eine Geschichte mit ähnlichen Umständen ereignete sich beispielsweise in Frankreich, als der Eiserne Vorhang noch stand: In den 1980er-Jahren floh der rumänische Publizist Virgil Tanase vor Diktator Nicolae Ceausescu nach Frankreich. Auch dort verfolgte ihn der berüchtigte rumänische Geheimdienst Securitate, nachdem 1982 ein kritischer Artikel über Ceausescu mit Tanases Namen als Autor erschienen war.

Ein rumänischer Agent wurde mit dem Mord an Tanase beauftragt. Doch der Agent wollte den Auftrag nicht ausführen und lief zum französischen Geheimdienst DST über. Offenbar um den Agenten und Tanase zu schützen, täuschte der DST den Tod des Publizisten vor. 

Ohne das Wissen seiner trauernden Frau blieb er in einem "sicheren Haus" versteckt, während die Öffentlichkeit an einen Auftragsmord der Securitate glaubte. Präsident François Mitterand sagte einen Besuch in Rumänien ab. Der DST bewertete die Aktion als Erfolg. Erst nach drei Monaten deckte eine Pariser Zeitung die Geschichte auf - Tanase gab eine Pressekonferenz.

Instrument für politische Machenschaften

Während es damals in Frankreich ebenfalls um den Schutz vor Mord ging, gibt es andere Fälle, in denen sich Medien zum Instrument politischer Machenschaften machen ließen - und damit Ansehen einbüßten. Im März 2010 berichtete in Georgien der regierungsnahe Sender "Imedi" von einem neuerlichen Einmarsch russischer Truppen.

Die Sendung war zwar als mögliches Szenario nach einem Sieg der Opposition bei Kommunalwahlen angekündigt worden. Doch war die Darstellung zur Hauptnachrichtenzeit so realistisch, dass viele Zuschauer mit ihren noch frischen Erinnerungen an den Krieg zwei Jahre zuvor in Panik ausbrachen. Als klar wurde, dass es sich um ein erfundenes Szenario handelte, gingen Hunderte Menschen aus Protest auf die Straße und verlangten eine Entschuldigung des Fernsehsenders.

Der Krieg in Georgien 2008 war letztlich der Auftakt zu einem "Informationskrieg", für den sich russische Medien rechtzeitig gerüstet hatten und der 2014 in der Ukraine dann volle Fahrt aufnahm.

Das höchste Gut riskiert: die Glaubwürdigkeit

Auf allen Seiten - Russland, Georgien, Ukraine und darüber hinaus - lassen sich Medien teils aus Patriotismus instrumentalisieren, teils fehlen unabhängige Informationen. Babtschenko weiß das. Er kennt den Krieg nicht nur als Reporter vor Ort, sondern auch als Soldat im Tschetschenien-Krieg.

Deshalb stellt sich umso dringlicher die Frage, warum er sich auf die Aktion mit dem ukrainischen SBU einließ und dafür bereit war, das höchste Gut eines Journalisten zu riskieren - seine Glaubwürdigkeit. Der Geheimdienst und andere ukrainische Behörden sind für eine geringe Aufklärungsquote bekannt und für zwielichtige und fragwürdige Aktionen.

Ukraine: Vorher bereits Morde vorgetäuscht

Auch Morde wurden in der Ukraine schon vorgetäuscht - zuletzt die Erschießung eines Anwalts am 15. Mai in Odessa. Als Grund wurde ebenfalls angegeben, dass die Hintermänner eines Mordkomplotts gefunden werden sollten. Auch in diesem Fall publizierten Medien ein Foto als Beleg für die Behauptung. Eine Zusammenfassung des Vorfalls auf Englisch findet sich hier.

Der Fall Babtschenko wirft generelle Fragen neu auf: Inwieweit und auf welche Weise sind eine zeitweilige Kooperation oder Absprachen mit staatlichen Behörden gerechtfertigt? Es bleibt die Lehre, mehr noch als bisher auch scheinbar klare Fälle und selbst schlüssige Behördeninformationen zu hinterfragen.

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Mit Informationen von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

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