Ein Fläschchen mit dem Impfstoff AstraZeneca | AFP
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Sars-CoV-2-Impfstoff Wie wirksam ist das AstraZeneca-Vakzin?

Stand: 26.01.2021 16:44 Uhr

AstraZeneca steht in der Kritik: Nach der Ankündigung des Unternehmens, der EU weniger Sars-CoV-2-Impfstoff als zugesagt zu liefern, kamen auch noch Zweifel an der ausreichenden Wirksamkeit auf. Was ist dran?

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

Die Bundesregierung rechnet beim Vektor-Impfstoff von AstraZeneca bei über 65-Jährigen offenbar nur mit einer Wirksamkeit von acht Prozent - so berichten mehrere Medien. Quelle der Zahl soll eine britische Studie sein.

Wulf Rohwedder

Ministerium und Unternehmen dementieren

Das Bundesgesundheitsministerium dementierte umgehend: Auf den ersten Blick scheine es so, dass Dinge verwechselt würden, hieß es in einer Stellungnahme. Rund acht Prozent der Probanden der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie seien zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre. Daraus lasse sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten. Es sei seit Herbst bekannt, dass in den ersten eingereichten Studien von AstraZeneca weniger Ältere beteiligt gewesen seien als bei Studien anderer Hersteller - damit sei die Datenbasis zu klein.

Carlos A. Guzman, Leiter der Abteilung Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig rät von Spekulationen ab: "Wir müssen die Empfehlung der EMA abwarten. Möglicherweise wurden den Aufsichtsbehörden zusätzliche Informationen zur Verfügung gestellt, die nicht öffentlich zugänglich sind", sagt er.

Das Unternehmen selbst bezeichnete die Berichte als "komplett falsch". Inzwischen hat AstraZeneca nach Informationen des ARD-Studios Brüssel bei der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) eine neue Studie vorgelegt. Beteiligt waren angeblich 2000 Teilnehmer über 65, davon zwei Drittel über 75 Jahre alt. Der älteste Proband war 86. Eine Anfrage des ARD-faktenfinder an AstraZeneca zu der Untersuchung blieb bisher unbeantwortet.

Mehr Impfstoff für Jüngere?

Trotzdem könnte die Studie Auswirkungen auf die deutsche Impfstrategie haben: Da die Datenbasis in Bezug auf die älteren Probanden nicht ausreicht, kann es sein, dass das AstraZeneca-Präparat zunächst nur eine Zulassung für jüngere Empfänger erhält. Ob die Impfverordnung entsprechend geändert werden muss, könne aber erst nach der EMA-Entscheidung gesagt werden, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Eine solche Strategieänderung könnte dazu führen, dass Menschen unter 65 Jahren schneller eine Impfung bekommen könnten als ursprünglich angenommen.

Menschen gehen auf einem Weg Richtung Impfzentrum | picture alliance / Geisler-Fotop

Eine fehlende Zulassung für ältere Empfänger für den AstraZeneca-Impfstoff könnte Auswirkungen auf die Impfstrategie haben. Bild: picture alliance / Geisler-Fotop

Wirkt weniger mehr?

Allerdings wies der Impfstoff von AstraZeneca laut einer ersten klinischen Studie auch in der Gruppe der 18-55-Jährigen eine deutlich geringere Wirksamkeit auf als die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna. Diese kommen demnach nach zwei Impfungen in dieser Altersgruppe auf eine Wirksamkeit von über 94 Prozent, das AstraZeneca-Serum lediglich auf 62 Prozent. Bei 1367 Geimpften, die bei der ersten Impfung nur die Hälfte der vorgesehenen Dosis erhielt, stieg die Zahl der Immunisierten jedoch auf mehr als 90 Prozent. Die Ursache des Phänomens konnte noch nicht eindeutig geklärt werden.

Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin der Eberhard Karls Universität in Tübingen meint, die die Wirksamkeitsdaten von AstraZeneca säen gut aus, aber klar schlechter als die der beiden bereits zugelassenen Impfungen. Die halbierte Dosis in den klinischen Studien sei ein Versehen gewesen. "Die Probandenzahlen sind deshalb einfach viel zu gering, als dass man jetzt Schlüsse daraus ziehen könnte." auch er halte die Datenlage für die Zulassung des Impfstoffes bei über 65-Jährigen nicht für aussagekräftig.

AstraZeneca will Verträge nicht einhalten

Allerdings will AstraZeneca der EU deutlich weniger Impfstoffdosen liefern als zunächst zugesagt, wahrscheinlich weniger als die Hälfte. Als offiziellen Grund für die Lieferausfälle hatte das Unternehmen Probleme mit einem belgischen Zulieferer genannt. Die vereinbarten Lieferungen nach Großbritannien sollen jedoch erfolgen. Das Vorgehen des britisch-schwedischen Konzerns stieß bei der EU-Kommission auf heftige Kritik, da die Union bereits 336 Millionen Euro an Vorauszahlungen für die Entwicklung und Produktion des Impfstoffs geleistet hatte.

Mit Informationen von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Januar 2021 um 12:00 Uhr.