Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. (Quelle: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa) | dpa / JFDA
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Was ist Antisemitismus? Eine bestimmte Wahrnehmung von Juden

Stand: 17.05.2021 14:21 Uhr

Antisemitismus fängt nicht erst bei tätlichen Attacken an, sondern ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die zu Hass führen kann. Fachleute sehen im Antisemitismus eine Abwehrhaltung gegen die Moderne.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Was ist Antisemitismus? Eine Frage, auf die man in Diskussionen höchst unterschiedliche Antworten bekommt. Um gezielt gegen die verschiedenen Formen dieses Phänomens vorgehen zu können, nahm die Bundesregierung im Jahr 2017 eine einheitliche Definition des Begriffes an, um entsprechende Einstellungen besser erkennen, dokumentieren und bekämpfen zu können.

Patrick Gensing tagesschau.de

Die Definition wurde auf der Basis von Arbeiten der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken (International Holocaust Remebrance Alliance, IHRA) erarbeitet. IHRA ist eine zwischenstaatliche Einrichtung, die 1998 von dem ehemaligen schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson gegründet worden war. Die IHRA hat 34 Mitgliedsländer (darunter Deutschland, Österreich, Frankreich, Israel und die USA), mit Nordmazedonien ein Partnerland sowie sieben Beobachterstaaten. In der Allianz werden Regierungen und Experten zusammengebracht. Zu den Partnerorganisationen gehören unter anderem die UN und die UNESCO.

Wahrnehmung, die sich als Hass ausdrücken kann

Die IHRA hatte die erwähnte Antisemitismus-Definition im Mai 2016 bei einer Konferenz in Bukarest beschlossen. Sie lautet:

Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.

Die Definition soll aus Sicht der Bundesregierung auch im Schulunterricht oder in der Ausbildung von Berufen in der Justiz oder im Polizeidienst verwendet werden. So werde es etwa für Polizeibeamte einfacher, Straftaten einem antisemitischen Hintergrund zuzuordnen.

Aus einer Wahrnehmung können Worte und Taten werden

Entscheidend an der Definition ist, dass nicht erst von Antisemitismus gesprochen wird, wenn offener Hass durch Worte geäußert oder durch Taten demonstriert wird, sondern es ist von einer Wahrnehmung die Rede. Das heißt, der Antisemitismus ist ein Phänomen, das nicht durch die Anwesenheit oder das Verhalten von Juden ausgelöst wird, sondern es ist ein Problem der Person, die diese antisemitische Wahrnehmung hat.

Aus dieser bestimmten Wahrnehmung der Welt kann dann offener Hass auf Juden werden. Das bedeutet: Hinter jeder judenfeindlichen Tat steckt ein antisemitisches Weltbild, aber nicht jeder mit einer antisemitischen Wahrnehmung muss zwingend auch offen Ablehnung oder Hass äußern. Dies ist bei anderen Phänomenen ähnlich: Rassismus oder Sexismus beginnen nicht erst bei einer Beleidigung oder Angriff. Erst kommt eine entsprechende Wahrnehmung, darauf können Worte und Taten folgen.

Täter-Opfer-Umkehr

Mit der Betonung der Wahrnehmung wird auf bestimmte Formen des Antisemitismus reagiert - so beispielsweise auf die Täter-Opfer-Umkehr: So werden Juden seit Jahrhunderten dafür verantwortlich gemacht, dass es Antisemitismus gibt. Das heißt: Nicht der Antisemitismus ist demnach das Problem, sondern die Anwesenheit oder das Handeln von Juden.

So funktioniert auch die Schuldabwehr nach dem Holocaust: Juden wird vorgeworfen, sie würden die Shoah ausnutzen, um vor allem Deutschland Schuldkomplexe einzureden. Verschwörungslegenden behaupten sogar, Juden hätten den Holocaust nur erfunden, um davon zu profitieren. So soll die deutsche Verantwortung für den Massenmord in der NS-Zeit relativiert oder komplett negiert werden.

Antisemitisch kann es zudem beispielsweise sein, wenn eine Fokussierung auf den Staat Israel als jüdisches Kollektiv vorliegt. Im Bezug auf Israel verweisen Experten auf den sogenannten "3D-Test". 3D steht für Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung. Die Internationale Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA) schreibt dazu:

Eine Kritik an Israel, die sich auf einem Niveau bewegt, wie sie ein beliebiges anderes Land treffen könnte, ist nicht als antisemitisch anzusehen.

Wenn aber auf Israel als jüdisches Kollektiv doppelte Standards angelegt werden, beispielsweise was Maßnahmen zur Selbstverteidigung betrifft, oder der demokratische jüdische Staat als rassistisches Regime dämonisiert wird, dann wird die Grenze zum Antisemitismus überschritten. So wird die Demokratie Israel immer wieder mit NS-Deutschland verglichen: Eine Gleichsetzung, die zum einen den Nazi-Terror verharmlost - und zum anderen den jüdischen Staat delegitimiert.

Attacken in Europa wegen Konflikts in Nahost

Antisemitisch ist es auch, wenn Juden beispielsweise in Europa für Handlungen des Staates Israel verantwortlich gemacht werden, wie zuletzt in Deutschland geschehen. Solche antisemitischen Attacken sind seit Jahren zu beobachten: So griffen militante Demonstranten 2017 in Göteborg eine Synagoge an. In Amsterdam wurde ein koscheres Geschäft attackiert. In Berlin skandierten pro-palästinensische Demonstranten Parolen wie "Fuck Israel" oder auch "Juden raus!" Hintergrund war die Ankündigung der damaligen US-Regierung, ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

Ähnliches war 2014 nach einer antiisraelischen Demonstration in Berlin geschehen, als ein Mob skandierte: "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf' allein!" Zudem wurde ein Ehepaar aus Israel angegriffen. Viele Juden in Deutschland und Europa berichten seit Jahren, sie fühlten sich nicht sicher - unter anderem wegen islamistischer Anschläge aber auch rechtsextremer Attacken wie in Halle beispielsweise.

Antisemitische Denkfiguren finden sich in rechten, linken und islamistischen Ideologien - zumeist im Kontext von stereotyper Behauptungen über Juden, die als Kollektiv über eine besondere Macht verfügten. Dazu gehören Verschwörungstheorien, wonach Juden Medien, Wirtschaft, Regierungen oder andere gesellschaftliche Institutionen kontrollierten.

Der Antisemitismus-Forscher Samuel Salzborn erklärte dazu im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder:

Die Gemeinsamkeit von allen antisemitischen Mythen ist ihr höchst widersprüchlicher und durch Fakten nicht zu erschütternder Inhalt sowie ihre spezifische Funktion als Reaktion auf die Moderne: alles, was Antisemiten nicht verstehen können oder wollen, wird in Legenden und Mythen projiziert. Am deutlichsten sieht man das an der wohl zentralsten antisemitischen Legende: dem Mythos der "jüdischen Weltverschwörung" - der gerade in Zeiten des Internet so wandlungsfähig ist, dass noch der absurdeste Unsinn mit einem Verschwörungsmythos belegt wird. Und das nur, weil man nicht Willens oder in der Lage ist, die abstrakte Komplexität der Moderne zu verstehen. 

Ein wichtiger Punkt in der Definition zum Antisemitismus ist die Erwähnung von nicht-jüdischen Menschen oder Einrichtungen, die ebenfalls von antisemitischen Wahrnehmungen betroffen sein können. Dies ist beispielsweise in der Corona-Pandemie zu beobachten, in der Bill Gates in kruden Verschwörungslegenden als Strippenzieher dargestellt wird, der durch Impfungen ganze Völker ausrotten wolle. In solchen Fällen sprechen Fachleute von strukturell antisemitischen Mustern bzw. einer antisemitischen Wahrnehmung der Realität.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2021 um 06:40 Uhr und Deutschlandfunk Kultur am 17. Mai 2021 um 12:48 Uhr.