Lisa Gundsø
Interview

Junge Europäer vor der Wahl "Dänischer Kern mit europäischer Hülle"

Stand: 22.10.2015 15:55 Uhr

Die Dänin Lisa Gundsø sieht die EU als Erfolg. Sie hat erlebt, wie sehr ihr Heimatland durch Europa beeinflusst wird, und hofft auf positive Effekte der gemeinsamen Krisenbewältigung. Was sind ihre Hoffnungen und Ängste? Geht sie wählen? tagesschau.de hat sie gefragt.

tagesschau.de: Bald wird gewählt. Haben Sie sich schon entschieden?

Lisa Gundsø: Noch nicht. Ich muss mich, ehrlich gesagt, noch ein wenig informieren.

tagesschau.de: Fühlen Sie sich überhaupt europäisch?

Gundsø: Das kommt drauf an. Prinzipiell schon und ganz besonders, wenn ich außerhalb Europas reise. Zum Beispiel in den USA fühle ich mich schon eher als Europäerin, weniger als Dänin. Wenn ich allerdings durch Europa reise, reise ich natürlich als Dänin. Mein Kern ist daher dänisch, umgeben von einer europäischen Hülle.

Lisa Gundsø
Zur Person

Lisa Gundsø ist 27 Jahre alt und lebt in Kopenhagen.

"Mich beschäftigt, was Europa eigentlich bedeutet"

tagesschau.de: Können Sie das näher beschreiben? Hat Sie Ihr Vaterland oder Europa mehr beeinflusst in Ihrem Leben?

Gundsø: Europa war immer der Ort, in dem wir Urlaub verbracht haben. Meine Eltern sind mit uns nach Frankreich, Deutschland, Griechenland, Kroatien gereist - ich habe schon viel von unserem Kontinent gesehen. Aber wir sind immer nach Dänemark zurückgekehrt, weil dieses Land unsere Heimat ist. Hier bin ich zur Schule gegangen, hier leben meine Freunde. Erst als Studentin habe ich so richtig angefangen nachzudenken, was Europa eigentlich bedeutet. Warum es so einfach ist, in jedes Land zu reisen. Die letzten fünf Jahre habe ich mich daher sehr damit beschäftigt.

tagesschau.de: Haben Sie ein Auslandssemester gemacht?

Gundsø: Das gehörte dazu, klar. Ich war für sechs Monate in Frankreich und habe so auch vom Erasmus-Programm profitiert. Dann habe ich ein Jahr lang in Brüssel gearbeitet, als wir Dänen die EU-Präsidentschaft inne hatten. Mir wurde bewusst, wie Europa Dänemark beeinflusst - vor allem politisch.

tagesschau.de: Wo wir gerade auf Politik kommen. Was erhoffen Sie sich von den Wahlen?

Gundsø: Ich hoffe, dass die große Bewegung der Euro-Skeptiker nicht gewinnen wird. Das wäre fatal, wenn rechte Parteien daraus Profit schlagen können, so wie sie es in einigen Länderwahlen in den letzten Jahren bewiesen haben. Das wäre ein Rückschlag für die europäische Idee und Integration. Durch meine Arbeit in Brüssel habe ich aber mitbekommen, wie schwierig europäische Politik ist. Und so kommt sie beim Bürger auch an. Aber die EU-Parlamentarier investieren wirklich viel. Daher wäre es Unrecht, wenn die rechten Parteien nur wegen ihrer populistischen Thesen so einfach gewinnen können. Ich kann daher nur hoffen, dass die Wahlbeteiligung steigt und viele Menschen das verhindern wollen.

tagesschau.de: Trotzdem steht die EU weiter vor ihrer größten Herausforderung. Die Finanz- und Bankenkrise bringt immer noch Demonstranten auf die Straße. Was denken Sie, wenn Sie unsere Miteuropäer in Spanien oder Griechenland sehen?

Gundsø: Ich habe Mitleid. Diese Menschen sind Opfer schlechter politischer Entscheidungen, die oft von ihren eigenen Regierungen getroffen wurden. Ich bin richtig traurig, wenn ich höre, dass Studenten in meinem Alter Panik haben müssen, Arbeit zu finden. Es muss schrecklich sein, in einem Staat zu leben, der quasi auf Stand by ist und Restriktionen von außen auferlegt bekommt, die dich und deine Familien betreffen. Du als Einzelner bist der Verlierer. Schlimm. Aber gewaltsame Proteste können trotzdem nicht die Lösung sein, auch wenn ich die Frustration verstehe.

"EU hat ihren Erfolg bewiesen"

tagesschau.de: Ist die EU immer noch ein erfolgreiches System für Sie?

Gundsø: Gerade in den letzten Jahren hat die EU eigentlich bewiesen, erfolgreich zu sein. Besonders in den Jahren der Krise, an deren Ende wir geschlossener da stehen werden, als zuvor. Menschliche Beziehungen wachsen auch durch Streit, warum dann nicht auch die EU? Wir müssen nur alle lernen, wirtschaftlich effizienter zu werden und vielleicht auch Souveränitäten an den europäischen Apparat abzugeben.

tagesschau.de: Nun wurde der Euro bei Ihnen in Dänemark abgelehnt. Sie zahlen weiterhin mit Kronen. War das vielleicht die beste Entscheidung, die das dänische Volk treffen konnte?

Gundsø: Vielleicht, denn unsere Krone ist ja an den Euro gebunden. Wären wir vor vier, fünf Jahren gefragt worden, ob wir den Euro wollen - ich hätte mit Ja gestimmt. Weil wir dadurch auch Einfluss verloren haben, da die Euro-Staaten ein eingeschworener Kreis innerhalb der EU sind. Dänemark gehört nicht dazu.

tagesschau.de: Welche Verantwortung haben die skandinavischen Staaten gegenüber den anderen EU-Staaten?

Gundsø: Wir sollten mehr tun, als wir bisher getan haben. Natürlich im Schulterschluss mit den anderen EU-Staaten, aber wir Skandinavier werden eigentlich ganz gut regiert und sollten daher den Krisenstaaten helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Das Interview führte Jan Koch per Chat für tagesschau.de