Nicole Bomke mit Kind

Armut in Deutschland Erst die Arbeit, dann die Tafel

Stand: 18.02.2017 22:16 Uhr

In Deutschland sind immer mehr Menschen arm, obwohl sie arbeiten, meist sind es Teilzeitjobs. In der Statistik werden diese Jobs als Erfolg gefeiert, aber die Tafeln zeigen ein anderes Bild: Dort holen sich immer häufiger Berufstätige Essen.

Von Tamara Anthony, ARD-Hauptstadtbüro

In der Tafel in Cottbus stapeln sich die Kisten mit Obst und Gemüse. Sechs Ehrenamtliche sind damit beschäftigt, die neuen Lebensmittelspenden an die Kunden zu verteilen. Es ist gerade eine etwas andere, eine eilige Klientel da: Neuerdings gibt es zwei Mal die Woche Öffnungszeiten speziell für Berufstätige.

Anke Thümmler ist eine von ihnen. Sie hat zwar seit November eine Arbeit, sogar sozialversicherungspflichtig. Aber die Bürokauffrau hat nur einen Teilzeitjob gefunden, drei Tage die Woche. Nach vielen hundert Bewerbungen war das besser als nichts. Aber das Einkommen reicht nicht. Darum bekommt sie noch aufstockend Geld vom Amt und holt sich Lebensmittel bei der Tafel.

Mitarbeiter bei der Tafel
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Mitarbeiter bei der Tafel: Auch Kinder und Rentner stehen vor der Tür

Heute ist Anke Thümmler aber nicht als Kundin hier, sondern als Ehrenamtliche. Jede Woche hilft sie an zwei Tagen bei der Tafel. Sie weiß, wie wichtig die Einrichtung für die Betroffenen ist. Etwa 400 Personen werden hier in Cottbus täglich mit Lebensmitteln versorgt. "Manchmal stehen die Leute um 4:00 Uhr morgens schon an, um sicher zu gehen, dass sie frisches Gemüse und Obst für die Woche haben", erzählt sie. Auch Kinder und Rentner stehen vor der Tür, wenn um 9:00 Uhr geöffnet wird und die Marken verteilt werden. "Einfach nur abstauben will hier ganz sicher keiner", ist Anke Thümmler überzeugt. Zudem müsse jeder ein offizielles Dokument vorlegen, dass er bedürftig ist.

"Wir sind ein Seismograph der Bevölkerung"

Arm trotz Arbeit, das sei ein immer häufigeres Phänomen, sagt Jochen Brühl, der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. "Wir sind ein Seismograph der Bevölkerung", beschreibt er das Netzwerk der mehr als 900 Tafeln in Deutschland. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeit und Minijobs machen sich vermehrt bei den Tafeln bemerkbar. In der Statistik werden diese Jobs zwar als Erfolg gefeiert, aber die Tafeln zeigen eine Parallelwelt im reichen Deutschland.

Auch Nicole Bomke kennt diese Parallelwelt. Sie wohnt im Schwarzwald, alles sieht hier recht beschaulich aus, die Wirtschaft brummt. Auch Nicole Bomke hatte immer einen Job, hat in der Pflege und im Sicherheitsdienst gearbeitet. Aber damit war es vorbei, als sie vor fünf Jahren Mutter wurde und nun die Tochter allein groß zieht. "Im Bewerbungsgespräch werde ich gefragt, was denn passiert, wenn das Kind krank ist", erzählt sie von ihrer letzten Erfahrung. Ein anderes Angebot musste sie ausschlagen, weil es keine flexible Betreuung für ihr Kind gab.

"Alleinerziehende Haushalte sind dem höchsten Risiko ausgesetzt, in Armut zu geraten und über längere Zeit arm zu bleiben", heißt es im gerade erschienen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Entsprechend sind die Statistiken bei Kindern. Zwei Millionen Kinder leben laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung in Haushalten, die Hartz IV beziehen. Jedes siebte Kind ist armutsgefährdet, meldet auch das Statistische Bundesamt.

"Nicht in erster Linie Hausaufgabenhilfe"

Armut heißt nicht hungern. Es heißt soziale Ausgrenzung und schlechtere Chancen für die Kinder. Sami soll bessere Chancen haben und deshalb kümmert sich Gabi Ott als Bildungs-Patin um ihn. Gefunden haben sie sich vor sechs Jahren über den gemeinnützigen Verein "biffy Berlin", der solche Patenschaften vermittelt. Sami hat gerade den Sprung aufs Gymnasium geschafft. Er will Richter werden, erzählt er, jetzt muss er viel lernen.

"Hausaufgabenhilfe ist aber nicht das, worum es in erster Linie geht", erklärt Gabi Ott. Gerade besuchen sie die Mauer-Gedenkstätte in Berlin, sie erzählt dem Jungen von der geteilten Stadt, den Fluchtgeschichten und den eigenen Erfahrungen in West-Berlin vor der Wende. Zeit und Zuwendung schweißt die beiden zusammen. Und die Hoffnung, dass sich vielleicht auch durch die Patenschaft die vielen kleinen Weichen im Leben von Sami zu seinen Gunsten stellen.

Bildungspatin Gabi Ott mit Sami an der Mauer-Gedenkstätte in Berlin
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Gabi Ott mit Sami an der Mauer-Gedenkstätte in Berlin

Spitzenreiter der Bildungs-Ungerechtigkeit

Deutschland gehört zu den Spitzenreitern der Bildungs-Ungerechtigkeit: Mehr als 50 Prozent der Ungleichheit bei Bildungsabschlüssen gehen auf familiäre Einflüsse zurück, heißt es in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Gabi Ott kommt auch nicht aus einer Akademikerfamilie, jetzt arbeitet sie im Management einer Bank. "Klar haben es Leute aus bildungsnahen Schichten viel einfacher. Aber ich selber komme auch nicht aus so einer Familie und das ist ja vielleicht auch das Schöne, dass ich weitergeben kann, dass es mit viel Durchhaltevermögen und Unterstützung auch geht!"

Zurück in Cottbus, bei der Tafel. Die meisten Menschen, die hier Essen holen, obwohl sie Arbeit haben, wollen nicht erkannt werden. Deutschland gehe es doch gut, hören sie. Und verstehen daraus: Man müsse sich doch nur anstrengen. An ihrer Armut seien sie selbst schuld.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 19. Februar 2017 um 18:30 Uhr

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