Die Glocke, die die Neuzugänge an der Frankfurter Börse einläutet, wird gereinigt. | picture alliance/dpa
Interview

Der "neue" DAX "Aktienbesitz muss attraktiver werden"

Stand: 20.09.2021 12:53 Uhr

Jünger und moderner soll der erweiterte DAX sein. Aber wird es für innovative Firmengründer in Deutschland damit einfacher? BioNTech-Investor Motschmann äußert im tagesschau.de-Interview Zweifel.

tagesschau.de: Der Leitindex DAX soll jetzt, erweitert auf 40 Unternehmen, für die Zukunft breiter aufgestellt und moderner sein. Ist jetzt alles gut?

Michael Motschmann: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Schwergewichte wie Airbus kommen hinzu, aber auch Wachstumsunternehmen wie Zalando oder Hellofresh. Bei den beiden letztgenannten handelt es sich aber um Firmen aus dem Internet-Handel. Das sind E-Commerce-Plattformen. Mir fehlen Technologie-Unternehmen, die mit ihrer Forschung Waren und Dienstleistungen voranbringen. Das sind stets langfristige Entwicklungen, die aber jetzt angeschoben werden sollten. Wir brauchen in Deutschland dringend mehr erfolgreiche Start-ups, die sich auch an der Börse weiterentwickeln. Hier liegt aber noch ein weiter Weg vor uns. 

 

Michael Motschmann | MIG Capital AG
Zur Person

Michael Motschmann arbeitet im Vorstand der MIG Capital AG in München. Die Firma finanziert Gründer und junge Unternehmen. Bislang wurden mehr als 600 Millionen Euro in junge Unternehmen gesteckt - darunter auch in den Corona-Impfstoff-Hersteller BioNTech. Motschmann war einer der ersten Investoren, die das Mainzer Biotechnologie-Unternehmen finanziell unterstützt haben. Danach wurde er Mitglied im BioNTech-Aufsichtsrat. 

Harte Konkurrenz aus den USA und Asien

tagesschau.de: Was bedeutet das für den Standort?

Motschmann: Hier zeigt sich eine strukturelle Schwäche. Die sollten wir schnell angehen. Unsere Mitbewerber auf den internationalen Märkten und die Konkurrenz in den USA oder China treiben Schlüsseltechnologien strategisch voran. Die Politik dort setzt massiv auf Zukunftsfelder wie künstliche Intelligenz, Softwarelösungen oder Biotechnologie. Die Potenziale gibt es in Deutschland auch. Sie sind aber in den vergangenen 30 Jahren vernachlässigt worden.

tagesschau.de: Was machen etwa die USA besser? 

Motschmann: In den USA gibt es schon historisch eine ganz andere Aktienkultur. Die Risikobereitschaft ist höher. Es gibt zudem bei Banken, Versicherungen und Investoren spezielle Fachleute, die eine medizinische oder naturwissenschaftliche Ausbildung haben. Die erkennen Potenziale und Chancen schnell. Diese Strukturen gab es in Deutschland auch mal. Durch das Desaster am Neuen Markt 2003 wurden diese Abteilungen aber nahezu abgebaut. Da müssen wir wieder hin, um Anleger mit vielversprechenden Unternehmen besser zu verbinden.

Einkaufstouren im digitalen Zukunftsgeschäft

tagesschau.de: Ist das auch der Grund, warum BioNTech an der Nasdaq in New York notiert ist und nicht im DAX?

Motschmann: Eindeutig ja.

tagesschau.de: Welche Chancen werden hier in Deutschland liegengelassen? 

Motschmann: Ausländische Firmen aus den USA, aber auch aus China schöpfen sehr viel dieser Potenziale ab. Sie locken Wissenschaftler und Ideengeber oder kaufen sich gleich in ganze Firmen ein. Das passiert derzeit stark bei E-Commerce und Digitalisierung.

Diskussion über Altersvorsorge

tagesschau.de: Was kann die Politik dagegen tun?

Motschmann: Es muss steuerlich für Gründer und Anleger gleichermaßen vieles viel einfacher gemacht werden. Wir sollten die risikobereiten und gründungswilligen Könner mehr unterstützen - etwa mit weniger Bürokratie und besserem Zugang zu Kapital. So halten wir die Potenziale im Land. Aber auch gesellschaftlich sollte sich einiges tun. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Nullzinspolitik sind private Investitionen in Aktien etwa im Hinblick auf die Altersvorsorge nötig. Das ist in vielen Ländern längst erfolgreicher Standard. Aktienbesitz muss in Deutschland grundsätzlich viel attraktiver werden. 

tagesschau.de: Kommen diese Themen in den Debatten zur Bundestagswahl aus Ihrer Sicht ausreichend vor?

Motschmann: Da findet viel zu wenig statt. Die Probleme am Standort spiegeln sich im Wahlkampf kaum wider. Wir brauchen dringend eine wirtschaftliche Erneuerung - nicht nur mit Blick auf das Klima. Die Zukunft wird etwa in der Robotik und der Künstlichen Intelligenz liegen. Hier muss ein politisches und gesellschaftliches Umdenken stattfinden. Es wird viel über den weiteren Ausbau des Sozialstaates geredet, aber kaum über das Entwickeln konkurrenzfähiger Zukunftsprodukte.    

Das Interview führte Axel John, SWR, für tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. September 2021 um 11:00 Uhr.