Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes stehen Schutzanzügen in der Flüchtlingsunterkunft Sankt Augustin. | Bildquelle: dpa

Flüchtlingsunterkünfte Gefährlich wie ein Kreuzfahrtschiff

Stand: 10.06.2020 19:59 Uhr

Kommt es in einer Flüchtlingsunterkunft zu einer Corona-Infektion, ist das Ansteckungsrisiko dort so hoch wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Bundesregierung hält aber an den Gemeinschaftsunterkünften fest.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

In der Corona-Pandemie ist - vermutlich wegen der Einreisebeschränkungen in Europa - nur noch wenigen Schutzsuchenden der Weg nach Deutschland gelungen.

Zwar verkündete Innenminister Horst Seehofer, Deutschland werde in diesem Jahr all seine humanitären Verpflichtungen einhalten. Doch die Frage der Unterbringung ist hoch umstritten.

So müssen Neuankommende in der Regel in Sammelunterkünfte. Kommt es dort zu einer Corona-Infektion, sei das Risiko einer Ansteckung im Schnitt etwa so hoch wie auf einem Kreuzfahrtschiff, so das Ergebnis einer Studie der Uni Bielefeld.

Während die Bundesregierung jedoch von Reisen auf solchen Luxusdampfern abrät, hält Deutschland grundsätzlich an Gemeinschaftsunterkünften für neuankommende Schutzsuchende fest.

"Bisher ist keine Situation eingetreten, die eine grundsätzliche Abkehr von der bewährten Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften erfordert", antwortet Staatssekretär Helmut Teichmann auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei, die dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vorliegt.

Umfassende Hygiene-Anforderungen

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat inzwischen "Hinweise zur Prävention und Management von Covid-19-Erkrankungen in Gemeinschaftsunterkünften" erarbeitet. Sie zeigen, wie hoch die Anforderungen an solche Einrichtungen eigentlich sind.

Die RKI-Empfehlung liegt dem ARD-Hauptstadtstudio vor. Bislang wurden sie noch nicht veröffentlicht. Unklar ist, ob sich die Bundesländer in der Praxis daran halten.

Die RKI-Experten raten etwa zu umfassender Information und Aufklärung in sämtlichen Sprachen - schriftlich und mündlich. Allen in den Unterkünften müssten die Übertragungswege des Virus und mögliche Krankheitsverläufe klar sein.

Risikopatienten in den Einrichtungen müssten frühzeitig erkannt und in gesonderte Unterkünfte gebracht werden. Separate Wohneinheiten müssten vorsorglich vorgehalten werden.

Im Falle eines Ausbruchs müsste es Möglichkeiten zur Isolation und medizinischen Versorgung geben. Um Ängsten und Missverständnissen vorzubeugen, müssten Ansprechpartner da sein. Einerseits müssten Kontaktpersonen von Corona-Patienten identifiziert werden. Zugleich soll aber eine gewisse Vertraulichkeit gewahrt bleiben.

UN empfehlen dezentrale Unterbringung

Die innenpolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag, Ulla Jelpke, verweist darauf, dass aufgrund dieser hohen Anforderungen auch das UN-Flüchtlingskommissariat eine möglichst dezentrale Unterbringung von Schutzsuchenden zur Abwendung von Gefahren durch die Corona-Pandemie empfiehlt.

"Doch diese dringenden Empfehlungen werden in den Wind geschlagen, offenbar vor allem, um an der politischen Strategie der Abschreckung durch Massenunterkünfte festhalten zu können. Die staatlich zu verantwortenden Unterbringungsbedingungen stellen eine nicht akzeptable Gesundheitsgefährdung für Geflüchtete dar", so Jelpke.

Ähnlich sieht es der Thüringer Flüchtlingsrat: Besonders in den Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften seien die notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen nur schwer umzusetzen. Er fordert die Innenministerkonferenz auf, sich bei ihrer Tagung in Erfurt kommende Woche für die Unterbringung von Schutzsuchenden in Einzelunterkünften einzusetzen.

Wie viele Corona-Ausbrüche es in Unterkünften für Schutzsuchende gibt, hat die Bundesregierung nicht errechnet. Ende Mai zählte sie elf Quarantäne-Maßnahmen. "Wenn vier von sieben bayerischen Anker-Zentren gleichzeitig unter Quarantäne standen, ist das ein trauriger Beleg für die unerträglich engen Unterbringungsbedingungen und eine absolut fehlende Privatsphäre dort", so Jelpke.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 02. Juni 2020 um 13:00 Uhr.

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