19 Jahre deutsche Einheit Alle zehn Minuten ein Ostdeutscher weniger

Stand: 03.10.2009 04:39 Uhr

Jahr für Jahr ziehen immer noch Tausende von Ost nach West. Wenn die Abwanderung weitergeht, leben in Bayern bald mehr Menschen als in den fünf neuen Bundesländern zusammen. Gegen den Trend entwickeln sich aber einige ostdeutsche Städte zu Wachstumszentren mit großer Anziehungskraft.

Von Yasmin von Bargen für tagesschau.de

Jeden Tag zieht es 140 Ostdeutsche in die alten Bundesländer. Allein Sachsen-Anhalt verliert auf diese Weise täglich 32 Bürger. Zwar leiden auch westdeutsche Länder wie Rheinland-Pfalz und das Saarland unter Abwanderung, doch ziehen auch 19 Jahre nach der Wiedervereinigung mit 136.000 Menschen die meisten von Ost nach West und nur 85.000 in die umgekehrte Richtung. Demografische Bedingungen, die sich negativ auf den wirtschaftlichen Aufholprozess Ostdeutschlands auswirken können.

DDR-Bürger flüchten über die ungarisch-österreichische Grenze
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Auch nach der Flüchtlingswelle 1989/1990 entschieden sich viele Ostdeutsche für eine Zukunft in den alten Bundesländern.

Schon zwischen 1949 und dem Mauerbau 1961 sank die Einwohnerzahl der DDR kontinuierlich. Mangel an Demokratie und Freiheit, aber auch das ständig zunehmende West-Ost-Wohlstandsgefälle waren die wichtigsten Motive der Massenabwanderung. Die Wirtschaft der DDR geriet durch die anhaltende Flucht von meist hoch qualifizierten Arbeitskräften zunehmend in Schwierigkeiten. Die Bundesrepublik profitierte dagegen erheblich von der Zuwanderung.

1,5 Millionen Abwanderer seit 1990

Diese Entwicklung setzte sich auch nach dem Mauerbau fort. Zwischen 1945 und  der Wiedervereinigung 1990 zog es insgesamt rund 4,6 Millionen Menschen von Ost nach West. Mit der deutschen Einheit folgten im Jahr 1990 weitere 395.000. Seither ist die Wohnbevölkerung in den neuen Bundesländern von 14,5 Millionen auf 13 Millionen im Jahr 2008 zurückgegangen.

Der Aufholprozess der wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands machte in den vergangenen Jahren nur langsame Fortschritte, näherte sich dem Westen aber stetig an. In der Zeit von 2000 bis 2008 erhöhte sich das Bruttoinlandprodukt je Kopf immerhin um 14,1 Prozent, in den alten Ländern waren es lediglich 9,1 Prozent. Diese wirtschaftliche Entwicklung schlug sich auch auf dem Arbeitsmarkt in einem beachtlichen Abbau der Arbeitslosigkeit nieder. Seit Ende 2005 hat sie sich in den neuen Ländern um fast eine halbe Million verringert. Im September 2009 erreichte die Arbeitslosigkeit eine Quote von 12,3 Prozent. Eine positive Entwicklung, doch bleibt sie damit immer noch doppelt so hoch wie im Westen (6,9 Prozent).

Infografik: Abwanderung von Ost- nach Westdeutschland
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Infografik: Abwanderung von Ost- nach Westdeutschland

Trotz wirtschaftlicher Fortschritte sind es besonders junge Menschen, die im Zuge ihrer Ausbildung gen Westen wandern, da sie sich hier noch immer bessere Ausbildungs- und Zukunftsperspektiven erhoffen. Jeder dritte Abwanderer aus dem Osten ist zwischen 18 und 25 Jahren alt. Allein 2007 verließen rund 45.000 junge Erwachsene die neuen Länder. Dieser Vorgang beschleunigt die Alterung der ostdeutschen Gesellschaft. Für die Zukunft fehlen hochqualifizierte Arbeitskräfte.

Das Problem ist aber weniger die Abwanderung dieser jungen Menschen als vielmehr die fehlende Rück- und Zuwanderung. So lässt sich gerade in den neuen Ländern ein deutlicher Überschuss an Fortzügen feststellen. Sachsen-Anhalt beispielsweise verzeichnete im Jahr 2008 insgesamt 44.291 Fortzüge in ein anderes Bundesland oder ins Ausland, aber nur 27.023 Zuzüge. Ähnlich erging es auch Sachsen und Thüringen, die unter dem Strich fast 12.000 Bürger verloren. Auch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg litten unter der Abwanderung. Lediglich Berlin meldete ein Plus mit fast 13.000 Menschen.

Umzugskisten in einem leeren Zimmer
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Rund 136.000 Menschen verließen 2008 Ostdeutschland, um in den Westen zu ziehen.

Auch in Westdeutschland ziehen viele Bürger von Bundesland zu Bundesland. Die hohe Zahl der Abwanderer wird aber meist durch Zuzüge wieder ausgeglichen. So verließen 2008 beispielsweise fast 52.500 Menschen Schleswig-Holstein. Weil aber gleichzeitig rund 61.000 in das nördlichste Bundesland zogen, stieg die Einwohnerzahl unter dem Strich.

Städte attraktiver als das Land

In den Städten und Landkreisen der neuen Länder zeigen sich gewichtige Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung. Insbesondere die Arbeitsmarktsituation führt dazu, dass die demografische Entwicklung in den Landkreisen wesentlich negativer verläuft als in den Städten. Für einige Städte in Mecklenburg-Vorpommern wird sogar ein Wachstumsprozess erwartet.

Rostock und Greifswald sollen bereits 2020 einen positiven Wanderungssaldo verzeichnen und 2030 eine höhere Bevölkerungszahl aufweisen. Die Universitätsstädte locken besonders Studenten an, welche die Städte immer wieder verjüngen. So war 2007 jeder Vierte, der aus dem früheren Bundesgebiet in die neuen Länder (ohne Berlin) zog, zwischen 18 und 25 Jahren alt. Einziger Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern für den ein Wachstum an Einwohnern prognostiziert werden kann, ist Bad Doberan (+12,1 Prozent), was sich vor allem in seiner Nähe zu Rostock und potenziellen Arbeitsplätzen dort begründet.

Auch in Leipzig stabilisiert sich die Einwohnerzahl wieder. Heute verzeichnet die Stadt rund 17.000 Menschen mehr als auf dem Tiefpunkt im Jahr 2000. Dieser demografische Wandel konnte ebenfalls vor allem durch junge Zuwanderer aufgrund der positiven Entwicklung von Leipzig als attraktiver Standort für Wirtschaft, Ausbildung, Kultur und Wissenschaft erzielt werden.

Maßnahmen des Bundes

Studenten an der Universität Leipzig
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Studenten an der Uni Leipzig: Attraktiver Standort für Kultur und Wissenschaft

Seit 2005 sind wichtige politische Entscheidungen zur Stabilisierung der demografischen Situation sowie zur Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Bundesländer getroffen worden. Die Einführung des zweiten Solidarpakts mit 156,8 Milliarden Euro durch die Bundesregierung soll als Grundlage für den Aufbau Ost dienen. In den vergangenen Jahren konnte durch diese Gelder die Investitions- und Innovationsförderung schon gestärkt und die Investorenwerbung auf neue Grundlagen gestellt werden.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt zudem den Ausbau von Hochschulen und international wettbewerbsfähigen Forschungszentren, die insbesondere junge Leute in den Osten ziehen sollen.

Darüber hinaus stellen Bund und Länder in dem bis zum Jahr 2020 konzipierten Hochschulpakt zusätzliche Mittel bereit, um den zu erwartenden 275.000 zusätzlichen Studienanfängern die Aufnahme eines Studiums zu ermöglichen. Die neuen Länder (ohne Berlin) erhalten eine Pauschale von insgesamt 15 Prozent der vom Bund jährlich zur Verfügung gestellten Mittel, damit sie trotz des demografischen Wandels und des damit verbundenen Rückgangs von eigenen Studienanfängern keine Studienplätze abbauen, die andernorts neu geschaffen werden müssten. Zusätzlich werden Studienanfänger über eine Imagekampagne auf die Vorzüge eines Studiums in Ostdeutschland aufmerksam gemacht.

Besonders großer Handlungsbedarf besteht aber auch für die dünn besiedelten ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Konzepte wie zum Beispiel der Bundeswettbewerb "Junge Menschen gestalten die ländlichen Räume", der im Mai 2009 gestartet wurde, soll Jugendliche auf dem Lande motivieren, konkrete Vorstellungen und innovative, Maßnahmen zur Zukunftssicherung ihrer Regionen sowie zur Verbesserung ihrer Lebensqualität zu entwickeln.

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