Zikade

Zikaden-Invasion an der US-Ostküste Das große Krabbeln

Stand: 20.06.2013 09:41 Uhr

Sie liegen im Erdreich und trinken den Saft von Baumwurzeln. Nach exakt 17 Jahren - nicht mehr und nicht weniger - tauchen sie aus dem Untergrund auf und machen einen Höllenlärm: Zikaden. Zu erleben ist das Naturphänomen gerade an der US-Ostküste.

Von Thomas Schmidt, ARD-Hörfunkstudio New York

Sie graben sich aus dem Untergrund, von ihrem Instinkt geleitet krabbeln sie aus der Tiefe dem Licht entgegen. Nicht Hunderte, nicht Tausende - es geht um Millionen und Abermillionen von rotäugigen, sechsbeinigen, etwa daumengroßen Zikaden. "Die liegen tonnenweise herum, platt getreten wie Pfannkuchen - sieht nicht wirklich appetitlich aus", urteilt der zehnjährige Markus aus New Jersey mit Blick auf den Vorgarten seiner Eltern.

Thomas Schmidt ARD-Studio New York
Zikade

Sieht hübsch aus, ist vollkommen friedfertig - aber in der Gruppe lauter als ein Rasenmäher: die Zikade.

Für ihn ist es die erste Begegnung mit dieser gewaltigen, aber völlig friedlichen Insekten-Invasion: Nur alle 17 Jahre zeigt sich dieses Naturphänomen, wenn die Ostküste der USA von North Carolina bis Connecticut vom ganz großen Krabbeln heimgesucht wird. Nach vier bis sechs Wochen ist alles vorbei. Es ist die Krönung eines Zikadenlebens, das sich vor diesem finalen Ausflug ans Tageslicht von Menschen völlig unbemerkt tief im Erdreich abspielt: "Nach dem Schlüpfen graben sich die Larven sofort ins Erdreich ein, 30 bis 45 Zentimeter tief, gerade unterhalb der Frostgrenze", erläutert Biologe Ed Johnson: "Sie suchen sich eine Baumwurzel und saugen deren Saft - 17 Jahre lang."

Moderne Rasenmäher sind leiser

Und, erklärt Johnson weiter, dieser Saft der Bäume, der im Wechsel der Jahreszeiten unterschiedlich fließe, sei damit nicht nur Grundnahrungsmittel und Lebenselixier der Zikaden, sondern auch der Kalender, der ihnen den Rhythmus vorgebe und bestimme, wann genau es an der Zeit sei, den Weg nach oben anzutreten. Das habe nur einen Sinn: sich zu paaren und Eier zu legen - für die nächste Zikaden-Generation.

Ed Johnson, Biologe (Foto: Anna Julia Leier)

Der Biologe Ed Johnson erforscht das gewaltige Naturphänomen.

Und beim Werben um eine Partnerin kennen die Männchen keine Gnade: Sie stimmen einen ohrenbetäubenden Liebesgesang an: "Der Zikadenchor kann durchaus die Lautstärke eines Rockkonzerts erreichen", sagt John Cooley von der Universität Connecticut. Messungen haben ergeben, dass das zigtausendfache Minnelied der Zikaden-Männer 90 Dezibel erreichen kann. Moderne Rasenmäher sind da wesentlich leiser.

Genau 17 Jahre - nicht mehr, nicht weniger

Ist der Gesang erhört, geht alles sehr schnell: paaren, Eier legen, sterben. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die dann für die nächsten 17 Jahre in der Unterwelt verschwinden. Warum genau 17 und nicht mehr oder weniger? Die Wissenschaft hat bislang vergeblich nach einer Antwort gesucht. Aber es gibt Vermutungen: "Sie vermeiden mit ihrem speziellen Lebenszyklus, dass sich andere Tiere auf diese Zikaden als Beute spezialisieren."

Zikaden (Foto: Anna Julia Leier)

An der US-Ostküste krabbeln die Zikaden derzeit überall herum.

Vielleicht setzen sie also auf Vergesslichkeit - bestimmt aber auf ihre schiere Masse: Ihr millionenfaches Auftreten überfordert den Appetit selbst der gefräßigsten Beutejäger. Damit überleben immer genug Stammhalter, um die Existenz dieser in Nordamerika einzigartigen Insektenart zu sichern.

Bis 2030 ist erstmal Ruhe

Der zehnjährige Markus aus New Jersey hat seinen Eltern geholfen, die sterblichen Reste der Generation 2013 aus dem Garten mit Laubgebläsen in Richtung Mülltonne zu pusten. Damit ist Ruhe bis 2030. Dann ist Markus vielleicht schon selbst Familienvater.

Dieser Beitrag lief am 20. Juni 2013 um 06:43 Uhr im Deutschlandfunk.

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KOMMENTARE

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Muppet 20.06.2013 • 18:05 Uhr

@ob

http://www.cicadamania.com/where.html ein paar Infos inklusive Video und Soundfiles Leider ist die Live Cicada cam vom Discovery Channel nicht mehr zugreifbar.