Männer tragen ihr Hab und Gut durch kniehohes Wasser. | AP

Zentralamerika Zwischen Tropenstürmen und Corona-Pandemie

Stand: 15.11.2020 02:54 Uhr

Noch nie gab es so viele Tropenstürme wie in diesem Jahr. Mit "Iota" steht bereits der nächste vor den Toren Zentralamerikas. Dabei ist die Region durch die Corona-Pandemie ohnehin an ihre Grenzen geraten.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Mexiko

Noch immer steht das Wasser bis knapp unter die Hausdächer, vereinzelt ragen Strommasten aus den schlammbraunen Fluten - die Gemeinde Pimienta gleicht auf den Fernsehbildern einer Geisterstadt. Hier, im Nordwesten von Honduras hat der Hurrikan "Eta" brutal gewütet, massive Regenfälle ließen die Flüsse über die Ufer treten, sie rissen Brücken, Straßen, ganze Dörfer mit sich, zerstörte Felder und Plantagen, Hunderttausende haben innerhalb von Stunden alles verloren.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

"Ich dachte erst, es gibt noch Hoffnung, weil die Leute sagten, das Dach deines Hauses ist da noch zu sehen, aber am nächsten Morgen sagten sie, dein Haus gibt es nicht mehr. Das hat mir das Herz zerrissen. Was soll ich jetzt machen? Ich stehe auf der Straße", sagt dieser junge Mann aus der Siedlung Playón dem Nachrichtensender CNN.

Millionen sind obdachlos, mehr als 200 Menschen starben

Tausende campen seit Tagen unter Plastikplanen am Straßenrand. Der Tropensturm "Eta", der am 3. November zuerst auf die Küste Nicaraguas traf, hinterließ in ganz Mittelamerika eine Spur der Verwüstung: Millionen sind obdachlos, mehr als 200 Menschen starben, viele werden noch immer vermisst.

In Guatemala begruben Erdrutsche ganze Dörfer unter sich und in Honduras sind fast zwei Millionen, also ein Fünftel der gesamten Bevölkerung, von den Sturmschäden betroffen, bestätigte der honduranische Präsident Juan Orlando Hernández dem TV-Sender Telemundo. "Die Aufräumarbeiten sind im Gange, aber viele Straßen und auch Hilfswege, die wir eingerichtet haben, sind zerstört. Einer unserer vier internationalen Flughäfen steht vollkommen unter Wasser."

Der nächste Sturm droht bereits

Währenddessen braut sich über der Karibik bereits der nächste Tropensturm "Iota" zusammen, meldet das US-Hurrikanzentrum. Und das, obwohl die Saison eigentlich schon zu Ende ist. Honduras rief die höchste Alarmstufe aus, auch Guatemala und Nicaragua ordneten Evakuierungen an.

Jorge Galeano, Regionaldirektor vom Hilfswerk World Vision sagt: "Zu wissen, dass ein nächster Hurrikan schon um die Ecke ist, erfüllt uns mit großer Sorge. Wenn er hier mit seiner jetzigen Stärke ankommt, wäre das verheerend, denn hier gibt es nach wie vor große Überschwemmungen, noch immer konnten nicht alle Opfer geborgen werden, viele sind schutzlos und wären damit doppelt betroffen."

 "Man gerät hier an die Grenzen"

Die Unwetter treffen dazu eine großteils arme Region, die ohnehin durch die Coronavirus-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen geschwächt ist. Miguel Gracía von der "Aktion gegen den Hunger" fürchtet dadurch auch einen neuen Schub an Infektionen. "Man gerät hier an die Grenzen: Die Notunterkünfte sind übervoll. Dort fehlt es an frischem Wasser, an Hygiene, an Schutzmasken. Da kommt alles zusammen, dass die Infektionszahlen wieder ansteigen."

In der diesjährigen Hurrikansaison im Atlantik, die von Juni bis November dauert, haben sich in diesem Jahr so viele starke Stürme gebildet, wie seit 15 Jahren nicht. Eineinhalb Millionen Menschen sind laut World Vision dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Guatemalas Präsident Alejandro Giammattei forderte derweil, die Industriestaaten sollten, als Hauptverantwortliche für den Klimawandel, für die verursachten Schäden aufkommen. Gemeinsam mit dem honduranischen Staatschef kündigte er an, Hilfsgelder unter anderem bei der Weltbank zu beantragen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2020 um 07:53 Uhr.