Französischer Panzer in Bangui

Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik UN warnen vor Völkermord

Stand: 16.01.2014 17:03 Uhr

In der Zentralafrikanischen Republik versuchen französische und afrikanische Soldaten, Racheakte zwischen Christen und Muslimen zu verhindern. Doch die Gewalt nimmt zu: Dem Chefkoordinator der Vereinten Nationen zufolge droht ein Völkermord.

Von Marc Engelhardt, ARD-Hörfunkstudio Nairobi

Eine Menschenmenge umringt einen brennenden Geländewagen im Zentrum von Bangui: Der Fahrer, ein Muslim, hat sich gerade noch retten können, bevor ein Mob auch ihn in Brand stecken konnte. Er soll ein Seleka-Kämpfer gewesen sein, heißt es, also einer der Rebellen, die den zurückgetretenen Präsidenten Michel Djotodia an die Macht geputscht haben.

Jetzt sind es die christlichen Milizen, die zurückschlagen: "Wir bleiben hier, für all die Muslime, die uns noch unterkommen", sagt Lionel, ein bewaffneter Student. "Wir werden sie massakrieren. Nach all dem, was sie uns angetan haben, zahlen wir es ihnen jetzt heim."

Entsetzen über Lnychjustiz

Gut 1600 französische und mehr als 5000 afrikanische Soldaten versuchen, Lynchjustiz zu verhindern. Doch Frankreichs Diplomaten geben inzwischen offen zu, den Hass unterschätzt zu haben, der zwischen Christen und Muslimen im Land geschürt worden ist. Und auch John Ging, der UN-Chefkoordinator für humanitäre Hilfe, ist nach seinem Besuch in der Zentralafrikanischen Republik entsetzt über die anhaltende Gewalt: "Die Bevölkerung lebt in Furcht. Die Gewalt hat die Situation eskalieren lassen", schildert Ging. Fast eine Million Menschen seien auf der Flucht. "Sie haben keine Unterkunft, kein Wasser, keine medizinische Versorgung. Und unsere große Angst ist, dass die Lage noch schlimmer wird und endgültig außer Kontrolle gerät", sagt der UN-Chefkoordinator.

Rebellen in der zentrakafrikanischen Hauptstadt Bangui.
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Rebellen in der zentrakafrikanischen Hauptstadt Bangui.

Ging zufolge droht in der Zentralafrikanischen Republik ein Völkermord: Die Lage erinnere ihn an Ruanda und Bosnien. Noch schlechter als in der Hauptstadt gehe es der Bevölkerung auf dem Land. "Ich habe Bewohner eines Dorfes getroffen, die gerade aus dem Busch zurückgekommen waren. Und die haben mir gesagt, sie haben zwei Möglichkeiten: entweder sie bleiben im Busch und sterben dort, weil sich niemand um sie kümmert - oder sie kommen zurück in ihr Dorf und werden womöglich ermordet", berichtet der Koordinator der Vereinten Nationen. "Und diese Leute haben alles verloren: Häuser, Schulen, Krankenhäuser, alles ist geplündert worden. Selbst die Brunnen wurden eingerissen. Das Ausmaß dieser maßlosen Zerstörung ist kaum vorstellbar."

Regierung hat kaum Handhabe gegen Gewalt

Ebenso unfassbar sind die Racheakte, die derzeit verübt werden. In Bangui zogen junge Männer vor wenigen Tagen einen Muslim aus einem Bus und ermordeten ihn. Vom Bein des Toten biss einer der Attentäter rohe Fleischstücke, die er verschlang. Dutzende Handys filmten die Szene. Einem Kamerateam sagte er später, er habe sich für die Ermordung seiner schwangeren Frau durch die Seleka-Rebellen rächen wollen.

Interimspräsident Nguendet
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Auch Interimspräsident Nguendet schafft es nicht, die Gewalt zu verhindern.

Alexandre-Ferdinand Nguendet, der das Land derzeit formal regiert, scheint keine Kontrolle über irgendwelche bewaffneten Gruppen zu haben. Seine einzige Waffe ist das Wort: "Ich rufe alle Gruppen auf, ihre Waffen nieder zu legen. Den Sicherheitskräften gebe ich das Recht, all jene zu erschießen, die die öffentliche Ordnung stören, damit im Land wieder Frieden herrscht", warnt Nguendet. Die Zeit der Gesetzlosigkeit sei vorbei.

Doch dass es Nguendet oder seinem Nachfolger - der am Samstag gewählt werden soll - gelingt, die Milizen zu entwaffnen, ist unwahrscheinlich. Selbst in friedlichen Zeiten gilt in der Zentralafrikanischen Republik der Spruch: Die Macht der Regierung in Bangui reicht allenfalls bis zur Stadtgrenze.

Dieser Beitrag lief am 16. Januar 2014 um 17:33 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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