Gedenktafel auf der norwegischen Insel Utoya | AFP

Zehn Jahre Utöya-Attentat "Hass gibt es weiterhin"

Stand: 22.07.2021 18:44 Uhr

Auch ein Jahrzehnt nach den Anschlägen des Rechtsextremisten Breivik in Oslo und auf der Insel Utöya hat das Land das unfassbare Attentat noch nicht verarbeitet. Der Geheimdienst warnt indes vor neuem Terror.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm, zzt. Hamburg

Am Mittag läuteten überall in Norwegen die Kirchenglocken. In der Hauptstadt Oslo war gerade der Gedenkgottesdienst im Dom zu Ende gegangen. Dort hatte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg gesprochen. Damals, an diesem dunklen 22. Juli 2011, war er Norwegens Regierungschef.

Direkt vor dem Hochhaus mit seinem Büro war die Bombe explodiert, die acht Menschen in den Tod riss, bevor "der Terrorist", wie Anders Breivik in Norwegen meist nur genannt wird, auf der Insel Utöya weitere 69 vorwiegend junge Menschen im Sommercamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation brutal erschoss.

Stoltenberg war eine der Schlüsselfiguren beim Versuch, mit dem bis dahin völlig Unvorstellbaren fertig zu werden. So richtig geschafft haben es die Norweger nicht. "Vor zehn Jahren sind wir dem Hass mit Liebe begegnet. Aber Hass gibt es weiterhin. Wir sehen ihn, wenn Überlebende bedroht werden und Menschen Angst haben, ihre Meinung frei zu äußern", sagte Stoltenberg. "Wieder und immer wieder werden wir daran erinnert, dass man Demokratie nicht nur einmal erkämpfen muss."

Ali Esbati hat Utöya überlebt und ist heute Reichstagsabgeordneter der Linken. Nach seinen Angaben hat jede und jeder Dritte der Überlebenden Drohungen und Hassbotschaften bekommen. "Es ist wirklich beängstigend, dass so viele damit konfrontiert wurden", sagt Esbati. "Gleichzeitig ist es ein Grund dafür, dass ich so viel wie möglich darüber rede, dass diese Gedanken da draußen weiterleben und eine Gefahr sind für alle, auch an Tagen, wo sie nicht zum Massenmord führen."

Utöya ist nicht vorbei. Das ist das durchgehende Thema an diesem Gedenktag, der erst am späten Abend mit einer großen in Radio und Fernsehen übertragenen Feier zu Ende geht, mit einer Rede von König Harald.

Es ist nicht vorbei, das sagt auch Jonas Gahr-Støre, Vorsitzender der norwegischen Sozialdemokraten: "Eine der Herausforderungen war es, über derart grausame Erlebnisse zu sprechen. Wir haben jahrelang nicht darüber reden können, wie ein Mann derart radikalisiert wurde. Wie er ein Weltbild entwarf, das ihn zu solchen Handlungen bewegte." Jetzt sei man reifer, um diese Diskussion zu führen und das sei auch nötig, denn die Bedrohung bestehe weiter", so Gahr-Støre.

Die Zeit drängt. Ein neues Utöya könne nicht ausgeschlossen werden, sagte selbst Siv Sørensen vom norwegischen Inlandsgeheimdienst: "Wir glauben, dass Rechtsextreme möglicherweise wieder versuchen werden,  Terroranschläge zu verüben. Wir müssen leider sehen, dass sie unverändert relevant sind."

Dabei hatten sie es sich alle damals geschworen: "Nie wieder einen 22. Juli". Nie wieder Terror-Tote wie die von Oslo und Utöya, deren Namen heute mehrfach verlesen wurden, damit wenigstens die Erinnerung an sie nicht stirbt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Juli 2021 um 18:42 Uhr.