Mann zeigt gesunden Olivenbaum | Bildquelle: Jörg Seisselberg

Xylella-Pflanzenseuche Apuliens Olivenhaine werden wieder grün

Stand: 29.10.2020 02:35 Uhr

Apulien erlebte in den vergangenen Jahren ein Massensterben seiner Olivenhaine: Das Xylella-Bakterium tötete Millionen Bäume. Jetzt feiern Olivenbauern die erste Ernte von neugepflanzten Bäumen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom, zurzeit Brindisi

Erntehelfer Marco schaut auf das Feld, auf dem einige Hundert junge Olivenbäume stehen - und seine Augen glänzen. "Das ist das Feld der Hoffnung. Das Feld unserer Zukunft", schwärmt er.

Über zwei Meter hoch sind sie gewachsen, die vor zwei Jahren gepflanzten Bäume, die den Menschen in Apulien Hoffnung und Zukunft versprechen. Die Region am Absatz des italienischen Stiefels hat in den vergangenen Jahren ein beispielloses Massensterben ihrer wichtigsten Nutzpflanze erlebt: 22 Millionen Olivenbäume wurden durch das Xylella-Bakterium getötet. Jetzt konnte testweise erstmals von den neugepflanzten Bäumen geerntet werden.

"Am Tag des Erntebeginns haben wir einen Spumante geöffnet und angestoßen. Es war einfach ein wunderschönes Gefühl", sagt Mimino Primiceri, der Besitzer des Testfelds rund 20 Kilometer östlich von Gallipoli. Durch die Xylella-Seuche hatte er alle seine 120.000 Olivenbäume verloren.

"Als das begann, bin ich fast in Depression verfallen. Aber ich habe mir gesagt, wir müssen uns aufraffen", erzählt er. "Die Hoffnung ist zurückgekommen mit dem neuen Baum, der uns die Kraft gegeben hat, weiterzumachen."

wegen Xylella-Bakteriums abgestorbener Olivenbaum | Bildquelle: Jörg Seisselberg
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Ein vom Xylella-Bakterium befallener abgestorbener Olivenbaum: Die Blätter sind grau, er trägt keine Früchte mehr.

Ist ein Baum befallen, kann er nur noch gefällt werden

Was die Menschen in Apulien seit Jahren erleben, ist eine Art Corona-Epidemie der Olivenbäume: Dem Bakterium gefallen die Versorgungsadern der Pflanze - dadurch hat sie irgendwann nicht mehr genug Wasser und Nährstoffe und verdorrt.

"In den vergangenen Monaten haben wir die Situation häufig mit Covid-19 verglichen. Das Xylella-Bakterium ist ebenfalls sehr aggressiv. Und bis heute ist kein Mittel für eine wirksame Heilung gefunden worden", sagt die Agrarwissenschaftlerin Maria Saponari von der Universität Bari. Kranke Bäume zu fällen, ist immer noch die einzige Lösung, um eine Ausbreitung zu verhindern.

Wahrscheinlich über Pflanzenimporte aus Lateinamerika ist das Xylella-Bakterium nach Europa gekommen. Übertragen von Insekten findet es im trockenen Klima Apuliens ideale Bedingungen. Die Folgen für die Olivenbäume sieht jeder bei einer Autofahrt durch das Salento, den südlichen und von der Pflanzenseuche besonders betroffenen Teil Apuliens: Immer wieder geht es über viele Kilometer vorbei an ausgetrockneten, grauen Bäumen.

Bis zum Tod durch Xylella waren die Olivenhaine die Zierde des Salento, erinnert Dino Scanavino, Chef des italienischen Bauernverbandes CIA: "Das Salento hatte eine Explosion an Touristen, und die jahrhundertealten Olivenbäume waren eine Attraktion. Jetzt geht es zu Herzen, unendlich viele Hektar toter Bäume zu sehen. Das ist eine apokalyptische Szene."

Als Schafweiden sind die neuen Haine nicht geeignet

Der Bauernverband CIA hat sich dafür eingesetzt, dass Italiens Regierung den jetzigen Neuanfang mit mehreren hundert Millionen Euro unterstützt. Auf dem Testfeld hat Mimino Primiceri die Olivenbaumsorte Favolosa - zu deutsch: die Wunderbare - gepflanzt. In anderen Regionen hat sie sich schon als resistent gegen Xylella erwiesen.

Die erste Ernte zeige, sagt Primiceri, dass die neue Sorte auch in Apulien bestehen kann: "Wir haben jetzt die Gewissheit, dass sie hier ebenfalls funktioniert. Jetzt können wir beginnen, alle Felder neu zu bestellen - und unseren Salento wiederzubeleben."

Gesunder Olivenbaum mit Früchten | Bildquelle: Jörg Seisselberg
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Ein gesunder Olivenbaum auf Mimino Primiceris Feld - dieser Anblick gibt auch den Bauern Kraft.

Eine andere Anbauweise ist gefragt

Dazu müssen die Olivenbauern im südlichen Teil Apuliens ihre Anbauweise anpassen. Das Gras um die Bäume war bislang Futter für die Schafherden der Region - aber auch Nistplatz für die Insekten, die die Xylella-Bakterien übertagen.

Auf dem Testfeld wird der Boden sorgsam gehackt. Erntehelfer Marco ist stolz und überzeugt, dass mit der neuen Olivenbaumsorte, der Wunderbaren, nun eine neue Zeit beginnt. "Es reicht, die Bäume da hinten zu sehen, hinter der Schneis - die sind mit Xylella infiziert. Alle grau", beschreibt er. "Und hier: alle Bäume grün, schön, lebendig, kräftig. Die Xylella kann ihnen nichts anhaben."

Hoffnung nach der Epidemie: Ein Leben nach Xylella in Apulien
Jörg Seisselberg, ARD Rom
28.10.2020 10:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2020 um 05:21 Uhr.

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