Der chinesische Journalist Li Zehua kündigte seinen Job, um aus Wuhan zu berichten. Dann verschwand er.

Chinesischer Journalist Li Aus Wuhan berichtet - und verschwunden

Stand: 03.03.2020 06:55 Uhr

Li Zehua kündigte seinen Job beim chinesischen Staatsfernsehen, um aus Wuhan zu berichten. Jetzt ist der Journalist verschwunden - er ist nicht der erste.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Li Zehua sitzt am Steuer seines Autos und fährt durch Wuhan. "Ein Auto der Staatssicherheit verfolgt mich", sagt der 25-jährige Journalist aufgebracht, während er sich mit dem Handy selbst filmt. "Ich bin in Wuhan, sie verfolgen mich."

Er schafft es in seine Wohnung und versendet dort am vergangenen Mittwoch seine bislang letzte Botschaft über den Videokanal Youtube: "Ich bin weder bereit zu schweigen, noch bin ich bereit, meine Augen und Ohren zu schließen. Warum ich beim Fernsehsender CCTV gekündigt habe? Weil ich hoffe, dass noch mehr junge Menschen, mehr Leute wie ich, sich erheben werden!"

"Es geht mir nicht darum, aufzubegehren"

Li hat beim Staatsfernsehen CCTV gearbeitet. Er kündigte dort von heute auf morgen, um als unabhängiger Journalist aus Wuhan zu berichten - aus der abgeriegelten Stadt, die am meisten vom neuartigen Coronavirus betroffen ist und die bis heute einen Großteil der Infizierten und der Todesopfer in China verzeichnet.

Vor zwei Wochen berichtete Li via Livestream aus einem Krematorium, in dem Träger gesucht werden, um die vielen Leichen zu transportieren.

Eine Woche berichtete er aus einer Tiefgarage aus Wuhan, in der Wanderarbeiter gezwungen werden, zu campieren. Er ist dort hingegangen, wo die chinesischen Staatsmedien nicht sind.

"Es geht mir nicht darum, aufzubegehren. Es ist doch nicht so, dass wir mit ein paar Worten die Partei in Frage stellen. Ich weiß, dass unser Idealismus bereits im Frühling 1989 zerstört wurde", sagt er und bezieht sich damit auf das Massaker vom Tiananmen-Platz in Peking.

"Wenn wir aber hier nur ruhig herumsitzen, erreichen wir gar nichts. Die Jugend von heute, die nur in sozialen Netzwerken unterwegs ist, weiß gar nicht, was in der Geschichte unseres Landes passiert ist. Die denken, dass was sie jetzt haben, ist das, was sie verdienen."

Auch Blogger und Bürgerjournalist verschwanden

Li Zehua hat an einer der besten Journalismus-Universitäten in China studiert. Seit fast einer Woche ist er verschwunden. Und er ist nicht der erste.

Mitte Februar ist der chinesische Video-Blogger Fang Bin von den chinesischen Behörden festgenommen worden. Er hatte zuvor mit dem Handy dramatische Szenen vor und in Krankenhäusern in Wuhan gefilmt.

Auch der Anwalt und Bürgerjournalist Chen Qiushi hatte aus Wuhan berichtet - und ist verschwunden.

Als die Sicherheitsbehörden am vergangenen Mittwoch an Li Zehuas Tür klopfen, sendet er noch live und spricht dabei die an, die ihn abholen.

"Wenn Ihr so eine Ordnung unterstützt, ohne das vor Euch selbst zu begründen, kommt der Tag, an dem Ihr selbst Opfer dieser Ordnung werdet. Dann fällt es Euch selbst auf die Füße. Das war’s jetzt. Ich bin bereit, die Tür zu öffnen."

Journalisten erleben Schikane bei der Arbeit

Gestern veröffentlichte der Klub der Auslandskorrespondenten in China seinen Jahresbericht. Darin heißt es, dass das repressive Klima gegenüber Journalisten massiv zugenommen habe.

Mehr als 80 Prozent der Auslandskorrespondenten gaben an, im Zuge ihrer Berichterstattung in China im vergangenen Jahr Einmischung, Schikane oder Gewalt erfahren zu haben.

Chinesische Journalisten wie Li Zehua verschwinden sogar, wenn sie zu kritisch berichten.

USA beschränken Arbeit chinesischer Staatsmedien

Die US-Regierung hat die Arbeitsmöglichkeiten chinesischer Staatsmedien eingeschränkt: Künftig dürfen unter anderem die Nachrichtenagentur Xinhua, der Fernsehsender CGTN und die Zeitung "China Daily" in den Vereinigten Staaten jeweils nur noch 100 Mitarbeiter beschäftigen - bislang waren es 160. Die Maßnahme wurde zwei Wochen nach der Ausweisung dreier Journalisten des "Wall Street Journal" aus China getroffen. US-Außenminister Mike Pompeo erklärte, China setze zunehmend harsche Methoden der "Überwachung, Drangsalierung und Einschüchterung" gegen Journalisten aus den USA und anderen Ländern ein. Der Schritt stelle "lang überfällige gleiche Wettbewerbsbedingungen" zwischen beiden Staaten her und habe ausdrücklich nichts mit den Inhalten zu tun, die die chinesischen Staatsmedien verbreitet hätten.

Chinas Kampf gegen Kritiker in Wuhan: wieder ein Journalist verschwunden
Axel Dorloff, ARD Peking
03.03.2020 06:14 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. März 2020 um 15:41 Uhr.

Darstellung: