Das Gebäude der WTO  in Genf | Bildquelle: REUTERS

WTO sucht neuen Chef Ein Posten, acht Bewerber

Stand: 15.07.2020 12:36 Uhr

Der Handelsstreit zwischen USA und China, Corona-Pandemie - die WTO sucht in ihrer größten Krise einen neuen Chef. Drei Frauen und fünf Männer bewerben sich. Gesucht ist vor allem: diplomatisches Geschick.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Der Job an der Spitze der Welthandelsorganisation (WTO) scheint nicht sonderlich attraktiv. Die WTO, die vor 26 Jahren gegründet wurde, um Handelshemmnisse abzubauen und bei Konflikten - etwa Streit über Zölle und Subventionen - zu schlichten, steckt in einer tiefen Krise. Im Konflikt zwischen Washington und Peking wird die Organisation regelrecht zerrieben und blockiert, dabei warten im Zuge der Corona-Pandemie viele zusätzliche Herausforderungen auf den Welthandel.

Gabriel Felbermayr, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel, umreißt, welche Anforderungen sich mit dem Posten "Director General" verbinden:

"Der neue Generaldirektor wäre am besten eine Generaldirektorin. Das wäre gut, wenn eine große internationale Organisation von einer Frau geführt wäre. Es wäre gut, wenn die neue Person das Vertrauen der Schwellen- und Entwicklungsländer hat und es ist extrem wichtig, dass diese Person vor allem zwischen den USA und China vermitteln kann."

Acht Personen bewerben sich

Acht Personen gehen ins Rennen - drei Frauen, fünf Männer. Darunter sind der frühere britische Handelsminister Liam Fox, Südkoreas Handelsministerin Yoo Myung-hee und der ehemalige stellvertretende WTO-Generaldirektor Jesus Seade Kuri aus Mexiko.

Als international gut vernetzt und erfahren gilt die frühere Finanz- und Außenministerin Nigerias und einstige Nummer Zwei der Weltbank, Ngozi Okonjo-Iweala. Als Leiterin der WTO-Ministerkonferenz 2015 machte sich die ehemalige kenianische Außen- und Wirtschaftsministerin Amina Mohammad einen Namen. Überhaupt: Afrikanern werden gute Chancen eingeräumt. Wirtschaftswissenschaftler Felbermayr begründet das so:

"Einfach weil sich Afrika in einem Prozess der handelspolitischen Selbstfindung befindet. Es kommt vermutlich in den nächsten Jahren schon auch zu stärkerer Integration in Afrika. Afrika spiegelt auch etwa ein Drittel der WTO-Mitgliedsländer wieder. Es ist auch so, dass nach dem Brasilianer Azevedo jetzt auch ein anderer Kontinent dran ist. Da gibt es ja durchaus auch die Idee, dass das rotieren soll."

Amina Mohamed | Bildquelle: dpa
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Auch die ehemalige kenianische Außen- und Wirtschaftsministerin Amina Mohammad bewirbt sich um den Chefposten.

Ngozi Okonjo-Iweala | Bildquelle: AFP
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Sie gilt als international gut vernetzt: Die frühere Finanz- und Außenministerin Nigerias Ngozi Okonjo-Iweala.

Diplomatisches Geschick gefragt

Fest steht: Angesichts des Streits wichtiger Mitglieder und ins Stocken geratener Verhandlungen in verschiedenen Bereichen muss der oder die neue Person an der Spitze der WTO mit diplomatischen Geschick dringend notwendige Reformen einleiten, die die Organisation vor dem Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit bewahren könnten

"Sie muss vor allem die Erosion der Rolle der WTO eingrenzen", sagt Feldmayer. "Sie muss also zeigen, wo die WTO helfen kann, wo sie die zerfallende Handelsordnung stabilisieren kann. Sie muss zeigen, dass es auch in Teilgruppen in der WTO Möglichkeiten gibt, Vereinbarungen zu treffen."

Was macht die WTO?

Die Welthandelsorganisation (WTO) ist gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank eine der wichtigsten Institutionen im Umgang mit internationalen Wirtschaftsproblemen.

Die WTO wurde 1995 als Nachfolgeorganisation des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) gegründet. Sie soll die internationalen Handelsbeziehungen innerhalb verbindlicher Regelungen organisieren und überwachen sowie bei Handelskonflikten für eine Streitschlichtung sorgen. Um einen freien Welthandel zu gewährleisten, setzt die WTO unter anderem auf die Liberalisierung durch den Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen.

Ziel der WTO ist es, in den Mitgliedstaaten den Lebensstandard und die Realeinkommen zu erhöhen, Vollbeschäftigung zu erreichen und zu sichern und zu diesem Zweck den Handel auszuweiten und den Protektionismus zu bekämpfen.

Komplexes Auswahlverfahren

Bis Freitag soll das erste Vortanzen der Kandidatinnen und Kandidaten dauern - mit kurzen Präsentationen und Fragerunden zu Plänen und Absichten. Das Auswahlverfahren selbst ist komplex. Es kommt in der Regel ohne Abstimmungen aus und setzt auf eine einträchtige Entscheidungsfindung. Das könnte sich bis ins nächste Jahr hinziehen.

Die Kandidaten für den WTO-Chefposten

Drei Frauen und fünf Männer bewerben sich um den WTO-Spitzenposten. Die Kandidaten:

NGOZI OKONJO-IWEALA (66, Nigeria): Sie war insgesamt 25 Jahre bei der Weltbank. Zweimal war sie Finanzministerin und steht der Globalen Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi) vor.
JESÚS SEADE KURI (73, Mexiko): Er war einst WTO-Botschafter Mexikos und Vize-WTO-Generaldirektor. Jetzt war er als Staatssekretär für Nordamerika gerade Chefunterhändler für das neue Nordamerikanische Freihandelsabkommen (USMCA).
AMINA MOHAMED (58, Kenia): Sie war bis 2006 Kenias WTO-Botschafterin. Sie arbeitete beim UN-Umweltprogramm (UNEP), war Außenministerin und ist heute Ministerin für Sport und Kultur.
YOO MYUNG HEE (53, Südkorea): Sie ist Handelsministerin und war davor Diplomatin. Als Chef-Unterhändlerin hat sie unter anderem 2014 das Freihandelsabkommen mit China ausgehandelt.
ABDEL-HAMID MAMDOUH (67, Ägypten): Er war Handelsdiplomat und später Direktor einer WTO-Abteilung.
TUDOR ULIANOVSCHI (37, Republik Moldau): Er war einst Botschafter in der Schweiz, unter anderem bei der WTO, und von 2018 bis 2019 Außenminister.
MOHAMMAD MAZIAD AL-TUWAIJRI (53, Saudi-Arabien): Er war einmal Wirtschaftsminister und ist jetzt Berater des Königshofes. Er arbeitete bei den Banken HSBC und J.P. Morgan in Saudi-Arabien.
LIAM FOX (58, Großbritannien): Er war einst Verteidigungsminister und bis 2019 Handelsminister der konservativen Regierung. Er war ein überzeugter Verfechter des Brexits und für die neue Handelspolitik nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU zuständig.

Auf der Suche nach neuer Spitze ? WTO beginnt mit Anhörung von Bewerbern
Dietrich Karl Mäurer, ARD Zürich
15.07.2020 10:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Juli 2020 um 05:21 Uhr.

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