Interview

Interview mit ARD-Regisseur Volker Drews "Der reine Fußball sieht überall gleich aus"

Stand: 21.06.2010 17:33 Uhr

Millionen Fans weltweit verfolgen die Fußball-WM per TV-Übertragung - nicht alle sind begeistert: Zu wenig Bilder aus den Rängen, zu viel Vuvuzela, lautet die Kritik. Dabei sind die Spielbilder weltweit gleich, betont ARD-Regisseur Volker Drews im tagesschau.de-Interview und erklärt die technischen Details.

tagesschau.de: Herr Drews, was genau ist Ihr Job bei der Fußball-WM in Südafrika?

Volker Drews: Ich habe die WM-Übertragung für die ARD als Regisseur mitgeplant. Dabei gab es eine Menge zu bedenken - dass alle Sportstätten abgedeckt werden, mit Studios und mit Kameras, dass die Beleuchtung stimmt und so weiter. Hier vor Ort bin ich Studio-Regisseur für das Top-Spiel am Abend. Alles, was rund um das Gespräch zwischen Gerhard Delling und Günter Netzer passiert, geht über mein Bildmischpult.

alt Volker Drews

Volker Drews

Volker Drews (49) arbeitet beim SWR in Baden-Baden. Er ist Sportredakteur und führt seit 15 Jahren hauptsächlich Regie. Drews ist zum fünften Mal bei einer Fußball-WM dabei. Sein "Fußball-Herz" schlägt für den FC St. Pauli.

tagesschau.de: Wer entscheidet denn darüber, welche Spielbilder wir zu sehen bekommen?

Drews: Die Fußballspiele selber werden von der französischen Firma HBS produziert. Der reine Fußball sieht überall auf der Welt gleich aus, die ganzen 90 Minuten lang. Es sind insgesamt sechs internationale Teams da: Zwei aus Deutschland, zwei aus England und zwei aus Frankreich, die das schon seit 2002 im Auftrag von HBS machen. Das sind alles erfahrene Kollegen, die zum Beispiel in Deutschland jede Woche Regie bei den Bundesliga-Übertragungen führen oder die Kameras schwenken.

tagesschau.de: Gibt es während der Spiele die Möglichkeit, einen bestimmten Spieler oder die Bank genauer zu beobachten - etwa bei einem Deutschland-Spiel?

Ein Portugal-Fan bläst in eine Vuvuzela
galerie

Die Tröt-Geräusche der Vuvuzelas werden zunehmend aus dem TV-Ton herausgefiltert.

Menschen in Nigeria sehen sich ein WM-Spiel im Fernsehen an,
galerie

Weltweit sehen Fußballfans an den Bildschirmen die genau gleichen Spielszenen.

Drews: Nein. Während des Spiels erlaubt es die FIFA nicht, eigene Bilder zu machen. Drei Minuten vor Spielbeginn muss man auf das sogenannte World-Feed gehen, also auf das Bild, das überall in der Welt gleich aussieht. Bis zu zwei Minuten nach dem Spiel darf man das Bild nicht verändern. Egal, ob nun Deutschland, Ghana oder Brasilien spielt, wird dürfen keine eigenen Bilder reinschneiden.

tagesschau.de: Gibt es vom Produktionsaufwand her Unterschiede zwischen den Spielübertragungen?

Ein Kameramann macht Bilder von Englands Nationalstürmer Wayne Rooney
galerie

Die WM-Partien werden alle gleich produziert: 25 Kameras verfolgen Spiel und Spieler.

Drews: Nein. Hier werden alle Spiele gleich produziert mit 25 Kameras, davon ist eine sogenannte Spider-Cam, die über dem Spielfeld schwebt und die Aufnahmen von oben machen kann. Das reine Fußballspiel wird in der Regel mit sechs Kameras abgedeckt. Alle anderen Kameras sorgen für Zusatzinformationen, zum Beispiel Zeitlupen, die bei Bedarf nachgeschoben werden.

tagesschau.de: An den Übertragungen ist Kritik lautgeworden: Es gebe zu viele Zeitlupen, man sehe zu wenig Fans, und das Spiel werde zu oft in der Totalen gezeigt. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Drews: Ich denke, die Spiele werden gut abgebildet. Bei dieser WM wird in der Tat sehr viel in der Totalen gezeigt. Das finde ich auch in Ordnung, weil man so das Spielsystem der verschiedenen Mannschaften gut erkennen kann - zum Beispiel, ob sie mit Viererkette spielen. Die Zeitlupen sind dafür da, um klar zu machen, was genau passiert ist - und natürlich, um Emotionen zu zeigen. Zwischenschnitte von Zuschauern lenken die Fußball-Fans normalerweise immer ab. Der Fan möchte ja gerne Fußball gucken und keine wichtige Szene verpassen.

tagesschau.de: Viele Fernsehzuschauer stört das eintönige Summen der Vuvuzelas. Man bekommt ja kaum mit, wenn mal ein Tor gefallen ist. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Fernseher in einem TV-Geschäft
galerie

Die Übertragungen von der Fußball-WM sind in die Kritik geraten: Zu viele Zeitlupen, zu wenig Atmosphäre.

Drews: Die Vuvuzelas sind für uns genauso schlimm. Die Kollegen kommen hier regelmäßig mit Kopfschmerzen aus dem Stadion heraus, gerade wenn Südafrika gespielt hat. Aber so ist das eben: Es gibt hier eine andere Fußballkultur als bei uns. Das ist ja nicht erst seit diesem Sommer so. Man muss sich da, glaube ich, auch drauf einlassen. Wir von der ARD wussten, was da auf uns zukommt. Wir waren ja schon beim Confederations-Cup hier und haben versucht, uns auf die Vuvuzelas vorzubereiten - etwa mit Lippenmikrofonen und verschiedenen Filtern. Ich denke, dass die Ton-Kollegen die Sache von Spiel zu Spiel besser in den Griff bekommen haben.

tagesschau.de: Wann sind Sie mit dem Teil der Fußball-Übertragung, für den Sie die Verantwortung tragen, zufrieden?

Brasiliens Luis Fabiano jubelt nach einem Tor vor der Kamera
galerie

Ein Bild, das um die Welt geht: Der Torjubel von Brailiens Spieler Luis Fabiano. Dabei hat ihn die Zeitlupe als Hand-Sünder entlarvt.

Drews: Zufrieden bin ich, wenn ich das Gefühl habe, dass wir dem Zuschauer in der Nachbetrachtung alles an Informationen bieten konnten. Wenn es uns gelungen ist, die passenden Bilder und Zeitlupen zuzuspielen, so dass alle relevanten Situationen mit unserem Experten Günter Netzer aufgearbeitet werden konnten. Nehmen Sie das Spiel Brasilien gegen Elfenbeinküste: Da haben wir genau gezeigt, dass Fabiano vor dem 2:0 zweimal Hand gespielt hat und dass es eine rote Karte für den Ivorer Tioté hätte geben müssen. Wenn wir das Gefühl haben, dass der Zuschauer zuhause mit einem Mehrwert ins Bett gegangen ist, dann sind wir zufrieden.

tagesschau.de: Können Sie sich ein Fußballspiel eigentlich noch ganz entspannt angucken?

Drews: Im Fernsehen gucke ich schon mehr unter professionellen Gesichtspunkten. Im Stadion, da ich Fan von St. Pauli bin, gebe ich mich der Stimmung hin und einfach dem Fußball.

Das Interview führte Klaus Müßigbrodt, tagesschau.de

Darstellung: