Fußball-WM

Putins Propagandaplattform

Stand: 14.06.2018 05:26 Uhr

Die Fußball-WM in Russland ist unweigerlich auch politisch und wirft ethische Fragen auf. Intellektuelle veröffentlichen Boykottaufrufe. So oder so: Putin steht als Sieger da.

Von Golineh Atai, WDR

Es war 2010, als Russlands Premierminister Wladimir Putin in fließendem Englisch verkündete: "Aus tiefstem Herzen danke ich Ihnen für die Vergabe der WM." Putin - kein Fußballfan, sondern Judoka und Eishockeyspieler - lobte den Fußball als eine Kraft für das Gute in der Welt.

Er erzählte über das von den Nazis besetzte und ausgehungerte Leningrad, wo der Fußball trotz allem weitergelebt hatte. "Nun können Sie endlich Russland kennenlernen. Ein einzigartiges Land mit einer langen Geschichte und reichen Kultur. Das ist nicht schlecht. Gar nicht schlecht."

Putin liebt Judo mehr als Fußball (Archivbild aus dem Jahr 2010).

Damals, vor zehn Jahren, befanden sich Russland und der Westen auf einem Normalisierungskurs. Unter Präsident Dmitri Medwedjew waren die inneren Themen des Landes ganz andere als heute, nämlich "Modernisierung und Integration in die globale Gesellschaft. Das hat sich heute komplett verkehrt", sagt Sabine Fischer, Russland-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik.

"Die Krise in den internationalen Beziehungen ist in Moskau zum Normalzustand geworden. Die Ambition, sich mit einem sportlichen Großereignis der Welt zuzuwenden, ist so nicht mehr vorhanden", erklärt die Wissenschaftlerin. Russlands offizielles WM-Poster suggeriert denn auch nicht das Gefühl von internationalem Glanz, eher spielt es mit alten Bildern sowjetischer Größe.

Die Fußball-Weltmeisterschaft - ein Sportfest, das viele als einen Kongress der Nationen ansehen. Als Brücke zwischen den Welten, eine Feier der Weltoffenheit. Dass dieses Fest nun ausgerechnet in Russland stattfindet, mit einer Regierung, die in den vergangenen Jahren einige alte Brücken verbrannt und Gemeinschaften auseinanderdividiert hat, empfinden viele als paradox.

Menschenrechtsorganisationen warten bislang vergeblich auf Begnadigungen und Freilassungen von Kritikern und Oppositionellen, wie sie Ende 2013 stattgefunden hatten - als ein nach außen gerichtetes Signal der Milde vor den Olympischen Spielen in Sotschi. Die Lage hat sich geändert. Den Stellenwert von Sotschi hat die Weltmeisterschaft für Russland nicht.

Ob nun westliche Politiker zur WM reisen oder nicht - beides kann der Kreml nach innen als Punktsieg verkaufen: Ein Boykott gilt als russlandfeindlich, ein Besuch als Erfolg von Putins Außenpolitik. Einen besonderen Mobilisierungseffekt habe das Fußballfest nicht, bemerkt Sabine Fischer. Die Präsidentschaftswahlen sind gelaufen, das Regierung benötigt keine Wählermobilisierung mehr.

So wie die teuersten Olympischen Spiele aller Zeiten leistet sich Russland nun die teuerste WM aller Zeiten - in einem Land, in dem sich nach einer Umfrage der Moskauer "Higher School of Economics" mehr als Hälfte der Einwohner als arm bezeichnen. In einigen Städten wird von der Zwangsräumung von Bettlern und Obdachlosen berichtet. Vereinzelt regt sich - in sozialen Medien - Kritik an den hohen Ausgaben für das Event. "Die Russen können gerne Spiele haben, wenn auch nicht immer Brot", kommentieren einige zynisch das teure Fest.

Seit Jahren protestieren in Russland einzelne Berufsgruppen gegen soziale Missstände und Lohnausfälle. Mit den leeren Stadien nach der WM könnte der soziale Unmut weiter zunehmen, sagt Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und Internationale Studien. "Während die Staatsmedien diese soziale Debatte unterdrücken, können internationale Medien diese Missstände durchaus thematisieren." Ebenso die internationale Dimension: "Ein Spiel in Rostow bedeutet eben auch, dass das internationale Fußballfest nicht weit entfernt von einem Kriegsgebiet stattfindet", erklärt Sasse. Will heißen: Nicht weit entfernt vom Kriegsschauplatz Ostukraine.

Einen Tag vor Beginn der Fußball-WM protestierten Aktivisten vor der russischen Botschaft in Kiew gegen die WM und für die Freilassung von Oleg Sentsov und anderen politischen Gefangenen.

Neunzig Intellektuelle, darunter Schriftsteller und Aktivisten der Zivilgesellschaft aus der Ukraine, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Weißrussland, wandten sich an die Staatsführer der Weltgemeinschaft, um auf Russlands "nicht erklärten Krieg gegen die Ukraine" aufmerksam zu machen. Mit einem Appell, die WM zu boykottieren. "Sie können die Seite des in Russland inhaftierten Filmemachers Oleg Sentsow einnehmen, der in Russland verurteilt wurde, weil er gegen die Besatzung seiner Heimat Krim protestiert hatte", heißt es in dem Aufruf. Die Anwesenheit von Staatschefs sei für Putin eine visuelle Unterstützung seiner Politik.

Nicht alle Experten sehen das so. "Ich ermutige viele, nach Russland zu fahren", sagt die Osteuropa-Wissenschaftlerin Fischer. "Politische Akteure können hinfahren - aber mit einem wachen Auge, sich nicht instrumentalisieren zu lassen."

Your browser doesn't support HTML5 video.

Dürfen deutsche Politiker zur WM nach Russland?

Morgenmagazin, 14.06.2018, Anja Köhler, ARD Berlin

Dass die Spiele eine perfekte Propagandaplattform sind, belegte einmal mehr der von Putin eingesetzte Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow, in dessen russischer Teilrepublik die ägyptische Nationalmannschaft trainiert. Das System Kadyrow steht für Folter, Verschleppungen und Repressionen - der Preis der "Stabilität" in Russlands Unruheherd Nordkaukasus. Ägyptens Nationalspieler und Liverpool-Star Mohamed Salah ruhte sich gerade im Hotel aus, als Kadyrow persönlich ihn aufweckte und abholte, um sich im Stadion in seiner Hauptstadt Grosny mit ihm ablichten zu lassen. Eine typische PR-Kampagne des Diktators, der sich gerne beim Sport oder mit eingeflogenen Prominenten auf Instagram präsentiert.

Tschetschenenführer Kadyrow (links) nutzte die ägyptische Nationalmannschaft mit Superstar Salah (rechts) für eine PR-Kampagne.

"Die Menschen werden so begeistert sein, dass sie gerne nach Russland zurückkommen", schwärmte Russlands Präsident einen Tag vor dem Eröffnungsspiel. Umarmt Russland die Welt? Die wenig entwickelte touristische Infrastruktur im Land lässt nicht darauf schließen. Für die Osteuropa-Forscherin Gwendolyn Sasse ist unklar, wie viel Einblick die internationalen Fans tatsächlich in den Alltag der Russen bekommen. "Für Putin wäre wohl schon viel erreicht, wenn die WM-Besucher zurückkehren und berichten: 'Es war ja ganz normal. Das ist ja gar nicht so schlimm, wie die Medien immer berichten'."