Polizisten bei nächtlichen Protesten in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin. | AP

Ausschreitungen in Wisconsin Mordanklage nach Todesschüssen

Stand: 28.08.2020 04:28 Uhr

Ein 17-Jähriger soll zwei Menschen bei den Protesten gegen Polizeigewalt in Kenosha erschossen haben. Die Staatsanwaltschaft klagt ihn wegen Mordes an. Sein Anwalt spricht von Notwehr.

Nach der Tötung von zwei Menschen und der Verletzung eines weiteren bei Protesten gegen Polizeigewalt in der US-Stadt Kenosha (Bundesstaat Wisconsin) ist der verdächtige 17-Jährige angeklagt worden. Kyle R. wird von der Staatsanwaltschaft vorsätzlicher Mord, fahrlässiger Mord, versuchter Mord und zweifache fahrlässige Gefährdung vorgeworfen. Ihm droht im Falle einer Verurteilung wegen vorsätzlichen Mordes, dem schwersten Verbrechen in Wisconsin, eine lebenslange Haftstrafe.

Am Wochenende war der Schwarze Jacob Blake in Kenosha durch Polizeischüsse in den Rücken so schwer verwundet worden, dass er voraussichtlich nie wieder laufen kann. Blake ist 29 Jahre alt und Vater von sechs Kindern. Es handelt sich um einen neuen Fall mutmaßlicher Polizeigewalt, einem Dauerthema in den USA, vor allem seit der Tötung von George Floyd am 25. Mai in Minneapolis. In Kenosha hatte es deswegen im Anschluss Proteste gegeben.

Polizei ließ weißen Todesschützen erst passieren

Die Schüsse am Dienstagabend wurden zum großen Teil auf Handyvideos aufgenommen und im Internet verbreitet. Die Polizei von Kenosha muss sich Fragen über ihren Umgang mit dem mutmaßlichen Schützen gefallen lassen. Laut Zeugenaussagen und Videomaterial ließen die Polizisten den Schützen augenscheinlich passieren und den Tatort mit einem Gewehr über der Schulter verlassen. Aus der Menschenmenge riefen ihnen demnach Leute zu, er habe auf Menschen geschossen und sollte festgenommen werden. Das offene Tragen von Waffen ist in Wisconsin erlaubt.

Der Sheriff von Kenosha County, David Beth, beschrieb die Szene als chaotisch und stressig, mit einer Menge Funkdurchsagen und schreienden, singenden und rennenden Menschen - Bedingungen, die ihm zufolge bei Polizisten eine Art "Tunnelvision" auslösen können. Auf Videos, die vor den Schüssen aufgenommen wurden, war zu sehen, wie die Polizisten von einem gepanzerten Fahrzeug Menschen Wasserflaschen zuwarfen und bewaffneten Zivilisten dankten. Einer von ihnen schien der spätere mutmaßliche Schütze zu sein.

Bürgerrechtler fordern Rücktritt von Polizeichef Kenoshas

Die Bürgerrechtsorganisation ACLU rief zum Rücktritt des Polizeichefs von Kenosha und Beth, Dan Miskinis, auf, wegen ihres Umgangs mit den Schüssen auf Blake und den folgenden Protesten. Der Anwalt des Teenagers, Lin Wood, sagte, R. habe in Notwehr gehandelt. Videomaterial zeige, wie R. verfolgt wird und in ein Auto flüchtet, bevor die Schüsse zu hören und eine Person tot ist. Dann laufe der Schütze die Straße entlang, wo er von mehreren Menschen verfolgt wird, die rufen, er habe soeben auf jemanden geschossen. Mehrere nähern sich ihm, er stolpert und schießt erneut, tötet einen weiteren Mann und verletzt einen dritten.

Bei den Getöteten handelt es sich um den 36-jährigen Joseph Rosenbaum aus Kenosha und den 26-jährigen Anthony Huber aus Silver Lake, einige Kilometer westlich der Stadt. Der Verletzte ist Gaige Grosskreutz, 26, aus West Allis. Laut der Aktivistin Bethany Crevensten hat Grosskreutz als freiwilliger Sanitäter gearbeitet, als er angeschossen wurde. Am Donnerstag waren die Straßen in Kenosha nach friedlichen Protesten zum ersten Mal seit den Schüssen auf Blake ruhig. Es gabe keine Gruppen, die mit Langwaffen patrouillierten und Protestierende hielten sich von dem Gerichtsgebäude fern, wo einige zuvor mit Polizisten aneinander geraten waren. Während der Unruhen in den vorherigen Nächten waren Dutzende Brände gelegt und Geschäfte zerstört worden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. August 2020 um 20:00 Uhr.