Ein Mann hat auf einem Tablet die Wikipedia aufgerufen. | AFP

20 Jahre Wikipedia Enzyklopädie ohne Profis

Stand: 15.01.2021 12:57 Uhr

Wikipedia ist eine zentrale Wissensplattform geworden. Kann ein Schwarm Ehrenamtlicher dieser Verantwortung gerecht werden? An der Autorengemeinschaft gibt es immer wieder Kritik.

Von Daniel Bouhs, NDR

Wikipedia ist die Top-Adresse im Netz, wenn es um Wissen geht. In zwei Jahrzehnten ist die Seite auf mehr als sechs Millionen Artikel in der englischsprachigen und 2,5 Millionen in der deutschsprachigen Ausgabe gewachsen - erstellt von Freiwilligen. Seit Jahren steht das Portal unter den Top Ten der meistaufgerufenen Seiten. Suchmaschinen wie Google binden Wikipedia prominent ein. Die Enzyklopädie ist allgegenwärtig.

"Es ist beeindruckend, wie viele Leute Wikipedia jeden Tag nutzen", sagt der Jurist Lukas Mezger. Er ist seit 2005 dabei. Mit seinem Vater, einem Mediziner, hat er den Beitrag zu "nukleosid-modifizierten mRNA" angelegt - Spezialwissen für den Corona-Impfstoff. Mezger leitet derzeit den spendenfinanzierten Verein Wikimedia Deutschland, der die Arbeit der ehrenamtlichen Gemeinschaft fördert.

Die Wikimedia Foundation mit Sitz in den USA betreibt außerdem die Technik hinter dem Projekt. Das ist für Milliarden Menschen weltweit eine wichtige Anlaufstelle. "Da trägt die Wikipedia-Community natürlich auch ein Stück weit Verantwortung", sagt Mezger.

Desinformation: Auf Wikipedia kaum ein Problem

Aber kommt Wikipedia dieser Verantwortung nach? In den vergangenen Jahren hat sich immer wieder gezeigt, dass auch Vertreter aus Konzernen oder Politik mitschreiben. 2014 legte die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung eine Studie zum "Weltwissen im Visier von Unternehmen" vor.

Organisationsforscher Leonhard Dobusch, der den Aufstieg der Wikipedia beobachtet hat, sieht die Online-Enzyklopädie bei vielem gut gerüstet: "Man findet heute kaum eine vertrauenswürdigere Quelle als die Wikipedia, während die kommerziellen großen Plattformen wie Youtube und Facebook mit Verschwörungsmythen und Desinformation zu kämpfen haben."

Um glaubwürdig zu sein, so Dobusch, belege Wikipedia Fakten mit in den Fußnoten, sagt Dobusch. Der Schwarm aus Ehrenamtlichen checke im Hintergrund diese "radikale Transparenz". Vor allem Themen, die viele Menschen interessierten, seien "robust gegen Fälschungsversuche".

Welche Informationen auf Wikipedia sind verlässlich?

Wer in der Wikipedia einen Eintrag ergänzt, muss dafür Quellen hinterlegen. In den Fußnoten sind sie für alle sichtbar. Ein Blick auf die Originalquelle hilft, die Qualität einer Information zu beurteilen: Wer hat sie veröffentlicht? Ist sie korrekt und im richtigen Zusammenhang übernommen?

Außerdem lohnt es, sich die "Diskussion" anzusehen, zu finden hinter dem gleichnamigen Reiter: Welche Aspekte sind in der Wikipedia-Gemeinschaft strittig? Helfen kann auch, sich in der "Versionsgeschichte" die jüngsten Änderungen anzusehen und kritisch zu hinterfragen.

Die Demographie der Autorengruppe prägt die Artikel

Dobusch sieht aber auch ein Problem: Der Kreis der Ehrenamtlichen, die Wikipedia pflegten, sei bei Weitem nicht vielfältig genug und die Stimmung unter denjenigen, die Wikipedia am Laufen halten, teils abschreckend. Tatsächlich hat auch Wikimedia herausgefunden, dass sich vor allem Männer aus Industriestaaten engagieren. So kam zuletzt auf neun Autoren nur eine Autorin. Versuche, das mit speziellen Förderprogrammen zu ändern, haben kaum gefruchtet.

Dieses Missverhältnis ist auch Journalistin Ferda Ataman aufgefallen, die sich mit Fragen der Migration und Integration beschäftigt und den Verein Neue Deutsche Medienmacher*innen leitet. Sie hat auch selbst Erfahrung mit Wikipedia gemacht. "Ich war Fan der Wikipedia, bis ich einen Eintrag über mich selbst entdeckt habe", sagt Ataman. Im zweiten Satz stehe bis heute, dass ihre Eltern aus der Türkei stammten. Bis sie sich mit Freunden eingemischt habe, sei auch ihre Schwester Thema gewesen.

"Gerade bei Menschen aus Einwandererfamilien werden die Ahnen, Verwandten, Genealogien aufgezählt. Daran merkt man, wessen Interesse da stattfindet", sagt sie. In den öffentlichen Diskussionen, in der zu jedem Beitrag über Standards diskutiert werde, gehe es teils rau zu. Wer wolle da mitmachen?

Profis einstellen? Wikimedia will an sich arbeiten

"Da Wikipedia ein Massenmedium ist, braucht es unbedingt Verantwortliche im Sinne des Presserechts beziehungsweise Verantwortliche und professionelle Leute, die mit draufschauen und an einigen Stellen moderieren", fordert Ataman.

Auch Dobusch rät, bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern müssten sich "darum kümmern, dass die Verhaltensregeln, die man sich selbst gegeben hat, wirklich eingehalten werden".

Wikimedia-Vorsitzender Mezger erklärt, "auf jeden Fall" sollten sämtliche Inhalte in Wikimedia-Projekten "ausschließlich von Ehrenamtlichen erstellt und gepflegt" werden. Der Verein arbeite aber daran, Ehrenamtler "besser und professioneller zu unterstützen, zum Beispiel bei der Lösung von Konflikten, bei der Aufnahme von Neulingen oder bei der Erkennung von Fehlern".

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Januar 2021 um 07:11 Uhr.