Eine Wiener Tram fährt am Burgtheater vorbei. (Archivbild 2015). | Bildquelle: AFP

365-Euro-Jahresticket Wie Wien Pendlern das Auto abgewöhnt

Stand: 05.09.2019 15:50 Uhr

In München müssen Pendler bis zu 700 Euro für ein Jahresticket berappen. In Wien kostet ein vergleichbares Abo für den Nahverkehr nur 365 Euro. Die Stadt lässt sich diesen Tarif einiges kosten.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Mit der U-Bahn fahren - das Auto stehen lassen. Was im Werbespot der Wiener Linien im Sound der Neuen Deutschen Welle verpackt ist, ist für viele Menschen in der Stadt Realität. Denn die meisten Wiener sind mit ihren Verkehrsbetrieben sehr zufrieden. Dieser Student fasst zusammen, was viele in der Stadt denken. Er findet es sehr gut, "dass man in Wien von jedem Punkt zu jedem anderen Punkt kommt ohne Probleme durch die öffentlichen Verkehrsmittel und dass man nicht auf das Auto angewiesen ist".

Die Haltestelle Stubentor in Wien:  Bis zu 820.000 Menschen haben sich das Jahresticket inzwischen zugelegt, sagen die Verkehrsbetriebe. | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER
galerie

Die Haltestelle Stubentor in Wien: Bis zu 820.000 Menschen haben sich das Jahresticket inzwischen zugelegt, sagen die Verkehrsbetriebe.

In Umfragen zeigen sich laut Wiener Linien bis zu 99 Prozent der befragten Fahrgäste zufrieden mit dem Angebot. Und auch bei den Fahrgästen der U-Bahn-Linie 1, die gerade am Wiener Stephansdom um- und aussteigen, fällt das Urteil fast unisono aus: "Großes Lob."

Projekt der Stadtregierung

Es ist zum einen der sehr günstige Preis für das Jahresticket, der die Wiener Linien so attraktiv macht. Seit 2012 kostet es für das gesamte Stadtgebiet 365 Euro. Also einen Euro für jeden Tag, wie es im griffigen Werbeslogan des Unternehmens heißt. Zum Vergleich: In München muss man für ein vergleichbares Ticket zwischen 590 und 700 Euro bezahlen. Doch der Preis ist nur das eine, sagt Wiener-Linien-Sprecherin Kathrin Liener: "Es muss natürlich auch das Angebot stimmen. 96 Prozent der Wiener haben eine Haltestelle in Gehweite, also binnen 500 Metern. Und wir glauben, dass dieser Mix aus Preis und Angebot sehr gut angenommen wird."

Das günstige Ticket war eine politische Entscheidung der rot-grünen Wiener Stadtregierung. "Uns geht es darum, so viele Wiener wie möglich davon zu überzeugen, dass es eine hervorragende Idee ist, das Auto stehen zu lassen und auf die Öffis umzusteigen", sagte die damalige grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassiliakou bei der Vorstellung der Tarifreform.

Der Plan scheint aufzugehen. Seit der Einführung des Jahrestickets für 365 Euro steigen die Fahrgastzahlen jedes Jahr.  Mehr als 820.000 Menschen haben inzwischen das Jahresticket gekauft, sagt Liener: "Damit haben wir seit 2015 mehr Jahreskarten-Besitzer in der Stadt als angemeldete Autos." 

Eine halbe Milliarde Euro Zuschuss

Die Stadt Wien lässt sich das auch einiges kosten. Die Ticket- und Mieteinnahmen der Wiener Linien decken noch nicht einmal die Personalkosten der fast 9000 Mitarbeiter. Die Stadt Wien schießt jedes Jahr zu, im Schnitt rund eine halbe Milliarde Euro.

Markus Gansterer ist Experte beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ), der sich für ein ökologisch verträgliches Verkehrssystem einsetzt. Der öffentliche Nahverkehr spiele in Wien eine zentrale Rolle, sagt er. "Wien hat ja glücklicherweise eine sehr gute Basis und hat die auch in den letzten Jahrzehnten ausgebaut. Der Anteil von Wegen, die die Wiener mit dem Auto oder mit dem öffentlichen Verkehr zurücklegen, hat sich seit den 1990er-Jahren gedreht." Heute würden fast 40 Prozent aller Wege in Wien mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt und weniger als 30 Prozent mit dem Auto.

Doch das Auto hat in Wien längst noch nicht ausgedient. Gansterer vom VCÖ möchte Wien jedenfalls nicht als autofahrerfeindlich bezeichnen: "Bei den großen Veränderungen, die wir in der Mobilität in Wien sehen, werden zwar mutige Schritte gemacht, aber eigentlich selten etwas, wo dem Auto etwas weggenommen wird." Allein wenn fünf oder zehn Parkplätze für einen Radweg oder eine Kreuzung aufgegeben werden müssen, gebe es schon großen Protest.

Wien: Ein Euro am Tag für den Nahverkehr
Srdjan Govedarica, ARD Wien
05.09.2019 15:06 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN - Das Sachsenradio am 15. Mai 2019 um 06:30 Uhr.

Darstellung: