Sebastian Kurz | REUTERS

Anschlag in Wien "Werden Hintermänner aufspüren"

Stand: 03.11.2020 11:45 Uhr

Österreichs Kanzler Kurz hat nach dem Anschlag in Wien dazu aufgerufen, die Hintermänner des Attentats mit allen Mitteln zu verfolgen. In der Innenstadt hatten am Abend Islamisten das Feuer auf Passanten eröffnet und vier Menschen getötet.

Nach dem Anschlag in der Wiener Innenstadt hat Österreichs Kanzler Sebastian Kurz in einer Rede an die Nation zu einem entschlossen Kampf gegen den Islamismus aufgerufen. Der Mord an Passanten und Restaurant-Besuchern sei kaltblütig gewesen. "Der Anschlag hat uns und unserer freien Gesellschaft gegolten", sagte Kurz. Er kündigte an, die Hintermänner des Attentats ausfindig zu machen: "Wir treten dem Extremismus mit allen Mitteln entgegen."

Kurz warnte vor einer Spaltung der Gesellschaft. "Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist", sagte er. Es sei vielmehr ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. "Wir werden uns von den Terroristen nicht einschüchtern lassen", sagte Kurz.

Der Bundeskanzler stufte die Attacke als "eindeutig islamistisch" ein. "Wir werden die Opfer des gestrigen Abends niemals vergessen und gemeinsam unsere Grundwerte verteidigen", sagte Kurz an die Adresse der in Österreich lebenden Menschen. Die österreichische Regierung beschloss eine dreitägige Staatstrauer.

14 Verletzte in Krankenhäusern

Der Anschlag in der österreichischen Hauptstadt ist das schwerste Attentat seit Jahrzehnten in dem Land. Bei dem Terrorangriff in der Innenstadt wurden vier Passanten getötet. Dabei handele es sich um einen Mann, eine Frau, einen jungen Passanten und eine Kellnerin, sagte Kurz. Ein Polizist, der sich einem der Täter in den Weg gestellt habe, sei angeschossen und verwundet worden. 14 weitere Menschen seien zum Teil schwer verletzt worden, einige davon schweben weiter in Lebensgefahr.

Die Attacke hatte gegen 20 Uhr im Ausgehviertel Bermuda-Dreieck begonnen, wo kurz vor Beginn neuer Corona-Ausgangssperren und bei mildem Wetter viele Menschen unterwegs waren. Die Angreifer feuerten nach Angaben der Polizei an sechs verschiedenen Tatorten mit Gewehren um sich. Laut Wiens Bürgermeister Michael Ludwig schossen sie "wahllos" auf Gäste in Lokalen. In Panik suchten zahllose Passanten Schutz in anliegenden Gebäuden.

Mehrere Festnahmen

Die Polizei erschoss einen der Attentäter. Der 20-jährige sei wegen Terrorismus verurteilt gewesen, sagte Innenminister Karl Nehammer. Er habe einen österreichischen und nordmazedonischen Pass. Ob er einen oder mehrere Komplizen hatte, ist noch unklar.

Zuvor hatte Nehammer mitgeteilt, dass der getötete Attentäter IS-Sympathisant war. Der Mann sei mit einem Sturmgewehr bewaffnet gewesen und habe außerdem als Attrappe einen Sprengstoffgürtel getragen. Er habe offenbar Panik verbreiten wollen.

Nach Angaben des Innenministeriums habe es 15 Hausdurchsuchungen gegeben. Ermittler hätten im Umfeld des mutmaßlichen Täters mehrere Menschen festgenommen. 1000 Beamte befänden sich im Einsatz. "Wir können derzeit nicht ausschließen, dass es noch andere Täter gibt", sagte Nehammer. Die entsprechenden Ermittlungen liefen auf Hochtouren. 

Schulpflicht am Dienstag ausgesetzt

Innenminister Nehammer appellierte an die Einwohner von Wien, zu Hause zu bleiben und die Innenstadt zu meiden. Kinder in der Hauptstadt wurden für Dienstag von der Schulpflicht entbunden. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen erklärte: "Wir werden unsere Freiheit und Demokratie gemeinsam und entschlossen mit allen gebotenen Mitteln verteidigen."

Solidaritätsadressen für Österreich kamen aus ganz Europa. "Unsere Gedanken sind bei den Verletzten und Opfern in diesen schweren Stunden", erklärte das Auswärtige Amt in Berlin. Es fügte hinzu: "Wir dürfen nicht dem Hass weichen, der unsere Gesellschaften spalten soll." Das Ministerium rief deutsche Staatsbürger in Wien auf, an einem sicheren Ort zu bleiben, bis es Entwarnung gebe.

Weltweite Anteilnahme

Die EU verurteilte den "feigen" Angriff. Ratspräsident Charles Michel erklärte im Onlinedienst Twitter, die Tat habe sich gegen "das Leben und unsere menschlichen Werte" gerichtet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen twitterte, Europa stehe "in voller Solidarität an Österreichs Seite".

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hob hervor, dass "ein befreundetes Land" und "Europa" angegriffen worden seien. "Wir werden nicht zurückweichen", twitterte er. In Frankreich waren in den vergangenen Wochen zwei mutmaßlich islamistisch motivierte Anschläge bei Paris und in Nizza verübt worden, bei denen ein Lehrer und drei Kirchenbesucher getötet worden waren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. November 2020 um 12:00 Uhr.