Der Chef der höchsten Polizeibehörde, Franz Ruf, und Österreichs Innenminister Karl Nehammer | Bildquelle: REUTERS

Anschlag in Wien Viele Fragen an die Behörden

Stand: 04.11.2020 07:58 Uhr

Zwei Tage nach dem islamistischen Anschlag in Wien fahnden Ermittler nach möglichen Hintermännern. Noch bleiben Fragen offen, wie der Attentäter sich ausrüsten konnte. Kanzler Kurz appelliert an die EU, gegen den politischen Islam einzuschreiten.

Nach dem Terroranschlag in Wien gehen Ermittler der Frage nach, ob der IS-Sympathisant allein handelte. "Es verdichten sich die Informationen ganz erheblich, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Dennoch haben wir im öffentlichen Raum enorme Sicherheitsmaßnahmen ergriffen", sagte der Chef der höchsten Polizeibehörde, Franz Ruf, im Sender ORF.

Die Behörden wollen aber weitere Beteiligte nicht endgültig ausschließen und zunächst umfangreiches Bildmaterial weiter auswerten.

IS spricht von "Soldat des Kalifats"

Bei der Tat am Montagabend war ein 20 Jahre alter Österreicher, der auch den nordmazedonischen Pass besitzt, mit einem Sturmgewehr, einer Pistole, einer Machete und einer Sprengstoffgürtel-Attrappe durch ein Ausgehviertel nahe der Hauptsynagoge in Wien gezogen.

Laut Zeugen schoss er wahllos in die voll besetzten Lokale. Vier Menschen starben bei dem Angriff, darunter auch eine Deutsche. Mindestens 22 weitere Menschen wurden verletzt. Nach wenigen Minuten erschossen Polizisten den Angreifer. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) teilte mit, ein "Soldat des Kalifats" habe die Attacke verübt.

Festnahmen im Ausland

14 Menschen aus dem Umfeld des Täters waren in den Stunden nach dem Attentat vorläufig festgenommen und 18 Wohnungen durchsucht worden. Hinweise auf die Adressen habe die Durchsuchung der Wohnung des Attentäters ergeben, teilte das Innenministerium mit.

Auch in der benachbarten Schweiz wurde die Polizei aktiv. Nach Abstimmung mit den österreichischen Behörden nahm eine Spezialeinheit zwei Männer in Winterthur fest. Der 18- und der 24-Jährige hatten möglicherweise Kontakt zu dem Attentäter von Wien. Weitere Details wurden nicht öffentlich gemacht.

Vorzeitig aus Haft entlassen

Die Behörden treibt die Sorge vor weiteren Taten um. Man befinde sich in einer "sensiblen Phase", in der sicherzustellen sei, dass es nicht zu Nachahmungstaten komme, sagte Österreichs Innenminister Karl Nehammer. Die Sicherheitsbehörden müssen sich zudem Fragen stellen, warum der österreichisch-nordmazedonische Doppelstaatler den Anschlag überhaupt verüben konnte.

Eigentlich war der Mann zu 22 Monaten Haft verurteilt worden, weil er sich dem "Islamischen Staat" habe anschließen wollen. Statt im Juli wurde er aber bereits Anfang Dezember 2019 vorzeitig entlassen. Dies war möglich gewesen, weil der Mann an einem Deradikalisierungsprogramm teilgenommen hatte. "Der Terrorist hat es geschafft, die Justiz zu täuschen," sagte Innenminister Nehammer.

Munitionskauf in der Slowakei

Noch ist nicht geklärt, woher der Attentäter seine Waffen hatte. Zur Munition gibt es hingegen konkrete Hinweise. Im Sommer reiste der 20-Jährige in die Slowakei, um dort Munition zu kaufen.

Dies bestätigten zwei Quellen dem Rechercheverbund von NDRWDR und "SZ". Österreichischen Sicherheitsbehörden war dies offenbar bekannt. Weshalb anschließend nichts unternommen wurde, ist unklar.

"Ende der falsch verstandenen Toleranz"

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz forderte mehr Engagement der EU gegen den politischen Islam, der die Freiheit und das europäische Lebensmodell gefährde. "Ich erwarte mir ein Ende der falsch verstandenen Toleranz", sagte er der Zeitung "Die Welt". Die Ideologie des politischen Islams gefährde die Freiheit und das europäische Lebensmodell.

Über dieses Thema berichtete NDR-Info am 04. November um 08:45 Uhr sowie die tagesschau am 03. November 2020 um 16:00 Uhr.

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