Fans auf dem Weg ins Wembley Stadion in London bei der Fußball EM | dpa

45.000 Zuschauer in Wembley "Dieser Leichtsinn macht mich fassungslos"

Stand: 29.06.2021 07:40 Uhr

45.000 Fans dürfen zum Achtelfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen England in das Wembley-Stadion. Und es sollen noch mehr werden - trotz steigender Corona-Zahlen in Großbritannien. Die Kritik wächst.

Heute Abend um 18 Uhr spielt Deutschland das EM-Achtelfinale gegen England. Ein Fußball-Klassiker, der im Londoner Wembley-Stadion stattfindet - vor 45.000 Zuschauern. Zu den Halbfinals und dem Endspiel sollen sogar 60.000 Zuschauer in das Wembley-Stadion dürfen. Aus Sicht vieler Politiker ist dies ein völlig falsches Signal.

Innenminister Horst Seehofer sagte mit Blick auf die Delta-Variante, vor allem in Großbritannien seien Zehntausende Zuschauer im Stadion "unverantwortlich". In der "Süddeutschen Zeitung" appellierte der CSU-Politiker an die Europäische Fußball-Union UEFA und die britische Regierung, die Zuschauerzahlen "deutlich nach unten zu korrigieren".

In Großbritannien sind die Corona-Zahlen in den vergangenen Wochen wieder stark gestiegen, mittlerweile gehen rund 95 Prozent der Neuinfektionen auf die deutlich ansteckendere Virus-Variante Delta zurück. Die Ansteckungsrate im Vereinigten Königreich ist vier Mal höher als im EU-Schnitt.

Die Entscheidung liegt bei der UEFA

Auch EU-Kommissionsvize Margaritis Schinas mahnte die UEFA, die Ausrichtung der letzten EM-Spiele in London zu überdenken. Er "persönlich" finde es nicht sinnvoll, die Spiele in Wembley stattfinden zu lassen.

Die Halbfinalspiele und das Finale "in einem vollen Stadion zu organisieren in einer Zeit, in der das Vereinigte Königreich selbst die Reisen seiner Bürger in die Europäische Union einschränkt" sei bedenklich. Schinas räumte ein, dass es nicht in der Macht der EU liege, eine Verlegung der Spiele zu erzwingen. "Das sind Entscheidungen, die von der UEFA getroffen werden", sagte der EU-Kommissar.

Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bezeichnete es als "eigentlich nicht zu verantworten", dass die Spiele in Wembley ausgetragen werden. Dies ginge "nur mit harter Einhaltung der Regeln und der Abstände", sagte der Grünen-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die UEFA und der Deutsche Fußball-Bund müssten "dringend dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Der Plan, jetzt noch mehr Leute in die Stadien zu lassen, wie in Wembley, ist unverfroren", sagte der Grünen-Politiker.

"Ein absolut falsches Signal"

Schon die bisherigen Bilder von der Fußball-EM vermittelten den Eindruck, dass die Pandemie vorbei sei. "Das ist ein absolut falsches Signal." Bei den Spielen in Ungarn oder Dänemark seien die Stadien "knallvoll" gewesen, die Zuschauer hätten weder Abstand zueinander gehalten, noch Masken getragen. Das sei verantwortungslos, denn jedes dieser Spiele könne so zum Superspreader-Event werden. "Dieser Leichtsinn macht mich fassungslos", sagte Kretschmann.

Zu Vorsicht mahnte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Am Spielort München und in Deutschland allgemein sei es bislang gut gelaufen, sagte Söder der "Bild". Man habe sich "ganz bewusst dafür entschieden, so lange abzuwarten, bis klar war, wie sich die Inzidenzen bei uns entwickeln", sagte er mit Blick auf eine Zulassung von Fans.

Dass in Budapest mehr als 55.000 Zuschauer in das Stadion durften, hält Söder für einen Fehler. "Ich hätte das in Ungarn so nicht gemacht, hätte das nicht verantworten wollen. Ausgangspunkt für ein Superspreader-Event zu sein, das ist der Fußball in dem Verhältnis nicht wert. Genießen ja, aber genießen mit Verstand", sagte Söder.

Fast 300 Zuschauer nach Spiel positiv getestet

In den vergangenen Tagen waren immer wieder Fälle von Corona-Infektionen nach dem Besuch von EM-Spielen bekannt geworden. Die finnischen Behörden teilten am Freitag mit, dass mittlerweile fast 300 Zuschauer des Spiels Finnland gegen Belgien am Montag vergangener Woche in St. Petersburg positiv auf Corona getestet worden seien. Da die Rückkehr von rund 3000 finnischen Fans am Dienstag Staus an den Landesgrenzen verursacht hatte, waren örtlichen Medien zufolge knapp 800 Heimkehrer ohne Corona-Tests ins Land gelassen worden.

Gestern meldete St. Petersburg ebenso wie die russische Hauptstadt Moskau einen neuen Höchststand bei den täglichen Corona-Todesfällen. Trotz der deutlichen Verschärfung der Infektionslage bereitet sich St. Petersburg auf die Austragung des Viertelfinals der EM am Freitag vor. Das Spiel werde "wie geplant stattfinden," erklärten die russischen Organisatoren. Ein UEFA-Sprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP, für die Teams mache die Infektionslage "keinen Unterschied". Zu dem Spiel werden mehr als 26.000 Zuschauer erwartet.

Auch deshalb warnte der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen vor Nachlässigkeit. "Es besorgt mich als Gesundheitspolitiker und Arzt gleichermaßen, wenn trotz des rasanten Anstiegs gefährlicher Virusvarianten an den dicht-gedrängten Fußballstadien, oftmals ohne ausreichenden Abstand und Maske, festgehalten wird", sagte der Bundestagsabgeordnete der Nachrichtenagentur dpa. "Inzwischen sind ja sogar Nationalspieler mehrerer Mannschaften infiziert", sagte Dahmen. "Wir machen so alles kaputt, was wir uns an niedrigen Fallzahlen aufgebaut haben."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Juni 2021 um 09:00 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Moderation 29.06.2021 • 10:45 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde ausgiebig diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Die Kommentarfunktion wird nun - wie angekündigt - geschlossen. Die Moderation