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Weltspiegel-Reportage aus Italien Die Kindersoldaten der 'Ndrangheta

Stand: 02.02.2020 02:28 Uhr

Kinder, die schießen lernen, als Drogenkuriere arbeiten oder Tote zerstückeln: Bei der kalabrischen Mafia wachsen sie mit kriminellen Aktivitäten auf. Nur wenige Erwachsene tun etwas dagegen.

Von Christian Gramstadt, SWR, und Patrizia Venditti

Die Bonaventura-Vrenna-Familie gehört zu den mächtigen und international operierenden Clans der kalabrischen Mafia, der 'Ndrangheta. Luigi Bonaventura stand mit zehn Jahren bei einer blutigen Fehde Schmiere. Wenige Jahre später schoss er selber. Mit 35 Jahren wurde er Kronzeuge der italienischen Staatsanwaltschaft.

"Clan-Mädchen werden schon mit 13 mit Mafiosi verbandelt. Sie sollen in der Familie für die Mafiamoral sorgen", sagt er. "Jungen lernen von Kindesbeinen an mit Waffen umzugehen. Bei Tierschlachtungen werden sie an Blut und Gewalt gewöhnt. Es ist eine Kindheit wie bei Dschihadisten."

Kinderreiche Familienclans auch in Deutschland aktiv

Luigi Bonaventura hat mit seiner Familie gebrochen. Er berichtete 2019 von einem kontinuierlichen Drill zur Gewalt: "In Afrika (…) werden Kinder entführt, meist unter Drogen gesetzt und mit einer Waffe als Kindersoldaten aufs Schlachtfeld geführt. Bei der 'Ndrangheta werden die Nachkommen von Kindesbeinen an zur Kriminalität und zum Töten erzogen", vergleicht er. "Sie sind Gefangene ihrer Familien und der archaischen Mafiamentalität."

Nach einer Studie des italienischen Forschungsinstitutes Demoskopita von 2016 organisiert sich die 'Ndrangheta in knapp 400 kinderreichen Familienclans, die weltweit auf mehr als 50.000 Gefolgsleute zurückgreifen können. In Deutschland sollen knapp 300 'Ndranghetisten aktiv sein.

Unterbringung in Pflegefamilien trägt Früchte

Seit 2013 gibt es ein italienisches Gesetz, das es Richtern präventiv erlaubt, akut gefährdete Mädchen, Jungen und Mütter mit ihren Kindern von ihrem mafiösen Umfeld zu isolieren und sie weit entfernt bei Pflegefamilien unterzubringen.

Ein juristischer Meilenstein, auf den Roberto Di Bella sein Projekt "Liberi di scegliere" ("Frei zu wählen") setzt. Zusammen mit Beamten, Pädagogen und Therapeuten versucht er, dem Jugendgesetz Leben einzuhauchen: Mit gemeinschaftlichen Aufgaben und Spielen, die den Kindern ein Stück unbeschwerter Kindheit vermitteln sollen, und mit einem Unterricht, der sie spüren lässt, dass ein Leben jenseits von "Ehre, Blut und Gewalt" ganz normal und möglich ist.

60 Mal konnte das Jugendgericht der Region von Reggio Calabria seither eingreifen. 70 Minderjährige wurden bei Pflegeeltern in anderen Provinzen untergebracht. 30 Kernfamilien aus 'Ndrangheta-Clans fanden außerhalb Kalabriens ein neues Zuhause.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Weltspiegel am 01. Februar 2020 um 19:20 Uhr.