Der Ort Ii in Finnland | Philipp Abresch/NDR

Finnland Klimaschutz im Kleinformat

Stand: 29.08.2020 11:36 Uhr

Ii - so heißt das kleine Städtchen im Nordwesten Finnlands, das in einem ganz groß ist: Klimaschutz. Seit Jahren bemüht man sich dort um Nachhaltigkeit. Was kann sich der Rest der Welt von Ii abschauen?

Von Philipp Abresch, NDR

Wir sind in Finnland: Also erstmal eine Runde Sauna und dann ab in den kalten Fluss. "Sehr erfrischend. Und wenn man im Wasser ist, fühlt man sich so sehr als Teil der Natur," findet Leena Vuotovesi von der städtischen Klimaschutz-Agentur. "Wir leben ja inmitten von Natur. Dass wir das Wasser hier genießen, Beeren sammeln und Jagen können, dass wir Lebensmittel anpflanzen, dass wir diesen schönen Wald haben, die Natur insgesamt - das ist uns hier in Ii sehr wichtig."

Philipp Abresch ARD-Studio Singapur

Ii - so heißt der Ort. Doppel-I, zwei Buchstaben nur, und genauso überschaubar ist es hier auch im Nordwesten Finnlands. Ein paar Straßen, zwei Supermärkte, knapp zehntausend Menschen. Aber Ii ist der vielleicht grünste Ort Europas. Das Städtchen hat es geschafft, seine CO2-Emissionen um 80 Prozent zu verringern. "Uns in Ii ist klar geworden, dass der Klimawandel nicht erst kommt, sondern dass er schon da ist", sagt Vuotovesi. "Und wir haben verstanden, dass nicht nur die großen Akteure in der Welt handeln müssen, wir müssen selber etwas tun. Und so haben wir überlegt, wo wir anfangen können."

Ein Schlüssel zum Erfolg: Anreize schaffen. Denn alle in Ii sollen mitmachen beim Klimaschutz. Schon in Kindergärten und Schulen sollen junge Menschen für den Klimaschutz sensibilisiert werden. Mit den kleinen Dingen im Leben: Strom sparen, Wasser sparen, konsequent recyclen.

50:50-Projekt

"Alles fing an mit dem 50:50 Projekt", erzählt Vuotovesi. "Wir haben es in drei Schulen ausprobiert. Dort messen die Kinder den Strom- und Wasserverbrauch und bekommen die Hälfte der Einsparungen zurück. Sie können dann selbst entscheiden, wofür sie das gesparte Geld ausgeben. Das Modell war so erfolgreich, dass wir es auf alle Schulen und Kindergärten in Ii ausgeweitet haben."

In Ii hat sich der Stromverbrauch in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte reduziert. Die Kinder haben sich vom Eingesparten schöne Dinge gekauft: Pflanzen, Spielzeug, sogar einen Billardtisch.

Auch das Erleben der Natur wollen sie den Kindern frühzeitig ermöglichen. "Wenn sie in die Natur gehen, lernen sie die Natur auch schätzen", sagt die Kindergartenleiterin Kirsti Kehus. "Dann wollen sie ihr nicht schaden oder ihr etwas antun, sie wollen sie nicht zerstören. Wir glauben, wenn wir uns gemeinsam um die Natur kümmern, kümmert sich die Natur am Ende auch um uns."

Heute geht die Kindergartengruppe in den Wald zum Beeren sammeln. Das Naturerleben soll den jungen Menschen die Angst vor dem Klimawandel nehmen. "Viele junge Menschen gehen heutzutage demonstrieren", sagt Vuotovesi. "Sie machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Aber wir sollten den jungen Menschen einfach das Handwerkszeug zeigen. Wenn die Kinder mit dem Gefühl aufwachsen, etwas tun zu können für den Klimaschutz, dass sie etwas bewirken können, dann denke ich, dass wir eine schöne und zuversichtliche Gesellschaft bekommen."

Der Ort Ii in Finnland: Kindergartenausflug in den Wald | Philip Abresch/NDR

Waldausflug mit der Kindergartengruppe des Dorfes Ii in Finnland Bild: Philip Abresch/NDR

Renaturierung und Windenergie

Ii ist umgeben von sagenhafter Natur. Hier finden sich einige der größten Torfmoore Europas. Jahrhundertelang wurde Torf verbrannt, um Energie zu gewinnen. Dabei speichern die Moore massenhaft klimaschädliches CO2. Sie zu schützen, verringert die Treibhausgase in der Luft. Der Unternehmer Yuha Hulkko aus Ii hat große Flächen Torfmoor gekauft und renaturiert. "Der Wandel ist nur möglich, wenn einzelne Menschen oder Familien das tun, was sie tun können. Etwas Kleines oder etwas Größeres. Von dort kommt der Wandel."

In Ii stehen mit die höchsten Windräder Skandinaviens. Was die Luft verschmutzt - zum Beispiel Ölheizungen - hat die Stadt verbannt. Ii setzt auf Wind und Wasser. Der kleine Ort produziert inzwischen zehn mal mehr grüne Energie als er braucht. Mit dem Verkauf nimmt Ii jährlich fast vier Millionen Euro ein.

Keine einfachen Lösungen

Teijo Liedes ist der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung. "Windkraft ist Teil der Lösung und Teil des Problems", sagt Liedes. "Es gibt viel Diskussionen über die Windkraft. Zum Beispiel über den Lärm, die Verschandelung der Landschaft und wie die Windparks vielleicht das Miteinander der Menschen stören." Vuotovesi stimmt ihm zu. "Wir können nicht einfach sagen: Weil es hier viel Wind gibt, stellen wir die Gemeinde voll mit Windrädern. Es ist wichtig, gemeinsam mit den Menschen Lösungen zu finden, wo genau wir die Windräder bauen können."

Der Mut für Neues hat das Miteinander in Ii gestärkt. Auch weil die Stadt die Sorgen der Menschen ernst nimmt.

Der Ort Ii in Finnland | Philipp Abresch

Haus am See in Ii Bild: Philipp Abresch

Kompromisse für den Klimaschutz

60 weitere Windräder sind geplant. Ausgerechnet rund um einen echten Urwald. Seit 100 Jahren wurde hier kein Baum mehr gefällt.

Der Waldbesitzer Juha Väätäjä hat die Klimaschützerin Vuotovesi und den Stadtverordneten Liedes zu sich eingeladen. "Man wird die Windräder wohl nicht übersehen können", sorgt Väätäjä sich. "Sie werden ja 300 Meter hoch und nur ein paar hundert Meter von hier aufgestellt. Deswegen habe ich vorgeschlagen, dass wir die Anlage etwas verlegen."

"Wir haben ja alle ein gemeinsames Ziel", sagt Vuotovesi. "Nämlich die Natur in Ii zu schützen. Wir brauchen die Windkraft. Aber wir müssen auch die Gegend drumherum im Blick behalten. Das ist wie ein Puzzle." Man müsse am Ende alle Teile zusammenfügen und den besten Kompromiss finden.

Klimaschutz - das große Puzzle. Was kann ein kleines Dorf schon ausrichten - bei einem so globalen Problem? Eine ganze Menge, finden sie in Ii. Vorbild sein zum Beispiel. Denn was hier geht, in der finnischen Provinz, geht vielleicht so ähnlich auf der ganzen Welt.

Diesen und weitere "Weltspiegel"-Beiträge sehen Sie am Sonntag, 30.08.2020, um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der "Weltspiegel" am 30. August 2020 um 19:20 Uhr.