Eine italienische Flagge an einem Balkon | Bildquelle: MASSIMO PERCOSSI/EPA-EFE/Shutter

Weltspiegel-Reportage Was tun gegen den Lagerkoller?

Stand: 21.03.2020 14:28 Uhr

Ausgerechnet in Italien, wo sich sonst so vieles draußen abspielt, dürfen die Menschen nicht mehr aus dem Haus. Was macht das mit einer Familie?

Von Ellen Trapp, ARD-Studio Rom

Carlotta ist langweilig - sehr langweilig. Nie hätte sie gedacht, dass sie die Schule mal vermissen würde. Mit der Klassenlehrerin spricht sie nur am Bildschirm. "Letzte Woche waren es zu viele Hausaufgaben", sagt sie - "diese Woche ist es besser."

Woche zwei der Ausgangssperre. Für Carlotta, ihre beiden Schwestern und ihre Eltern, den freien Fotografen Lorenzo Pesce und die Journalistin Giulia Nucci, ist es keine einfache Zeit. Niemand darf die Wohnung verlassen, keine Freunde, nichts. "Wenn Du drinsteckst, dann lebst du einfach", sagt Giulia. Man könne es aber natürlich nicht mit einer Kriegssituation vergleichen. "Die Tage kamen die Mädels und sagten: Wir müssen zu Hause bleiben, wie damals Anne Frank. Solche Ideen kamen ihnen, aber ich habe gesagt, Kinder, das ist ja was ganz anderes. Damals gab es eine Angst, die wir nicht haben müssen."

Giulia arbeitet meist von zu Hause. Doch Lorenzos Aufträge der kommenden Wochen wurden innerhalb kürzester Zeit alle storniert. Er ist vorübergehend arbeitslos. Heute habe er ins Fotostudio müssen, erzählt er, eine Zeitschrift habe eines seiner Fotos haben wollen. "Das habe ich dann im Archiv suchen müssen - solche kleinen Aufgabe, geben mir das Gefühl, dass ich noch lebe."

Italien: Was tun gegen Lagerkoller?
Weltspiegel, 22.03.2020, Ellen Trapp, ARD Rom

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Highlight: Wäsche aufhängen

Carlottas Schwester Arianna ist zwölf Jahre alt, gerade hat sie Deutschunterricht über eine Lernplattform. Doch so ganz reibungslos läuft der via Computer noch nicht. "Wissen Sie, wie lange wir ungefähr in Quarantäne bleiben müssen?", fragt sie. Dann bricht das Netz zusammen.

"Ich bin keine Streberin", sagt Arianna. "Aber jetzt vor dem Computer einem Erwachsenen zuzuhören, der mir was erklärt - und dann erklärt er es nicht mal gut -, finde ich schwierig. Der Arme kann es eben nicht besser. Er unterrichtet ja auch zum ersten Mal auf dieser Lernplattform."

Giulia merkt, dass der Alltag mit jedem Tag der Ausgangssperre schwieriger wird. Wäsche aufhängen wird da zum Highlight - mal ganz alleine auf der Terrasse für ein paar Minuten. Von der Terrasse zeigt sie auf ein Gebäude in der Nachbarschaft: "Das ist die Schule der Kinder", sagt sie. "Dort hinten bei den Spielsachen ist der Kindergarten. Früher, wenn man zum Mittagessen zu Hause war, hat man dauernd Kindergeschrei gehört, viele Stimmen von Kindern beim Spielen. Und jetzt: Totenstille."

Jetzt lungern die drei halt zu Hause rum, gehen sich manchmal gegenseitig auf die Nerven. Langsam werden sie ungeduldig. Aber niemand weiß, wie lange das noch so weitergehen wird.

Ein Tagesplan soll Struktur bringen

Lorenzo sieht die Ausgangssperre bei aller Anstrengung auch als Geschenk: Die Wohnung ist groß, es gibt eine Terrasse für alle Hausbewohner auf dem Dach, viel Nähe zu den Kindern. Andere Menschen hätten es da deutlich schwerer. Doch gleichzeitig ist es auch ihr erster großer Stresstest.

"Es ist Mist", sagt Carlotta - "viel zu viele Regeln."

Und Arianna findet: "Mama und Papa sind Nervensägen. Mach dies, tu das nicht, räum auf. Nein Arianna, mach das nicht. Videoanruf geht auch nicht. Und heute früh hatte ich auch noch Streit mit Papa."

Damit das alles nicht in einem absoluten Chaos endet, haben sich Arianna, Carlotta und Domitilla einen Tagesplan überlegt - zumindest für die Werktage. Etwas Struktur braucht die Familie. Dazu gehört auch das tägliche Fitnessprogramm auf der Terrasse, denn im normalen Leben tanzen, kicken und laufen die Mädchen regelmäßig. "Wir hangeln uns von Tag zu Tag", sagt Giulia. "Auch wenn ich lese, dass es bis Sommer oder April so weitergehen könnte. Darüber will ich nicht nachdenken. Ich verbiete mir den Gedanken."

"Du fühlst dich als Teil der Geschichte"

Damit sie in dieser Ausgangssperre nicht vereinsamen, verabreden sie sich regelmäßig mit Freundinnen via Skype. Carlotta spricht mit Anna, mit der sie in eine Klasse geht. "Mir geht’s so naja", sagt Anna. Sie mache sich Sorgen wegen des Coronavirus. Und Carlotta sagt, sie habe Angst, dass die Quarantäne bis zum letzten Schultag verlängert wird.

Lorenzo erzählt, er fühle sich im Moment sehr beschützt. "Ich fühle mich zufrieden, Italiener zu sein, zufrieden, dass ich in Rom bin. Schön, dass man sich von Fenster zu Fenster grüßt, dem Nachbarn winkt. Eine schöne Atmosphäre - schwierig, aber du fühlst dich als Teil der Geschichte."

Und so versucht sich jeder in der Familie Freiräume zu schaffen und vor allem, das Positive nicht aus dem Blick zu verlieren. Andrà tutto bene, sagen sie in Italien: Alles wird gut.

Diesen und weitere Beiträge sehen Sie im "Weltspiegel" - am Sonntag, 22. März, um 19:20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der "Weltspiegel" am 22. März 2020 um 19:20 Uhr.

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