Flüchtlingslager Kakuma im Norden von Kenia

Flüchtlingslager Kakuma Hauptsache überleben

Stand: 16.12.2018 17:00 Uhr

Immer mehr Menschen erreichen das kenianische Flüchtlingslager Kakuma. Die finanziellen Mittel der Helfer reichen kaum. Während die Essensrationen gekürzt werden, wächst der Traum von einem Leben im Westen.

Von Isabel Schayani, WDR

Mit dem Daumen schiebt sie den Kindern den Maisbrei in den Mund. Sofort in den nächsten und gleich in noch einen. Ihre drei Mädchen lassen zu, dass ihre Mutter ihnen das Essen regelrecht in den Mund drückt. Aishe (7), Somaya (5) und Sabrine (3) könnten natürlich auch alleine essen. Aber die Mutter wird die Angst nicht los, ihre Töchter könnten verhungern.

"Sie müssen jeden Mittag und jeden Abend dasselbe essen", sagt sie. "Immer Maisbrei. Immer Spalterbsen." Sie könnten es nicht mehr sehen, sagt sie. "Dann essen sie lieber nichts. Deshalb helfe ich nach." Nun zeigt sie die fast leeren Milchpulver-Dosen, mit denen sie die Milch für das vierte Kind, ein neun Monate altes Baby, zubereitet. "Es reicht noch für zwei Wochen. Danach weiß ich nicht, was ich ihr geben soll."

Isabel Schayani im Flüchtlingslager Kakuma im Norden von Kenia
galerie

Isabel Schayani im Flüchtlingslager Kakuma: Die Zahl der Flüchtlinge wächst, aber die Geber spenden weniger.

Eine Mahlzeit am Tag

Die Mutter heißt Amal Manei-Dheire und ist 23 Jahre alt. Als sie gerade 13 Jahre alt war, verkaufte ihr Vater in Somalia viel Land, damit die Tochter ihr Leben in ein Flüchtlingslager in Kenia retten konnte, erzählt sie. Seitdem lebt sie in einem Flüchtlingslager - seit fünf Jahren mittlerweile in Kakuma. Ihr Zuhause besteht aus Wellblechplatten und alten Ölkanistern, die zusammengenagelt wurden. Sie hat ein Plumpsklo und ständig fegt sie über den Lehmboden, als würde der Dreck davon sauberer werden.

Das Essen, das Manei-Dheire von der UN bekommt, reicht bei Weitem nicht. "In den letzten Monaten war es halb so viel wie davor." Eines sagt sie nicht, man kann es aber im Laufe des Tages beobachten: Manei-Dheire isst nur einmal am Tag. Für mehr reichen die Rationen nicht. Auf keinen Fall will sie, dass die Kinder Hunger haben. Damit gehört Manei-Dheire in Kakuma zur Mittelschicht.

Leben im Flüchtlingslager Kakuma im Norden von Kenia
Weltspiegel, 14.12.2018, Isabel Schayani, WDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Flüchtlinge aus Kriegsgebieten 

Das Lager Kakuma liegt rund 140 Kilometer entfernt von der südsudanesischen Grenze im Norden Kenias. Rund um das Lager ist nichts, außer einer kargen, trockenen Landschaft. Die nächste größere Stadt ist vier Autostunden entfernt. 186.000 Menschen leben in den Hütten, was eigentlich als Provisorium gedacht war. So viele wie beispielsweise in Hagen.

Die Bewohner stammen laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR aus Nachbarregionen, wo Krieg herrscht: Die meisten kommen aus dem Südsudan, Kongo, Burundi oder Somalia. Ständig kommen Flüchtlinge an. Laut UNHCR sind es 200 bis 300 pro Woche, aber nur 1600 kehrten bisher in ihre Heimat zurück. Und so wächst und wächst Kakuma zu einer kilometerweiten Landschaft von Blechhütten.

Weltspiegel-Schwerpunkt Ernährung

Die vier Weltspiegel-Moderatoren waren auf vier Kontinenten unterwegs: Das Thema ihrer Reisen war die Welternährung. Wie sicher ist unsere Ernährung noch? Wie verändert sie sich vor allem durch Klimawandel und Digitalisierung? Und wie ungleich ist der Zugang zu Nahrungsmitteln verteilt?

Koranschule statt normaler Schule

Manei-Dheire hat einen Job beim Roten Kreuz. Dafür bekommt sie umgerechnet etwa 50 Euro im Monat. Ihre fünf- und siebenjährige Tochter gehen derweil in eine Koranschule. Dort lernen sie Koranrezitation auf Arabisch, was sie im Alltag in Kenia nicht gebrauchen können. Aber dafür kostet der Unterricht nichts und die Kinder sind beschäftigt.

Für eine normale Schule müsste sie für Kleidung und Bücher bezahlen - soviel hat sie nicht. Dabei ist sie selbst nur ein Jahr zur Schule gegangen und leidet darunter. Wenn man sie nach Jahreszahlen oder Wochentagen fragt, stockt das Gespräch sofort. Sie wird unsicher, ist aber klug und sie weiß genau, welche Folgen ihr Bildungsmangel hat. Nun sieht sie ihre Kinder heranwachsen - und ihre Geschichte könnte sich wiederholen. Und das, obwohl in Kakuma Hilfsorganisationen und UN-Organisationen präsent sind. Wie kann das sein?

Das World Food Programm (WFP) der UN versorgt fast alle registrierten Bewohner im Flüchtlingslager mit Lebensmitteln. Das Wort "versorgen" ist allerdings übertrieben. "Satt werden sie hier nicht, wir wollen, dass ihre Körper nicht leiden", sagt Boniface Wanjangu vom WFP.

Im Moment stehen einem Erwachsenen 1900 Kalorien am Tag zu. Das ist das Minimum. Seit vier Jahren arbeitet der Kenianer in Kakuma. Er hält Distanz zu den Bewohnern, weil er es "kaum aushält", dass er ihnen ständig die Rationen kürzen muss.

Flüchtlingslager Kakuma im Norden von Kenia
galerie

Im Flüchtlingslager Kakuma hoffen viele auf das Resettlement-Programm. Doch nur wenige Plätze stehen zur Verfügung.

Immer mehr Flüchtlinge, immer weniger Hilfslieferungen

Seit Monaten erhalten die Menschen in Kakuma stets dasselbe: Reis, Weizen oder Maismehl, Spalterbsen und Öl. Vor allem bei Kindern und jungen Frauen stellt der UNHCR körperliche Mangelerscheinungen fest.

Die Lebensmittel werden ausschließlich durch Staaten und Spender finanziert. Wanjangu beschreibt die Konsequenzen nüchtern: "Seit drei Jahren erleben wir Kürzungen. Im Moment kürzen wir die Rationen für die Menschen um 55 Prozent. Getreide, Öl, da bekommen sie halb so viel wie normalerweise."

Deutschland ist nach den USA und der EU der drittgrößte Geber. Deutschland zahlt, weil es fürchtet, das Jahr 2015 könnte sich wiederholen. Damals flüchteten viele, weil die UN unter anderem die Lebensmittel in den Nachbarländern Syriens kürzte.

Das World Food Programm rechnet den Ländern des Nordens derweil vor, dass es 100-mal günstiger sei, die Flüchtlinge in der Region zu versorgen, als in Europa. Nur müsste die Weltgemeinschaft auch geben. Das Gegenteil passiert. Insgesamt helfen die wohlhabenden Länder immer weniger. Laut WFP fehlen im Moment in Kakuma 50 Prozent der Zuwendungen. Die Zahl der Flüchtlinge wächst, die Geber spenden weniger. Perspektive? Völlig unklar.

Hoffnung auf eine Zukunft in den USA

Manei-Dheire hat diesen Traum, den viele in Kakuma träumen, dass sie zu den ganz wenigen gehören könnte, die es schaffen, vom UNHCR ausgewählt zu werden und in die USA, Kanada oder Australien ausreisen dürfen. Resettlement nennt man dieses Auswahlverfahren. Doch seit vor allem die USA ihre Kontingente heruntergefahren haben, sind die Chancen weiter gesunken. Und so sind es in diesem Jahr etwa 500 Menschen, die rauskommen.

Als es Abend wird, winkt Manei-Dheire die Gäste näher heran. Sie fragt sehr höflich und taktvoll, ob es nicht möglich wäre, sie und die Kinder mit nach Europa zu nehmen. Damit sie genug zu essen hätten. Wir antworten ihr, in Europa seien auch nicht alle glücklich, schon gar nicht die aus Afrika. Sie sagt schlicht: "Aber ihr habt genug zu essen."

Diesen und weitere Beiträge sehen Sie im Weltspiegel am Sonntag um 19:20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 16. Dezember 2018 um 19:20 Uhr.

Darstellung: