Ypern

Ausbruch des Ersten Weltkriegs Ypern 100 Jahre nach der Zerstörung

Stand: 01.08.2014 10:53 Uhr

Das belgische Ypern wurde im Ersten Weltkrieg völlig von den Deutschen zerstört. Die überlebenden Bürger bauten es wieder auf - so wie vor 1914. Jeden Abend wird dort an Gefallenen und Verschwundenen erinnert.

Von Isabel Reißmann, ARD-Hörfunkstudio Brüssel

Vier bis fünfmal im Jahr spielt er hier seine Melodie. Rudy Verbeeck nennt sich der Black Gaelic Piper. Heute steht er in der Nähe des Menin Gate. Am großen weißen Stadttor wird jeden Tag um 20 Uhr der fast 25.000 im Krieg gefallenen Soldaten gedacht, deren Leichen man nie gefunden hat.

Fast 200 Menschen haben sich an diesem Abend versammelt, Besucher und Einwohner, die der Melodie Rudy Verbeeks lauschen. “Das Lied heißt Hector the Hero und ist von 1903", sagt er. "Es sei sehr bekannt und schon vor dem ersten Weltkrieg gespielt worden. "Während des Ersten Weltkriegs hat man es sehr oft für die Amerikaner gespielt. Es ist ein Stück, das man für die Verschwundenen spielt."

Mit Brandbromben zerstörten die Deutschen die Stadt

Ypern ist eine Stadt mit einer großen Vergangenheit. Die gotische Tuchhalle war am Ende des 13. Jahrhunderts das größte nicht religiöse Bauwerk der Welt. Seine Lage machte Ypern durch die Jahrhunderte hindurch für alle Kriegsparteien interessant: Da es nahe an der französischen Grenze liegt, diente es als Garnisonsstadt für die französische Armee.

Doch der 22. November 1914 hat für die Stadt alles verändert, sagt der Historiker Piet Chielens: "Da die deutsche Armee die Stadt nicht einnehmen konnte, wollte sie um jeden Preis verhindern, dass Franzosen und Briten sie als Winterquartier nutzen. Mit Brandbomben zerstörten die Deutschen die Stadt. Die Kathedrale und die Tuchhalle gingen in Flammen auf.

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Das kriegszerstörte Ypern

Ypern sollte aussehen, wie es vor 1914 ausgesehen hat

95 Prozent der Stadt wurde zerstört. Von den 35.000 Einwohnern blieben während des Krieges nur 8000 in der Stadt. Nach dem Krieg kehrte etwa die Hälfte der Ypener zurück in die Trümmer. "Die Menschen, die zurückgekehrt sind, waren so schockiert von der Vorstellung, dass man möglicherweise die Stadt nicht wieder aufbauen würde", sagt Chielens. "Sie haben sich dann dafür entschieden, die Stadt originalgetreu wieder aufzubauen. Ypern sollte mehr oder weniger so aussehen, wie es vor 1914 ausgesehen hat."

Bereits 1930, also zwölf Jahre nach dem Krieg, war Ypern wieder hergestellt. Der schnelle Wiederaufbau hat aber auch Folgen, die Stadtarchivar Rik Opsommer regelmäßig beschäftigen. In anderen Städten würden notwendige Renovierungen bedeuten, dass es "mal diese Kirche, mal jene Kirche" sei. "Hier ist alles zum gleichen Zeitpunkt sanierungsbedürftig. Und das ist auch für die Behörden hier, auch in diesen kleineren Dörfern, eine extra Schwierigkeit." Für die Stadt bedeuteten dieses Erste-Weltkriegs-Patrimonium Extralasten.

Der Krieg ist überall präsent

Im heutigen Stadtbild mit seinen einmaligen gelben Backsteinfassaden im neogotischen Stil sieht man den Krieg nicht mehr, aber er ist dennoch überall präsent. In Museen und Ausstellungen, auf den zahllosen Friedhöfen in und um Ypern und in den Köpfen der Menschen.

Der ehemalige Lehrer Frans Lignel erinnert sich an seine Kindheit in den 50er-Jahren: "Wir wohnten in der Hospitalstraße in unserem Dorf und auf der anderen Seite war ein Friedhof. Als Kinder durften wir da nicht hingehen und spielen." Das sei ein heiliger Platz gewesen, wo sie sehen konnten, dass viele Menschen dort hingekommen seien. "Höchstwahrscheinlich waren es Briten. Sie waren traurig und gingen weinend zurück zu ihren Autobussen. Wir waren so etwa sechs Jahre alt, und fragten unsere Mutter, warum diese Menschen weinten, und sie sagte, das sei wegen des Krieges."

Noch heute kommen die Menschen aus aller Welt an das Menin Gate, wo die Namen Tausender vermisster Soldaten eingraviert sind. Die Besucher kommen unter anderema aus Neuseeland, aus Kanada, aus Großbritanien, Deutschland und Frankreich. Abends stehen sie am weißen Stadttor und manchmal spielt dann Rudy Verbeek, der Black Gaelic Piper.

Grabsteine von Commonwealth-Soldaten in Ypern.
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Grabsteine von Commonwealth-Soldaten in Ypern.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. August 2014 um 12:30 Uhr.

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