Die Hand einer Frau hält die Hand eines unterernährten Kindes. | picture alliance/dpa/XinHua

Welthunger-Index 2021 "Hunger ist wieder auf dem Vormarsch"

Stand: 14.10.2021 08:20 Uhr

Die Welthungerhilfe warnt vor Rückschlägen im Kampf gegen den Hunger. Ein "verheerendes Zusammenspiel" von Kriegen, Klimawandel und Pandemie verschlechtere die Lage. Auch Entwicklungsminister Müller schlägt Alarm.

Kriege, Klimakrise und die Corona-Pandemie führen laut der Welthungerhilfe zu einer wachsenden Zahl hungernder Menschen. "Aktuelle Erkenntnisse deuten auf Rückschläge in der Hungerbekämpfung hin und verheißen schwierige Aussichten für die Zukunft", heißt es im heute veröffentlichten Welthunger-Index 2021. Die Weltgemeinschaft sei mit Blick auf das Ziel, bis 2030 keinen Menschen mehr Hunger leiden zu lassen, "dramatisch" vom Kurs abgekommen. 

"Der bereits zuvor viel zu langsame Fortschritt in Richtung Zero Hunger (Null Hunger) bis 2030 stagniert oder hat gar Rückschläge zu verzeichnen", so die Organisation. Der diesjährige Welthunger-Index weise "auf eine düstere Hungerlage hin, befeuert durch ein verheerendes Zusammenspiel von Klimakrise, Covid-19- Pandemie und immer schwereren und langwierigeren Konflikten". Dadurch würden "jegliche Fortschritte der letzten Jahre" bedroht. 

Im Jahr 2020 befanden sich dem Bericht zufolge weltweit 155 Millionen Menschen in einer akuten Ernährungskrise, -notlage oder -katastrophe. Die Zahl der akut unterernährten Menschen sei damit 2020 um fast 20 Millionen gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Nach neueren UN-Angaben stieg die Zahl inzwischen erneut - auf nun 161 Millionen Menschen.

Appell an die Politik

"Der Hunger ist wieder auf dem Vormarsch", sagte Welthungerhilfe-Generalsekretär Mathias Mogge dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Gewaltsame Konflikte hätten in den vergangenen Jahren wieder zugenommen, sie seien einer der größten Hungertreiber. "Wo Krieg herrscht, werden Ernten, Felder sowie Infrastruktur zerstört und fliehen Menschen aus ihren Dörfern." Die Politik müsse die mit Nahrungsknappheit zusammenhängenden Krisen bekämpfen.

Insgesamt hungerten rund 811 Millionen Menschen weltweit und 41 Millionen stünden kurz vor einer Hungersnot. "Der aktuelle Welthunger-Index zeigt, dass 47 Länder noch nicht einmal ein niedriges Hungerniveau bis 2030 erreichen werden", fügte Mogge hinzu. "Die Welthungerhilfe fordert politische Initiativen, um die Konflikte weltweit einzudämmen, finanzielle Anstrengungen, um den akuten Hungersnöten zu begegnen." Zudem seien verbindliche Vereinbarungen auf der UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow (31. Oktober bis 12. November) zur Bekämpfung des Klimawandels nötig.

Für den Bericht wurde die Lage in 135 Ländern bewertet, für 116 von ihnen liegen detaillierte Auswertungen vor. Vor allem afrikanische Länder südlich der Sahara und Südasien sind demnach von Hungersnöten betroffen. In Somalia wird mit 50,8 der schlechteste Wert auf der 100-Punkte-Skala erreicht - die Lage wird dort als "gravierend" bewertet. Als "sehr ernst" gilt die Situation in der Zentralafrikanischen Republik (43), im Tschad (39,6), der Demokratischen Republik Kongo (39), in Madagaskar (36,3) und im Jemen (45,1).

Müller: "Hunger ist Mord"

Angesichts der weltweiten Situation schlägt auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller Alarm. "Die Folgen der Corona-Pandemie und viele Konflikte haben in den letzten Jahren zu einer negativen Trendwende geführt: Millionen Menschen stehen ohne Arbeit auf der Straße, Versorgungsketten sind unterbrochen, Lebensmittelpreise steigen", sagte der CSU-Politiker der "Augsburger Allgemeinen". 130 Millionen Menschen seien so in Hunger und Armut zurückgefallen. Der Klimawandel verschärfe die Lage. "Wir müssen Hunger- und Armutsbekämpfung endlich als vorausschauende Friedenspolitik verstehen - und ganz oben auf die Agenda der Weltpolitik setzen", forderte Müller vor dem Welternährungstag am 16. Oktober.

Er verwies auf 15.000 Kinder, die jeden Tag verhungerten. "Das ist ein unglaublicher Skandal". Müller fügte hinzu: "Hunger ist Mord, denn wir haben das Wissen und die Technologie, alle Menschen satt zu machen." Eine Welt ohne Hunger sei grundsätzlich möglich. "Mit rund 40 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr für eine nachhaltige Ernährungs- und Landwirtschaft durch die Industrieländer, Privatwirtschaft und Entwicklungsländer kann der Hunger bis 2030 besiegt werden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Oktober 2021 um 09:00 Uhr.

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