Kinder in einer Schule in Nairobi | Bildquelle: DAI KUROKAWA/EPA-EFE/REX

Bevölkerung wächst Afrikas Reichtum, Afrikas Ruin

Stand: 11.07.2020 14:08 Uhr

Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird ein Großteil der Menschen in Afrika leben - die Bevölkerung dort wächst weiterhin rasant. Das hat Potenzial, stellt den Kontinent aber auch vor massive Probleme.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Nairobi, Hauptstadt von Kenia. Die Bevölkerung im Land wächst jedes Jahr im Schnitt um eine Million Menschen. Viele Kinder zu bekommen ist für die meisten hier selbstverständlich. "Nur ein Kind zu haben ist nicht gut. Es sollten aber auch nicht zu viele sein. So etwa fünf bis sechs. Ich bin eine Mutter von sechs Kindern. Ich habe neun zur Welt gebracht, aber Gott hat mir drei wieder genommen", sagt eine Frau.

Die Zahlen in anderen afrikanischen Ländern sind ähnlich. Zur Zeit leben knapp 1,3 Milliarden Menschen auf dem Kontinent. 2050 könnten es fast doppelt so viele sein. Damit wird Afrika ein immer wichtigerer Absatzmarkt. Das Bevölkerungswachstum könnte aber auch zu mehr Armut und Migration nach Europa führen: "Die größte Herausforderung ist die schiere Anzahl junger Afrikaner. Ich bin nicht überzeugt, dass irgendeine Regierung auf dem Kontinent den Ernst der Lage wirklich verstanden hat", warnt der kenianische Ökonom Aly Khan Satchu.

Kinder in einer Schule in Nairobi | Bildquelle: DAI KUROKAWA/EPA-EFE/REX
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Unterricht in Nairobi: Trotz guter Ausbildung finden junge Leute in Kenia nur sehr schwer einen Job.

Ein Graffiti informiert in Mathare in Nairobi über das Coronavirus. | Bildquelle: AFP
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Corona macht die prekäre Lage noch schlimmer: Ein Graffiti im Slum Mathare soll über das Virus informieren.

Keine Arbeit, kaum Perspektive

Die wachsende Bevölkerung braucht nicht nur Nahrung und Wasser, um zu überleben, sondern auch die Chance auf Arbeit, Einkommen und eine gute Zukunft. Doch in den meisten Ländern ist die Arbeitslosenquote hoch. Gerade junge Menschen finden oft keinen Job. In Kenia sind etwa 80 Prozent aller Arbeitslosen jünger als 35 Jahre. So wie Tabitha Wanjiru, die einen Abschluss als Soziologin hat: "Es war frustrierend, nach Jobs zu suchen. Ich habe total versagt, Geld zu verdienen und musste zurück zu meinen Eltern, damit die mich unterstützen", sagt sie.

Wer es sich leisten kann, studiert in Kenia. Für die Uni-Absolventen gibt es aber längst nicht genug Stellen. Dagegen fehlt es an qualifizierten Handwerkern. Es gebe kein entsprechendes Ausbildungssystem, sagt Gandhi Baai von einer Stiftung zur Förderung der afrikanischen Kultur und Leistungsfähigkeit: "Darauf läuft alles hinaus, auf die Bildung. Wir müssen Zentren aufbauen, in denen man Klempner werden kann oder Elektriker. Wir müssen die Jugend mit diesen Fähigkeiten ausrüsten, damit sie sich selbst stark machen kann."

Viel zu viele junge Mädchen schwanger

Eine weitere Bildungsaufgabe ist die Aufklärung. Die Zahl der Teenagerschwangerschaften ist hoch. In Kenia bekommt jedes fünfte Mädchen vor dem 19. Geburtstag ein Kind. Zuletzt versetzten Nachrichten darüber, dass die Zahlen sich während der Corona-Pandemie noch verschlechtert haben, das Land in Aufregung.

Im Fernsehen liefen tagelang vor allem Beiträge über die schwangeren Schulmädchen. Präsident Uhuru Kenyatta hielt eine Ansprache: "Ich appelliere an all unsere sozialen Einrichtungen und an die kirchlichen Institutionen, ihren Pflichten gegenüber der Gemeinschaft nachzukommen und diesen bedauerlichen Trend umzukehren. Die Familie ist das Spiegelbild des Staates. Wenn die Familie schwach ist, ist die gesamte Nation schwach."

Wegen der Pandemie sind die Schulen geschlossen. Es gilt eine nächtliche Ausgangssperre und viele Teenager werden in dieser Zeit offenbar zum Opfer von Übergriffen. Andere ließen sich gegen Geld auf Sex ein, sagt Gynäkologin Eglay Mukabana: "Wir müssen ihnen sichere Anlaufstellen bieten und mit ihnen kommunizieren. Ich habe Teenager gefragt, warum sie in diesem Alter schon Geschlechtsverkehr haben. Manche sagen, sie tun es, um dafür Monatsbinden zu bekommen. Manche sagen, sie haben nicht genug zu essen."

Kinder in Mathare, den Slums von Nairobi
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Kinder in Nairobis Armenviertel: Vor allem ärmere Menschen sehen den Nachwuchs auch als Vorsorge.

Teufelskreis Armut

Kaum ein Mädchen, dass so früh schon Mutter wird, findet später eine gute Arbeit. Die Kinder wachsen in Armut auf. Und bekommen selbst früh Kinder. Dazu kommt: Die Vorstellung, dass viel Nachwuchs auch eine Art von Kapital darstellt, sei noch immer weit verbreitet, erklärt Tizta Tilahun, Wissenschaftlerin am Afrikanischen Forschungszentrum für Bevölkerung und Gesundheit: "Wer arm ist, will mehr Kinder, weil er sie als Reichtum für die Familie betrachtet. Die Leute haben zum Beispiel sechs Kinder und sehen sie als Vorsorge für das Alter - und als Helfer bei der Arbeit auf der Farm."

Hält die Entwicklung so an, werden die Afrikaner bis Ende des Jahrhunderts einen Großteil der Weltbevölkerung stellen. Europäer machen Prognosen zufolge dann nur noch gut fünf Prozent der Menschheit aus.

Zum Weltbevölkerungstag: Reichtum oder Ruin - Afrikas Bevölkerung wächst
Antje Diekhans, ARD Nairobi
11.07.2020 12:44 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 11. Juli 2020 um 07:32 Uhr im Inforadio.

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