Kuppelreliquiar aus dem Welfenschatz | null

Deutschland in den USA vor Gericht Kläger fordern Welfenschatz zurück

Stand: 24.02.2015 20:49 Uhr

Handelt es sich beim Welfenschatz um NS-Raubkunst? Nein, sagt Deutschland. Ja, sagen Erben der einstigen jüdischen Besitzer. Sie klagen nun vor einem US-Gericht auf Herausgabe. Es geht um eine Viertel Milliarde Euro.

Von Andreas Horchler, ARD-Hörfunkstudio Washington

Die deutsche Haltung ist klar: Der Welfenschatz ist keine Raubkunst der Nazis. Deshalb müssen die mittelalterlichen kirchlichen Kunstgegenstände nicht den Erben der jüdischen Kunsthändler zurückgegeben werden, die den Schatz 1929 gekauft und 1935 an das Land Preußen verkauft hatte. Zu einem lächerlichen Preis, sagen die Erben.

Andreas Horchler

"Hitler selbst war beteiligt"

Für Anwalt Nicholas O'Donnell ist klar: Die Nazis haben Druck auf das jüdische Händlerkonsortium ausgeübt, um das berühmte Welfenkreuz und die anderen wertvollen Stücke aus dem mittelalterlichen Schatz an sich zu bringen. Nur so sei das Geschäft von 1935 zu erklären. Einen realistischen Erlös habe es nicht gegeben. "Göring und andere hochrangige Nazis, auch Hitler selbst waren beteiligt. Sie machten unsere Klienten zwei Jahre lang so nieder, dass ihnen zum Zeitpunkt des Geschäftes im Jahr 1935 nichts anderes mehr übrig blieb, als den Preis hinzunehmen, der ihnen angeboten wurde", sagt der Anwalt.

Anwalt Nicholas O'Donnell | null

Anwalt O'Donnell hofft, dass das Gericht seine Klienten als rechtmäßige Eigentümer des Welfenschatzes anerkennt.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, hatten vergangenes Jahr entschieden: Der Welfenschatz ist keine Raubkunst, er gehört der Preußenstiftung. Die beiden Kläger halten diese Entscheidung für falsch. Die Klage vor einem US-Gericht bietet ihnen bessere Aussichten auf einen zivilrechtlichen Erfolg. Die Kläger, einer aus London, einer aus Santa Fé in den USA, seien "Enkel und Großneffen zweier Besitzer der drei beteiligten Firmen", sagte Anwalt O'Donnell. Es handelt sich um drei Firmen jüdischer Kunsthändler, die 1929 den Welfenschatz von Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg erworben hatten.

Deutsche Zweifel an Rechtsgrundlage der Klage

Ein US-Gesetz aus dem Jahr 1976 erlaubt Klagen gegen Staaten und ihre Behörden sowie einen Prozess in den USA, wenn bei der Übertragung von Eigentum internationales Recht verletzt worden ist. Eine Grundlage, die in Deutschland Zweifel hervorruft. Stuart Eizenstat, ehemaliger US-Botschafter und Autor internationaler Abkommen über die Rückgabe von Beutekunst während der Clinton-Regierung, ist trotzdem zuversichtlich: "Das könnte am Ende eine positive Geschichte werden, aber sicher keine einfache Angelegenheit."

Zunächst muss die Zuständigkeit des Distrikt-Gerichtes in Washington nachgewiesen werden. Deutschland und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz können anschließend die Klageschrift beanstanden. Ein Verfahren könnte kaum früher als 2016 beginnen.

Kommt es überhaupt zum Verfahren?

Robert Edsel, Autor des Buches "The Monuments Men", der Geschichte einer US-Spezialtruppe, die im 2. Weltkrieg Beutekunst rettete, sieht jenseits der juristischen Betrachtung eine moralische Verpflichtung. Eine Aufgabe, der auch seine "Monuments-Men"-Stiftung nachgeht. "Egal, wie viel Zeit vergeht: Diebstahl bleibt Diebstahl", sagt er. "Wenn wir den rechtmäßigen Besitzer ermitteln können, sollten wir das Diebesgut zurückgeben."

Im Fall des Welfenschatzes treffen zwei völlig entgegengesetzte Auffassungen aufeinander, die für ein langes, aufwendiges Verfahren sprechen, wenn es überhaupt dazu kommt. Glaubt Anwalt O'Donnell an einen Erfolg? "Ja, als Endresultat stellen wir uns vor, dass unsere Klienten als Eigentümer festgestellt werden", sagt er. "Dann werden sie sich überlegen, was sie tun. Ich gehe davon aus, dass sich Deutschland dem Urteil eines US-Gerichtes fügen wird."

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Den Wert des Welfenschatzes wschätzen die Kläger auf 260 Millionen Euro.

Die juristische Auseinandersetzung um den Welfenschatz - die Kläger schätzen den Wert auf 260 Millionen Euro - könnte trotz deutscher Expertise mit der Klage in eine neue Runde gehen. Dieses Mal in der US-Hauptstadt.

Der Welfenschatz

Der Welfenschatz wurde ursprünglich für den Braunschweiger Dom zusammengetragen. Die Goldschmiedearbeiten aus dem 11. bis 15. Jahrhundert gelangten 1671 in den Besitz des Welfenhauses, des ältesten Adelsgeschlechts Europas.

1929 verkaufte Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg 82 Stücke an ein jüdisches Händlerkonsortium. Sechs Jahre später - 1935 - erwarb der Staat Preußen über die Dresdner Bank etwa die Hälfte der Kunstschätze für das Schlossmuseum, das heutige Kunstgewerbemuseum in der Nähe des Potsdamer Platzes in Berlin.

Neben dem Pergamon-Altar und der Büste der Nofretete gehört der Welfenschatz heute zu den Hauptattraktionen der Berliner Museen. Herausragende Stücke sind etwa das berühmte Welfenkreuz, der Eilbertus-Tragaltar und das Kuppelreliquiar.