Der Schat al-Arab östlich von Basra | Bildquelle: REUTERS

Wassermangel im Südirak Die giftige Brühe des Schatt al-Arab

Stand: 02.12.2018 16:17 Uhr

Die Menschen im Süden des Iraks leiden unter der schlechte Wasserqualität des Flusses Schatt al-Arab. Verunreinigungen führen zu Erkrankungen. Die Felder können nicht mehr bestellt werden.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Es ist ein Notbehelf. Kein Brunnen, nur ein Wasserloch, in dem sich eine schmutzige Brühe sammelt. Der Landwirt Hussein Jarallah taucht eine elektrische Wasserpumpe ein. Über einen Gummischlauch wird das trübe Nass nach oben gepumpt. Trinken, kochen, waschen und bewässern - dafür brauchen Jarallah, seine Frau und ihre sieben Kinder die salzig-braune Brühe.

Sie wissen, dass das schmutzige Wasser allen schadet. Doch sie haben keine Wahl. Unbelastetes Frischwasser ist für sie unerreichbar. "Gott und dieser Garten - das waren immer meine Stützen", sagt der 50-Jährige Jarallah. "Alle Bäume sind wegen des salzigen Wassers eingegangen. Der Boden ist total versalzen. Vorher war hier alles grün", sagt er.

Der Bauer Hussein Jarallah aus dem südirakischen Basra
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Hussein Jarallah ist Bauer. Er weiß, dass das schmutzige Wasser allen schadet. Unbelastetes Frischwasser ist für ihn und seine Familie jedoch unerreichbar.

Vor kurzem noch zwei Ernten pro Jahr

Auch das Nachbarfeld ist staubtrocken und unfruchtbar. Noch vor nicht allzu langer Zeit fuhr der Landwirt Kazem Sabhan zwei Ernten pro Jahr ein. Tomaten, Paprika, Bohnen, Mais - alles gedieh auf dem schweren, fruchtbaren Boden. Hier im südlichen Irak - dem historischen Mesopotamien - soll einst der biblische Garten Eden gelegen haben. Ein Land, das sprichwörtlich für Fruchtbarkeit stand, trocknet aus und wird zur salzigen Ödnis.

Viele Bauern haben schon aufgegeben. Auch Kazems Arbeit bringt Jahr für Jahr immer weniger Erträge. "Der Staat muss eine Lösung finden“, fordert er, "aber die Behörden haben uns bisher keinerlei Unterstützung oder Hilfe zukommen lassen."

Der Fluss Al-Ashar in Basra | Bildquelle: REUTERS
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Müll und Dreck im Al-Ashar, der zum Flusssystem in Basra gehört, das der Schatt al-Arab bildet. In der Provinzhauptstadt kam es zu tagelangen Protesten.

Tagelange Proteste in Basra

Der Staat hilft den Menschen nicht. Im Sommer kam es deshalb in der Provinzhauptstadt Basra zu tagelangen Protesten. Die Polizei antwortete mit Gewalt. Neun Menschen wurden getötet, Hunderte verletzt.

Die politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen im Irak haben viele Gründe. Korruption und Vetternwirtschaft spielen eine wichtige Rolle. Hinzu kommt, dass viel Geld in den vergangenen Jahren in den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" geflossen ist. Dadurch wurde die Infrastruktur des Landes vielerorts stark vernachlässigt.

Der Wasserwerker Ali Abdul Amer, rechts, bei der Messung einer Wasserprobe des Schat al-Arab
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Der Wasserwerker Ali Abdul Amer (r.): "Dieses Wasser taugt weder zum Verzehr, noch zum Bewässern der Felder oder Tränken der Tiere."

Durchfall, Magenschmerzen und Nierenprobleme

Viele Anlagen zur Wasseraufbereitung sind deshalb meist veraltet. Sie können das Wasser des Schatt al-Arab - dem Zusammenfluss von Euphrat und Tigris - nicht entgiften. Im staatlichen Wasserwerk des Verwaltungsbezirks Siba wird das Wasser zwar regelmäßig geprüft, aber das Ergebnis ist in letzter Zeit immer dasselbe, sagt der Wasserwerker Ali Abdul Amer: "Dieses Wasser taugt weder zum Verzehr, noch zum Bewässern der Felder oder Tränken der Tiere. Es zu salzig und verschmutzt."

Die Zahl der Erkrankungen in der Provinz Basra nahm stark zu. Wer es sich leisten kann, kauft Wasser in Flaschen oder Tanks. Doch jeder Fünfte lebt hier unterhalb der Armutsgrenze. Viele Menschen müssen das schlechte Leitungswasser trinken und leiden an Durchfall, Magenschmerzen und Nierenproblemen, sagt der Arzt Balsam Majid: "Wir haben es mit Vergiftungen, Infektionen und vielen Hautkrankheiten zu tun, weil dieses Wasser verwendet wird."

Viele toxische Stoffe

Die schlechte Wasserqualität hat auch damit zu tun, dass viele Menschen ihren Müll in offene Kanäle entsorgen. Zudem herrscht großer Mangel an leistungsfähigen Kläranlagen. Millionenstädte wie Bagdad oder Basra leiten ihre Abwässer weitgehend ungeklärt in die Fließgewässer Tigris und Schatt al-Arab. Hinzu kommen Abwässer aus der irakischen Ölindustrie, die viele toxische Stoffe in die Flüsse bringen.

Aber auch Iraks Nachbarn tragen Mitschuld an der sich drastisch verschlechternden Wasserqualität und dem Wassermangel. Wegen der vielen Staudämme in der Türkei und in Syrien führen Euphrat und Tigris immer weniger Wasser und zudem auch immer stärker belastetes Wasser. Dabei wird wegen anhaltender Landflucht rasant wachsenden Stadt Basra immer mehr Wasser gebraucht.

An Mann am Ufer des Schat al-Arab südlich von Basra | Bildquelle: REUTERS
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An Mann am Ufer des Schatt al-Arab südlich von Basra. Der Fluss ist seit Menschengedenken der Lebensnerv im Südirak. Nun droht er zu sterben.

Der Lebensnerv im Südirak

An der Universität Basra beschäftigen sich Wissenschaftler mit den Folgen der Wasserprobleme. Der Schatt al-Arab ist seit Menschengedenken der Lebensnerv im Südirak. Nun droht er zu sterben.

Es gebe kein Zurück, sagt Shukri Ibrahim Hussein, Professor an der Universität Basra. "Der Schatt al-Arab wird nie mehr derselbe sein. Das Leiden wird lange dauern. Der Schatt al-Arab wird weiter vernachlässigt und zu einem stehenden Gewässer mit Salzwasser werden."

Der Landwirt Jarallah und seine Familie werden weiter verschmutztes salziges Wasser trinken müssen. Von der Landwirtschaft können sie kaum noch leben. Ihre Wasserbüffel haben sie längst geschlachtet und verkauft. Jetzt gehen auch ihre Pflanzen ein. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann auch sie ihre Scholle aufgeben und wie viele Bauern vor ihnen in die Stadt ziehen werden.

Über dieses Thema berichtete der NDR in der Sendung Weltbilder am 20. November 2018 um 23:30 Uhr.

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