Wall Street Flagge | Bildquelle: AFP

US-Wahlkampf Wall Street unterstützt jetzt Biden

Stand: 17.08.2020 17:54 Uhr

Lange hat die Wall Street US-Präsident Trump die Treue gehalten - und von seiner Politik profitiert. Jetzt wendet sie sich von ihm ab - denn in der Krise hat Trump den Finanzsektor enttäuscht.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Finanzexperte Brian Schwartz aus dem Börsenstudio des Senders CNBC sieht es klar: "Sie wollen Trump nicht mehr im Weißen Haus sehen." "Sie", das sind die Chefs der großen Firmen, Banken und Immobilienagenturen an der Wall Street. Immer mehr von ihnen wenden sich vom Präsidenten ab - und öffnen ihre Geldbörsen für seine gegnerische Partei, beobachtet auch die Forschungsgruppe "Zentrum für Verantwortliche Politik". Die Demokraten streichen demnach über die Hälfte der Wahlkampfspenden ein, die große Geldgeber am Finanzmarkt locker machen.

Wall-Street-Experte Schwartz hat dafür eine Erklärung: "Dem Finanzsektor ging es unter Donald Trump wirklich gut. Aber jetzt sehen sie, wie Trump sich in der Covid-Krise verhält. Und sie glauben nicht, dass er der Richtige ist, das Land da herauszuführen."

800 Millionen Dollar Spendengelder

Bis Ende Juni hat der Finanzmarkt in Manhattan rund 800 Millionen Dollar an Politiker beider Parteien gespendet, so der Thinktank "Zentrum für Verantwortliche Politik", der die Wege des Geldes in die Politik verfolgt. Der Finanzsektor ist in den USA traditionell einer der größten Wahlkampfspender.

Die Nähe zur Wall Street hat vorangegangenen Kandidaten nicht immer gut getan. Ein Beispiel ist Hillary Clinton, die ihre Vorträge für die Bank Goldman Sachs viele Punkte bei den Wählern gekostet hatten. Biden hat sich deshalb bislang in Wahlkampfreden auch taktisch von der Wall Street distanziert: "Dieses Land ist nicht von Wall-Street-Bankern, Bossen und Hedgefonds-Managern aufgebaut worden. Es wurde von Euch aufgebaut - der Mittelschicht!"

Trumps Wirtschaftskurs verunsichert die Wall Street

Doch selbst solche Äußerungen verzeihen die Finanzgrößen dem Demokraten offenbar. Dabei ging es ihnen unter Trump zunächst gut: Sein beliebter Referenzindex, der Dow Jones war um 60 Prozent gestiegen, seit er im Weißen Haus saß. Trump hatte als einer der ersten Akte die Bankenregulierung zurückgedreht, die sein Vorgänger Barack Obama infolge der Finanzkrise von 2008 eingeführt hatte.

Doch jetzt stelle Trumps teils chaotischer Wirtschaftskurs und sein Umgang mit der Corona-Pandemie alles in den Schatten, sagt Experte Schwartz: An der Wall Street werde schon darüber geredet, dass unter einem Präsidenten Biden die Steuern wieder steigen könnten. Aber die Wall Street sei bereit, dieses Opfer zu bringen, um Trump abzuwählen.

Biden gilt als gemäßigt

Auch traditionelle Spender der Republikaner ziehen sich von Trump zurück. Andrew Redleaf vom Hedge Fund Whitebox Advisors sagte laut Radiosender NPR: Er spende sein Geld nun lieber in das "Lincoln Project" - eine Republikaner-Gruppe, die sich gegen Trump aufgestellt hat.

Immer mehr Strippenzieher am Geldmarkt sehen in Biden den gemäßigten und wirtschaftserfahrenen Demokraten, den die Wall Street weniger fürchten muss als andere Kandidaten der Partei, sagt auch Analyst Scott Garliss von Stansberry Research: "Vor ein paar Monaten überwog noch die Angst davor, dass Biden die Steuern und Regularien wieder anziehen würde. Aber je weiter sich die Pandemie auf die Wirtschaft niederschlug und je weiter Bidens Umfragewerte stiegen - umso mehr schwenkte die Wall Street auf ihn um."

Zum letzten Mal gab es diesen Effekt im ersten Wahlkampf von Obama. Als der Präsident dann infolge der weltweiten Finanzkrise 2008 strengere Regularien für Banken und Versicherungen einführte, wendete sich das Blatt schnell wieder.

Wall Street setzt auf Biden
Antje Passenheim, ARD New York
17.08.2020 16:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 17. August 2020 um 18:41 Uhr.

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