Plastikstühle stehen in einer Reihe nebeneinander, auf den Sitzflächen liegen Plakate mit Wahlversprechen der US-Republikaner. | Bildquelle: dpa

US-Republikaner im Wahlkampf Provinziell, vernagelt, desinteressiert

Stand: 28.08.2020 07:50 Uhr

Was 2016 funktioniert hat, soll Donald Trump auch 2020 den Platz im Weißen Haus sichern: "America First" bleibt das Motto der US-Republikaner - und einzige Antwort auf Corona-Krise und Rassismusdebatte.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Auf einer Reise durch Afrika, diesen "gewaltigen und schönen Kontinent", hatte Melania Trump so etwas wie eine Erleuchtung. In Ghana lernte sie nicht nur die "warmherzigen Menschen und ihre geliebten Traditionen" kennen, sondern erfuhr entsetzt auch viel über die "grausamen und tödlichen Reisen", die für die Afrikaner dort zu Zeiten des Sklavenhandels starteten. "Diese Zeit dürfen wir nie vergessen", sagte Melania Trump, "damit wir sicherstellen können, dass so etwas nie weder passiert."

So aufgeschrieben klingt das banal. Aber weil die First Lady das am dritten Abend des Parteitags im Rosengarten des Weißen Hauses vortrug, warf sie ein helles Licht auf die Republikaner.

Wahl als Entscheidungsschlacht um den "American Dream"

Neugierig, weltoffen und selbstkritisch, so wie Melania Trump, ist diese Partei schon lange nicht mehr. Weit entfernt. Provinziell, vernagelt und desinteressiert haben sich die Republikaner unterm Motto "America First" in eine Parallelwelt zurückgezogen, in der nur noch die Wahrheiten des Donald Trump gelten. Dass ausgerechnet die First Lady das ausgeleuchtet hat, ist eine schöne Ironie der Geschichte.

Zu den Wahrheiten dieser Parallelwelt gehört, dass Trump das einzige sein soll, "das zwischen dem amerikanischen Traum und totaler Anarchie steht". Ob Trump und die Hauptdarsteller der Partei das wirklich glauben, ist nicht klar. Warum sie es behaupten, schon eher. Sollte die Wahl zu einer Abstimmung über die mehrheitlich unbeliebte Person Donald Trump werden, könnte sie verloren gehen. Besser, man bauscht die Wahl zu einer Entscheidungsschlacht um den "Amerikanischen Traum" auf. Dann ständen die Chancen besser.

Feindbild Biden

Biden sei eine Marionette der extremistischen Linken, wird den Amerikanern deshalb eingetrichtert. Der Hummerfischer, die Milchbäuerin, der Holzfäller, die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom, die Nonne und viele andere mehr legten Zeugnis ab, was das bedeuten könnte: Die Wirtschaft im Klammergriff radikaler Umweltschützer, der Ausverkauf einheimischer Arbeitsplätze, unmenschliche Bürokratie, Abtreibung, Kindsmord und Werteverfall. Donald Trump hingegen sei jemand, der unkonventionelle Lösungen sucht, gegen den Strich denkt, sich interessiert und kümmert.

Auch um Frauen. Zum Beleg wurden die ganze Familie Trump und die wichtigsten Beraterinnen versammelt. Trump, der Schweigegeld an ehemalige Geliebte hat zahlen lassen, der mit sexuellen Übergriffen prahlt, sei in Wirklichkeit ein feiner Kerl und ein hingebungsvoller Familienvater. Er fördere Frauen, er höre auf Frauen.

Corona-Krise - angeblich so gut wie vorbei

Die beiden großen Themen der amerikanischen Gesellschaft in diesem Sommer tauchen in der republikanischen Parallelwelt nur sehr verzerrt auf. Die Corona-Krise wird als etwas wahrgenommen, das so gut wie überwunden ist, auch wenn täglich derzeit immer noch über 40.000 Menschen erkranken und rund 1000 Menschen sterben.

Zum Ende des Jahres solle es einen sicheren Impfstoff geben, behauptet Vizepräsident Mike Pence. Und die Wirtschaft röhrt angeblich auf der Überholspur, während jede Woche eine weitere Million Amerikaner Arbeitslosenhilfe beantragt.

"Law and Order" statt Rassismusdebatte

Rassismus, das andere große Thema? Gibt es nicht. Die USA seien kein rassistisches Land, sagte Nikki Haley, die frühere UN-Botschafterin: "Das ist eine Lüge". Die Demonstrationen wiederum werden nicht als Aufruf zu gesellschaftlicher Debatte verstanden, sondern als blanke Anarchie. "Die Gewalt muss aufhören, ob in Minneapolis, Portland oder Kenosha", sagte Vizepräsident Pence. Nicht etwa, um endlich miteinander zu reden, sondern weil "zu viele amerikanische Helden" dabei gestorben seien.

"Law and Order", damit wollen die Republikaner vor allem die Vorstadtwähler erobern. Joe Biden wolle die Suburbs abschaffen, behauptet das Ehepaar McCloskey aus St. Louis, das vor kurzem noch mit Waffen auf Demonstranten gezielt hatte. Der rassistische Subtext heißt: Die Demokraten wollen arme, schwarze Leute in eurer Nachbarschaft ansiedeln, deshalb verlieren eure Häuser an Wert und die Kriminalität steigt.

Trump inszeniert sich als Kämpfer gegen das Establishment

Halbwahrheiten, Übertreibungen und Lügen sind für die Republikaner das Mittel zum Zweck. Schon am ersten Abend hätten sie mehr Lügen verbreitet als die Demokraten in einer Woche, behaupteten die liberalen US-Medien. Zur Ironie des Ganzen gehört, dass Donald Trump zwar einerseits gegen alle Regeln Wahlkampf vom Weißen Haus aus macht, andererseits aber nach vier Jahren im Weißen Haus immer noch so tut, als sei er der Kämpfer gegen das Establishment.

"The Best is yet to come", das Beste kommt erst noch, versprach der Präsident am Ende des viertägigen Parteitages. Was das heißt, ist nicht in einem Parteiprogramm nachzulesen, denn das gab es diesmal ausdrücklich nicht. Es ist aber nach vier langen Fernsehabenden nun für alle offen nachzuvollziehen.

Nachfolgerinnen bringen sich in Stellung

Und sollte sich der heute 74-Jährige dann doch irgendwann mal zurückziehen, haben ein paar mögliche Nachfolger schon einmal die Visitenkarte abgegeben: Kristi Noem, die Gouverneurin von South Dakota, Nikki Haley, die frühere UN-Botschafterin, und Tim Scott aus South Carolina, der einzige schwarze Senator. Und auch Trumps Kinder klangen, als wollten sie sich bewerben.

Auch die Demokraten wissen nach dem Spektakel, was auf sie zukommt. Dass Joe Biden ein netter Kerl ist, wird nicht reichen, um die Wahl zu gewinnen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. August 2020 um 09:00 Uhr.

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