Anhänger der Regierungspartei Montenegros schwenken Flaggen vor einer orthodoxen Kirche. | AP

Parlamentswahl in Montenegro Mit Hilfe der Kirche zum Machtwechsel?

Stand: 30.08.2020 23:39 Uhr

Seit 30 Jahren dominieren Milo Djukanovic und seine Partei die Politik Montenegros. Nun hofft die Opposition auf einen Wechsel - und fühlt sich durch den Konflikt über den Status der orthodoxen Kirche bestärkt.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

"Wir sind das einzige postkommunistische Land, das nie die Regierung gewechselt hat. Das ist die Situation in Montenegro", sagt Nebojsa Medojevic, langjähriger Oppositionspolitiker der stärksten Gruppierung "Für die Zukunft Montenegros". Dem Wahlsonntag blickt er zuversichtlich entgegen: Aus seiner Sicht stehen die Chancen dieses Mal recht gut, die drei Jahrzehnte währende Dominanz der Sozialisten unter Partei- und Staatschef Milo Djukanovic zu beenden.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Gegenüber dem ARD-Studio Wien macht Medojevic mehrere Gründe geltend: Die Korruption und, wie er sagt, Verbindungen Djukanovics zur organisierten Kriminalität seien selbst mit repressiven Maßnahmen nicht mehr zu überdecken. Die Wirtschaft des rund 600.000 Einwohner großen Landes hänge zu mehr als 30 Prozent vom Tourismus ab, und die hohen Corona-Infektionszahlen hätten zu einem fast vollständigen Stopp dieser Einnahmequellen geführt.

Konflikt um orthodoxe Kirche

Und schließlich: Djukanovic habe Ende vergangenen Jahres mit dem Vorstoß, die orthodoxe Kirche müsse ihre Besitztümer aus der Zeit vor 1920 nachweisen, die große Mehrheit der Bevölkerung gegen sich aufgebracht. "Er hat einen Fehler gemacht, als er die Identitätsfrage gestellt und versucht hat, die orthodoxe Kirche zu zerstören und zu nationalisieren." Damit habe er junge Leute und orthodoxe Bürger motiviert, zur Wahl zu gehen, so Medojevic. "80 Prozent der Einwohner Montenegros gehören dem orthodoxen Glauben an. Wir wissen zudem, dass 60 bis 65 Prozent der Bürger gegen Djukanovic sind und unsere Aufgabe besteht darin, sie zur Stimmabgabe zu bewegen."

Vergangenen Sonntag, vor der großen Kirche der Auferstehung Christi in der Hauptstadt Podgorica, nutzten zahlreiche Gläubige - wie schon in den vergangenen Wochen und Monaten - die Gelegenheit, ihrem Zorn auf den Staatspräsidenten Luft zu verschaffen. "Milo, du Dieb, Milo, du Dieb. Montenegro hat sich erhoben, das Heiligtum muss verteidigt werden", skandierten die Gläubigen.

Djucanovic wehrt sich gegen Kritik

Staatspräsident Djukanovic weiß sehr wohl um die Intensität der Proteste gegen ihn. Im Interview mit der ARD hält der 59-Jährige nüchtern dagegen: "Ich kenne diese Version der Wahrheit in Montenegro. Wir hatten einen sehr stürmischen Prozess anlässlich der Verabschiedung des Gesetzes über die Religionsfreiheit." Bei diesem Anlass hätte sich wieder die Polarisierung der Gesellschaft gezeigt. "Viele Bürger, die im Staatsdienst arbeiten, sind erschienen: Ärzte, Professoren, Beschäftigte in der Staatsverwaltung und bei der Armee, die gemäß ihrer freien Meinung die Position der Kirche unterstützt haben."

Djukanovic weist die massive Kritik der Oppositionsparteien zurück: Diese wollten die Lage in Montenegro schlecht reden und hätten keine Alternativen aufzuzeigen. Seine "Demokratische Partei der Sozialisten", der er seit 23 Jahren vorsteht, dürfte sich auf ihre Anhängerschaft verlassen können. Bei einem seiner letzten Wahlkampfauftritte vor dem Wahlsonntag in Budva ließ sich Djukanovic ausgiebig medienwirksam feiern: "Du bist unsere erste Liebe, Montenegro, wir lieben Dich!"

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 30. August 2020 um 09:05 Uhr.