Menschen warten vor einem Wahllokal in Teheran. | AP

Präsidentenwahl im Iran "Es wird nichts besser werden"

Stand: 18.06.2021 19:12 Uhr

Die Iraner wählen heute ihren neuen Präsidenten. Favorit ist der ultra-konservative Justizchef des Landes. Doch während die einen unbedingt ihre Stimme abgeben wollen, haben andere bereits resigniert.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul, zzt. Teheran

Der Oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei ist der Erste am Morgen, gleich um sieben Uhr iranischer Zeit, der seine Stimme abgibt. "Durch Wahlen und Abstimmungen bestimmen die Menschen die grundlegende Linie des Landes für die nächsten Jahre", sagt er.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Normalerweise würden die Wahllokale erst um acht Uhr aufmachen und am Abend schließen. Wegen der Corona-Pandemie sind die Öffnungszeiten länger, heute geht es mindestens bis Mitternacht, wahrscheinlich sogar bis zwei Uhr nachts. Und tatsächlich ist einiges los an zentralen Wahllokalen - Umfragen hatten eine Wahlbeteiligung von maximal 40 Prozent vorhergesagt.

Hossein hat sein Moped direkt neben einem Wahllokal geparkt, um etwas zu erledigen. Drinnen war der 64-Jährige nicht. "Niemand weiß doch, was zu tun ist", sagt er. "Wir haben den letzten Präsidenten gesehen und erlebt, dass er nichts bewirken konnte." Er ist desillusioniert und deprimiert. Er selbst komme noch über die Runden, erzählt er, aber anderen gehe es wirklich schlecht. Und immer mehr rutschen in die Armut ab, auch aus der Mittelschicht.

Raisi ist Favorit

Shahrzad lebt seit zwei Jahren in Kanada, wollte aber unbedingt dem Wirtschaftsexperten Abdol Nasser Hemmati ihre Stimme abgeben, dem einzigen Kandidaten, der nicht aus dem Lager der Ultra-Konservativen oder dem der Hardliner kommt. "Ich denke, das erste Problem unseres Landes ist die Wirtschaftslage", sagt sie. "Zum Teil sind die Sanktionen schuld, teilweise aber auch hausgemachte Probleme." Sie spielt auf Korruption und Misswirtschaft an.

Der Teheraner Kleriker Mohsen kommt gerade aus einem Wahllokal in der Innenstadt von Teheran. Er trägt einen weißen Turban und einen braunen dünnen Mantel. Der 54-Jährige hat für Ebrahim Raisi gestimmt, ebenfalls ein Kleriker, und aktueller Justizchef.

Raisi ist der Favorit der Wahl und gilt ans ultra-konservativ. Mohsen glaubt, er kann die Korruption bekämpfen, stellt aber gleich klar: "Ich muss zuallererst sagen, dass die Korruption in unserem Land nicht zum System gehört. Es sind die Leute, die Gelegenheiten ausnutzen, die man ihnen geschaffen hat. Das führt zu Korruption."

Raisi wird für Menschenrechtsverletzungen in den 1980er-Jahren mitverantwortlich gemacht. Damals wurden Tausende politische Gefangene hingerichtet. Auch wenn Shahrzad ihn nicht gewählt hat, sie könnte trotzdem mit einem Präsidenten Raisi leben, sagt die 29-Jährige.

Ich denke, wir können nur danach entscheiden, wie jemand jetzt ist, nicht danach, wie er in der Vergangenheit war. Denn Leute können sich ändern, ihre Ideen, ihre Entscheidungen. Mir macht das keine Gedanken, wenn er Präsident werden würde. Denn was zählt, ist, wie jemand jetzt denkt. Ich habe keine Angst vor einem Präsidenten Raisi. Aber schauen wir mal.

Für sie ist es eine Pflicht, zu wählen.

"Sie werden keine gute Zukunft haben"

Khamenei versucht auch am Morgen noch einmal die Menschen zur Wahl zu animieren. "Der Tag heute gehört den Menschen. Und wie auch immer das iranische Volk sich heute entscheidet an den Wahlurnen durch seine Stimme, es gestaltet dadurch seine Zukunft", sagt er.

Hossein hat schon den Schlüssel in das Zündschloss seines Mopeds gesteckt. Der 64-Jährige würdigt das Wahllokal mit keinem Blick. Er denkt an seine Kinder. "Ihre Zukunft? Sie werden keine gute Zukunft haben", glaubt er. "In den letzten Jahren hat sich nichts geändert, bis heute nicht. Und mit einem neuen Präsidenten wird auch in den nächsten Jahren nichts besser werden." Dann steigt er auf sein Moped und düst davon.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Juni 2021 um 18:13 Uhr.