Lula da Silva bei einer Wahlkampfveranstaltung | AFP

Brasiliens Präsidentschaftskandidat Lula Hoffnungsträger oder vermeintlicher Krimineller?

Stand: 02.10.2022 08:39 Uhr

Brasiliens Ex-Präsident Lula hat gute Chancen, den aktuellen Präsidenten Bolsonaro abzulösen. Obwohl Lula anderthalb Jahre wegen Korruption im Gefängnis saß, scheint er für viele Brasilianer die bessere Wahl.

Von Fernanda Bloise und Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

In diesen Tagen läuft Maria de Jesus Oliveira meist mit einem Lächeln durch ihr Restaurant. Die 68-Jährige - Spitzname "Tia Zélia" - hofft auf einen Wahlsieg des linken Ex-Präsidenten Lula da Silva. Der liegt in Umfragen deutlich vor dem rechten Amtsinhaber Jair Bolsonaro. Das gesamte Restaurant von Tia Zélia ist voller Lula-Devotionalien: Stoffpuppen, Fotos und Pappaufsteller. Denn sie gilt als eine der bekanntesten Lula-Verehrerinnen des Landes, seit sie vor vielen Jahren ihr Restaurant im Zentrum von Brasilia eröffnet hat.

Damals war sie aus dem Städtchen Buritirama aus dem armen Nordosten in die Hauptstadt gekommen und verdingte zunächst als Zimmermädchen. Später verkaufte sie hausgemachtes Essen an Bauarbeiter und eröffnete später ihr eigenes Restaurant. Dort traf sie zum ersten Mal auf den damaligen Präsidenten Lula da Silva, der - so wie Tia Zélia - auch aus dem Nordosten geflohen war und sich hochgearbeitet hatte. Besonders angetan war Lula von Tia Zélias Ochsenschwanz-Gericht.

Lulas Regierungszeit sieht sie positiv: "Lula hat als Präsident einmal den Bürgermeister von meinem Heimatdorf persönlich angerufen. 40 Tage später war meine Familie endlich an das Strom- und Wassernetz angeschlossen."

Geboren in einfachen Verhältnissen

Luiz Inácio da Silva - genannt "Lula” - hatte zuvor einen beispiellosen Aufstieg hingelegt: Geboren in einfachen Verhältnissen stieg er als Gewerkschaftsführer auf und erlangte landesweite Bekanntheit im Kampf gegen die Militärdiktatur. Nach drei vergeblichen Versuchen wurde er 2002 zum Präsidenten gewählt. Er legte Sozialprogramme auf und sorgte dafür, dass Millionen Menschen die Armut hinter sich ließen.

Jetzt hoffen seine Anhänger im Wahlkampf auf ein Comeback des Mannes mit dem grauen Bart. Viele Unterstützer erinnern sich an seine erfolgreiche Präsidentschaft, als er extrem hohe Zustimmungswerte erreichte. "Dank Lula konnten vier meiner Familienmitglieder studieren", erklärt Generosa de Jesus bei einem Lula-Auftritt vor Anhängern einer evangelikalen Freikirche.

Der Besuch bei streng religiösen Wählern gehört zu Lulas Strategie, politische Gegner zu umgarnen. Dabei streicht er stets heraus, dass er für Religionsfreiheit eintritt und kritisiert Bolsonaro, dieser würde Jesus für politischen Wahlkampf missbrauchen. Und natürlich preist Lula auch seine Sozialpolitik. "Vor meiner ersten Amtszeit sah man fast keine Schwarzen an den Universitäten - als wären diese Orte nur für die reiche weiße Elite. Heute dagegen ist an jeder Uni die Hälfte schwarz."

Die andere Seite des Lula

Neben Lulas unbestrittenen Verdiensten gibt es auch eine andere Seite. Die massive Kritik, die ihm zuletzt entgegenschlug, hat ihren Ursprung in den Korruptionsskandalen, die bei seiner Regierung aufgedeckt wurden. Unternehmer und Politiker seiner gesamten Regierungsallianz hatten über Jahre Milliarden hinterzogen. Ein nie dagewesener Skandal, der für einen Aufschrei in Brasilien sorgte. Lula selbst hat immer bestritten, sich persönlich bereichert zu haben. Dennoch wurde er 2018 inhaftiert. Der Vorwurf: Bestechlichkeit. Nach mehr als anderthalb Jahren in Haft wurde er aus formalen Gründen freigelassen und erhielt seine politischen Rechte zurück.

In der Rückschau ist Lulas Verhältnis zur Korruption widersprüchlich. Einerseits wurde zahlreichen seiner früheren politischen Verbündeten Bestechlichkeit nachgewiesen und ein strukturelles Korruptionsnetzwerk zu seiner Amtszeit aufgedeckt. Gleichzeitig hat Lula nachweislich die Strukturen staatlicher Ermittlungsbehörden gestärkt. Er selbst schreit auf der Bühne seinen Unterstützern entgegen: "Ich habe die Staatsanwaltschaft nie behindert. Anders als Bolsonaro habe ich mich nie eingemischt, weil ich für eine unabhängige Staatsanwaltschaft eintrete."

Unterstützung von Prominenten

Dass Lula trotz fehlender weißer Weste nun erneut Präsident werden könnte, liegt wohl auch an Bolsonaros Pandemie-Politik. Dessen Corona-Management sei katastrophal gewesen, kritisierte Lula im ARD-Interview. "Bolsonaro hätte viel früher Impfstoffe kaufen müssen. Darüber hinaus hat eine Untersuchungskommission aufgedeckt, dass es zu Korruption beim Kauf der Impfstoffe kam."

Jetzt hat Lula zahlreiche Allianzen geschmiedet. So versammelte er Prominente, Influencer und Künstler in São Paulo zu einer Veranstaltung, die in Anlehnung an das berühmte Lolapalooza-Musikfestival in den sozialen Netzwerken den Namen "LulaPalooza" erhielt. Die Prominenten sollen helfen, dass Unentschlossene für Lula stimmen. Im Juli bereits erklärte Anitta, die weltweit meistgehörte brasilianische Sängerin, ihre Unterstützung für Lula.

Seinen jüngsten Coup landete er bei einem Abendessen mit der Geschäftswelt. Um konservative Wähler zu gewinnen, traf er Unternehmer, die bislang eher mit Bolsonaro in Verbindung gebracht wurden. Dabei versicherte er den Großunternehmern, dass seine Regierung keine wirtschaftlichen Maßnahmen ergreifen werde, die den produktiven Sektor beunruhigen könnten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 27. September 2022 um 23:21 Uhr.